Panorama

Bergisch-Gladbach-Komplex Ermittler entwirren pädokriminelles Netzwerk

Ein 27-Jähriger wurde bereits verurteilt.

Ein 27-Jähriger wurde wegen des Missbrauchsfalls von Bergisch Gladbach bereits verurteilt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach zieht enorme Kreise - mittlerweile gibt es Spuren zu potenziell 30.000 Tatverdächtigen. Die Behörden sprechen nicht nur von Verbreitung und Besitz von Kinderpornos, sondern auch von schwerem Missbrauch. Die wichtigsten Fragen rund um den Fall.

Wo nahm der Fall Bergisch Gladbach seinen Anfang?

Im Oktober 2019 durchsuchen Ermittler das Haus eines 42-jährigen Mannes in Bergisch Gladbach - und stellen dabei zahlreiche Datenträger mit etwa zehn Terabyte sicher. Wie sich später herausstellt, fand der Kindesmissbrauch innerhalb seiner Familie statt. Auch andere Männer, mit denen er vernetzt war, boten unter anderem Missbrauchs-Dateien ihrer eigenen Kinder an.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann unter anderem vor, seine 2017 geborene Tochter immer wieder sexuell missbraucht zu haben. Den überwiegenden Teil der Taten habe er fotografiert und gefilmt und diese Aufnahmen an Chatpartner weitergeleitet. Insgesamt werden dem Koch und Hotelfachmann 79 Straftaten zur Last gelegt, wie das Landgericht Köln mitteilte.

Der Fall Bergisch Gladbach folgte nur wenige Monate auf den Missbrauchsfall von Lügde. Beide großen Fälle offenbarten, wie sich die Täter ihre Opfer gegenseitig anboten und das kinderpornografische Material untereinander verbreiteten. Im Juni 2020 wird außerdem in Münster ein neuer Missbrauch öffentlich.

Wie viele Kinder konnten identifiziert werden?

Die Sonder-Ermittlungsgruppe "Berg" hat bisher 44 Kinder identifiziert und aus den Fängen der Täter befreit. Darunter war auch ein drei Monate altes Baby. Priorität hat bei den Ermittlungen, den fortgesetzten Missbrauch zu unterbinden.

Wie viele Tatverdächtige sind schon namentlich bekannt?

Bislang sind bundesweit 72 Verdächtige identifiziert worden. Zehn waren zuletzt in U-Haft. Sieben Anklagen gegen acht Personen sind bereits erhoben worden. Weil die Täter im Netz unter Pseudonymen agieren, ist die Ermittlungsarbeit besonders kompliziert. Die Justizbehörden sprechen von potenziell 30.000 Tatverdächtigen - und arbeiten nun daran, diese Spuren einzelnen Personen zuzuordnen. Michael Mertens, der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei NRW, sagte RTL/ntv, er befürchte, auch die Zahl von 30.000 werde "noch nicht das Ende sein".

Wer sind diese Tatverdächtigen?

Das weiß man bisher noch nicht. Auf jeden Fall sind sie nicht nur in Nordrhein-Westfalen oder Deutschland zu finden, sondern vermutlich auf der ganzen Welt. "Wenn mit der Zahl der Spuren die IP-Adressen gemeint sind, reden wir mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer deutlich geringeren Anzahl von Menschen, die sich dahinter verbergen", sagte der Internet-Experte Bernhard Krönung, Beirat des größten deutschen Internetknotenpunkts DE-CIX. Krönung verwies darauf, dass Provider oft in regelmäßigen Abständen den Anschlüssen neue IP-Adressen zuweisen. Außerdem versuchten Kriminelle, im Internet ihre Spuren häufig im Anonymisierungsnetzwerk TOR zu verwischen. "Da werden auch jeweils neue IP-Adressen verwendet." Gerade in Fällen schwerer Kriminalität versuchten die Täter auch, ihre örtliche Herkunft zu verschleiern. "Die loggen sich dann über Internet-Cafés oder öffentlich zugängliche WLAN-Hotspots ein." Daher könne es sein, dass einem Tatverdächtigen in dem Missbrauchsfall eine Vielzahl von IP-Adressen zuzuordnen seien.

Wie kommen die Täter zusammen?

"Wir haben einen globalen digitalen Raum ohne physische Grenzen, in dem sich Täter vernetzen können, in dem sie kaum Angst vor Strafverfolgung haben", sagt Thomas-Gabriel Rüdiger, Cyberkriminologe an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg, im RBB. Das Netz mache es den Tätern deutlich einfacher als früher, im Darknet können sie sich finden und leicht austauschen. Deswegen vernetzen sich dort auch Hunderttausende. "Es ist die schiere Masse, die ein Problem ist", so Rüdiger.

Wie kommen die Ermittler den vielen Tatverdächtigen auf die Spur?

Im Komplex Bergisch Gladbach ermitteln derzeit in ganz Nordrhein-Westfalen täglich 120 bis 140 Spezialisten unter Leitung der Kölner Polizei. In Spitzenzeiten waren es sogar 350 Mitarbeiter. Die Arbeit in der seit Herbst 2019 bestehenden Ermittlungsgruppe sei psychisch sehr belastend, sagte der Kölner Kriminaldirektor Michael Esser der dpa. Drei seiner Kolleginnen und Kollegen seien dauerhaft krank geworden. Andere hätten nach psychologischer Betreuung den Dienst wieder aufnehmen können. Insbesondere die Sichtung des Videomaterials bringe jeden Ermittler an die Grenze seiner Belastbarkeit. Es müsse aber sein, um Täter und Kinder zu identifizieren und somit weiteren Verbrechen vorzubeugen. Die Ermittler achten auf Besonderheiten wie Sprachen, Dialekte und wiederkehrende Gegenstände und Orte, um Täter zuzuordnen. Es ist komplexes Geflecht, dass sie erst nach und nach und unter großer Anstrengung entwirren können.

Mehr Informationen zur Aufklärungsarbeit bei Kinderpornografie lesen Sie hier in einem früheren Interview von ntv.de.

Wer verbirgt sich hinter dem Netzwerk?

Laut den Justizbehörden handelt es sich um internationale pädokriminelle Netzwerke mit Schwerpunkt im deutschsprachigen Raum. In Gruppenchats mit Tausenden Nutzern und in Messengerdiensten gingen die Täter wie selbstverständlich mit ihren Missbrauchstaten um, heizten sich an und gaben sich Tipps, etwa, welche Beruhigungsmittel man Kindern am besten verabreiche, um sie sexuell zu misshandeln.

Wie läuft die juristische Auswertung?

Nach Angaben des NRW-Justizministeriums wird eine "Task Force" von Cyber-Ermittlern am Mittwoch die Arbeit aufnehmen. Sechs Staatsanwälte sollen sich dann unter großem Zeitdruck zuerst um die Fälle bemühen, bei denen davon auszugehen ist, dass der Missbrauch von Kindern fortgesetzt werde. Justizminister Peter Biesenbach kritisierte, dass es noch immer keine Pflicht zur Speicherung und Herausgabe der Verbindungsdaten gebe. Ob es in allen Fällen gelinge, hinter den Pseudonymen, mit denen die Kriminellen kommunizieren, die tatsächlichen Namen zu ermitteln, sei daher unklar, sagte Oberstaatsanwalt Markus Hartmann, Leiter der Cybercrime-Zentralstelle NRW.

Quelle: ntv.de, mit dpa