Panorama

Riskante Corona-Strategie Großbritannien lockert in die vierte Welle hinein

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"Unumkehrbar"? Premierminister Boris Johnson trägt die politische Verantwortung.

(Foto: picture alliance/dpa/PA Wire)

Keine Maskenpflicht, keine Verbote mehr: Am 19. Juli hat die britische Regierung fast alle Corona-Regeln aufgehoben. Welche Folgen hat die riskante Öffnungsstrategie der Briten? Die wichtigsten Daten im Überblick.

Englands "Tag der Freiheit" wurde im In- und Ausland sehr unterschiedlich aufgenommen: Während die einen bei dröhnender Musik im Klub das Ende von Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht feierten, zeigten sich Experten aus aller Welt entsetzt über den riskanten Kurs der britischen Regierung. London setzt seit dem 19. Juli voll und ganz auf die Eigenverantwortung der Bürger, wenn es darum geht, sich und andere vor einer Coronavirus-Infektion zu schützen.

Bereits Anfang Juli hatte Premierminister Boris Johnson angekündigt, die Regeln und Verbote zur Eindämmung der Pandemie bald aufzuheben. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als die Fallzahlen unter dem Einfluss der hochansteckenden Delta-Variante schon wieder stark anstiegen - trotz der noch geltenden Restriktionen.

Die Entwicklung der britischen Fallzahlen:

Mitte Mai lag das Fallaufkommen landesweit noch bei etwas mehr als 20 Fällen je 100.000 Einwohner und Woche. Doch dann setzte die Trendwende ein. Zum "Freedom Day" am 19. Juli 2021 wies Großbritannien mit durchschnittlich mehr als 46.000 Neuinfektionen pro Tag bereits extrem hohe Fallzahlen auf. Die Sieben-Tage-Inzidenz lag im Vereinigten Königreich bei 482 Fällen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen. Angesichts der sehr weitreichenden Lockerungen steht zu befürchten, dass sich der Anstieg fortsetzt, vielleicht sogar beschleunigt.

Das wieder aufgeflammte Infektionsgeschehen wirkt sich schon jetzt auch auf die Zahl der gemeldeten Todesfälle aus. Bis etwa Mitte Juni ließ sich noch ein kontinuierlicher Rückgang der Sterbefälle beobachten - wohl dank der erfolgreichen Impfkampagne. Mittlerweile steigt die Zahl der täglich gemeldeten Verstorbenen in Großbritannien aber wieder an.

Die Lage in den britischen Krankenhäusern:

Der Anstieg bei den Covid-19-Toten fällt jedoch weniger drastisch aus als in den vorherigen Wellen, als noch kein Impfstoff breit verfügbar war und bestimmte Alters- und Bevölkerungsgruppen einem hohen Sterberisiko ausgesetzt waren.

Den meisten Sterbefällen geht ein schwerer Krankheitsverlauf voraus. Die Betroffenen müssen im Krankenhaus behandelt und oft auch künstlich beatmet werden. Entsprechend scharf stehen die Hospitalisierungsrate und der Anteil der Covid-Patienten auf den Intensivstationen unter Beobachtung.

Die von der Delta-Variante verursachte Ansteckungswelle macht sich in Großbritannien längst in der Zahl der Krankenhauseinweisungen bemerkbar. Laut "The Guardian" wurden am 19. Juli in Großbritannien 752 Corona-Patienten ins Krankenhaus eingeliefert. Dies ist der höchste Tageszuwachs seit dem 25. Februar und entspricht einem Anstieg von 21 Prozent gegenüber der Vorwoche, berichtet die Zeitung.

Die Hoffnung ist, dass die Infektion für einen Großteil der Patienten der vierten Welle glimpflich ausgeht. Schließlich sind die Risikogruppen in Großbritannien überwiegend geimpft. Es erkranken nun vor allem die jüngeren Altersgruppen an Covid-19. Die Krankheit, so lautet die Hoffnung, dürfte daher seltener tödlich verlaufen. Doch die vergangene Woche zeigt ein anderes Bild: Die Todesfälle nehmen jetzt schon stetig zu. In den vergangenen sieben Tagen starben 59,8 Prozent mehr Menschen an oder mit Covid-19 als in der Vorwoche.

Die Corona-Lage in England, Schottland, Wales und Nordirland:

Dennoch gilt: Wenn zu viele Fälle auftreten, kann es zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kommen. Und das schadet allen Patienten. Nicht dringend nötige Operationen werden dann abgesagt oder verschoben. Patienten müssen für ein freies Bett zum Teil Hunderte Kilometer transportiert werden. Insbesondere die begrenzten Kapazitäten auf den Intensivstationen sind ein Grund, warum die Eindämmung des Infektionsgeschehens als so wichtig erachtet wird.

Nicht alle Länder und Regionen im Vereinigten Königreich sind gleichermaßen von der vierten Welle betroffen, wie die folgenden Grafiken zeigen. Nordirland, Wales und Schottland etwa liegen mit ihren Inzidenzwerten unter dem Landesdurchschnitt, während der Nordosten Englands auf Werte jenseits der 1000 zusteuert. Interessant dabei: Die weniger betroffenen Landesteile bestimmen ihre Corona-Regeln weitgehend selbst. Schottland zum Beispiel beteiligt sich nicht an der riskanten Öffnungsstrategie der Regierung in London.

Die Trends bei der Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien:

Trotz des Verzichts auf allgemeine Corona-Beschränkungen räumt auch die britische Regierung ein, dass die Pandemie längst noch nicht durchgestanden ist. Selbst Premierminister Boris Johnson hat die Bürger ermahnt, weiterhin vorsichtig zu sein und verantwortungsvoll mit den neu gewonnenen Freiheiten umzugehen. Gleichzeitig bezeichnete er den Schritt als "unumkehrbar". Kritiker warfen der Regierung in London vor, widersprüchliche Signale auszusenden.

Ob es Großbritannien gelingt, trotz rasant steigender Fallzahlen gut durch den zweiten Corona-Herbst und -Winter zu kommen, bleibt abzuwarten. In den Niederlanden ist der Versuch, allein auf die Wirkung der Impfungen zu vertrauen und alle anderen Schutzmaßnahmen frühzeitig aufzuheben, bereits gescheitert. Schon nach wenigen Wochen musste die holländische Regierung die eingeführten Lockerungen wieder zurücknehmen und sich dafür entschuldigen, weil die Fallzahlen geradezu explodiert waren.

Die britische Impfquote im Vergleich:

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Anders als die Niederlande kann Großbritannien aber eine der höchsten Impfquoten in Europa vorweisen. Das könnte die negativen Auswirkungen abmildern und dazu führen, dass das Land selbst ein Fallaufkommen von mehr als 100.000 Neuinfektionen am Tag verkraftet. So jedenfalls lautet die Rechnung der Johnson-Regierung. Ob sie aufgeht, wird sich zeigen.

Kritiker halten die Öffnungsstrategie für ein gefährliches Pokerspiel. Denn die britische Regierung nimmt damit nicht nur in Kauf, dass es erneut zu vielen - potenziell vermeidbaren - Todesfällen kommen wird. Experten fürchten außerdem, dass das extrem hohe Fallaufkommen bei zugleich hoher Impfquote das Risiko neuer, gefährlicher Virusmutationen erhöht. Selbst aus wirtschaftlicher Sicht könnten sich die radikalen Lockerungen als Eigentor erweisen: Spätestens wenn über Monate hinweg unzählige britische Beschäftigte krankgeschrieben oder in Quarantäne sind, rächt es sich, dass man die Infektionswelle einfach rollen ließ.

Quelle: ntv.de

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