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Viele Fälle, aber wenig Tote Wie kritisch ist die britische Corona-Lage?

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Die Inzidenzen steigen in Großbritannien vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen.

(Foto: AP)

Die Corona-Infektionen steigen in Großbritannien weiter rasant an, seit Ende Januar wurden dort nicht mehr so viele Neuinfektionen gemeldet. Fast alle Fälle gehen auf das Konto der Delta-Variante, doch schwere Erkrankungen und Todeszahlen bleiben auf einem niedrigen Niveau.

Großbritannien hat am Montag 22.868 Neuinfektionen mit Covid-19 registriert, das ist der höchste Tageswert seit dem 23. Januar. Das ist kein Ausbrecher, die Fallzahlen steigen im Vereinigten Königreich kontinuierlich steil an, die 7-Tage-Inzidenz kletterte binnen einer Woche von 114 auf jetzt rund 172. Nur Zypern erreicht mit etwa 160 Fällen pro Woche und 100.000 Einwohnern in Europa einen ähnlich hohen Wert. Hinzu kommt, dass die britischen Neuinfektionen inzwischen zu 95 Prozent auf die hochansteckende Delta-Variante zurückzuführen ist. Trotzdem bleiben die Briten relativ entspannt, denn dank einer hohen Impfquote ist die Zahl der schweren Erkrankungen kaum gestiegen.

Krankenhäuser füllen sich nicht

In ihrer aktuellen Einschätzung der Delta-Variante schreibt die britische Regierung, es gebe Hinweise auf ein höheres Risiko schwer zu erkranken. Doch nachdem Mitte Mai mit knapp 100 Krankenhauseinlieferungen im 7-Tage-Durchschnitt der Tiefststand erreicht wurde, sind die Covid-19-Hospitalisierungen in Großbritannien bisher nur auf aktuell rund 225 Neuaufnahmen pro Tag angewachsen.

Noch geringer sind die Auswirkungen auf die Anzahl der Menschen, die innerhalb von 28 Tagen nach ihrem positivem Test an oder mit Covid-19 gestorben sind. Von ungefähr sechs Fällen stieg der 7-Tage-Durchschnitt seit Mitte Mai auf etwa 14.

Zum Vergleich: Im Januar nahmen die britischen Krankenhäuser durchschnittlich mehr als 4000 Corona-Patienten täglich auf und jeden Tag zählte das Königreich über 1200 Covid-19-Tote. Selbst bei weiter steigenden Inzidenzen ist daher kaum mit einer erneuten Überlastung des britischen Gesundheitssystems zu rechnen.

Hohe Inzidenzen führen nicht mehr zu mehr Toten

Durch den Impferfolg gelinge es offenbar zunehmend, den Zusammenhang von Infektionen und schweren Verläufen zu durchbrechen, sagt Jenny Harries, Chefin der britischen Agentur für Gesundheitssicherheit. Man dürfe sich jetzt aber nicht zufrieden zurücklehnen, sondern müsse die Quote der Zweitimpfungen weiter erhöhen.

Tatsächlich ist die Impfkampagne in Großbritannien bereits weit fortgeschritten. Rund 85 Prozent der Erwachsenen haben bisher eine Dosis erhalten, knapp 62 Prozent sind bereits zweimal geimpft. Doch das Vereinigte Königreich hat aktuell ein Problem. Denn wie Jenny Harries sagt, ist die Wirkung einer einzelnen Dosis bei der Delta-Variante sehr niedrig, nur doppelt Geimpfte genießen einer Analyse der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) zufolge einen über 90-prozentigen Schutz vor schweren Erkrankungen mit Hospitalisierung. Das gilt der Studie nach auch für den Vektor-Impfstoff von Astrazeneca.

Impftempo verlangsamt sich deutlich

Doch die britische Impfkampagne ist ins Stocken geraten. Die Zahl der durchschnittlich verabreichten Impfungen ist seit Ende Mai von täglich mehr als 500.000 auf deutlich weniger als 400.000 gefallen. Noch dramatischer ist aber der Rückgang der Zweitimpfungen: Ende Mai erhielten im Schnitt noch rund 400.000 Briten pro Tag ihren zweiten Piks, aktuell sind es weniger als 170.000.

Das bedeutet wiederum, dass es trotz der insgesamt hohen Quote noch für einige Zeit sehr viele Menschen in Großbritannien geben wird, die nur einen schwachen Impfschutz oder gar keinen haben. Dazu gehören auch alle Minderjährigen. Bisher gilt, dass Kinder außen vorbleiben, selbst bei Vorerkrankungen sollen nur über 16-Jährige geimpft werden.

Inzidenzen steigen vor allem bei 16- bis 24-Jährigen

Da bis Mitte April vor allem die über 50-Jährigen geimpft wurden, steigen im Vereinigten Königreich die Inzidenzen ausschließlich bei den jüngeren Altersgruppen an. Den jüngsten Daten der britischen Statistikbehörde zufolge gibt es vor allem unter den 16 bis 24 Jahre alten Briten sehr viele Infektionen. Bei den 25- bis 34-Jährigen scheint sich ein vorübergehend stärkerer Anstieg abgeschwächt zu haben, die Kurve der Schulkinder zwischen elf und 15 Jahren steigt auf niedrigem Niveau leicht an. Alle anderen Altersgruppen sind für das Infektionsgeschehen praktisch nicht relevant.

Das trifft allerdings für die über 50 Jahre alten Briten nur bei den Inzidenzen zu. Denn dem jüngsten Bericht zu den besorgniserregenden Virusvarianten (VOC) ist zu entnehmen, dass es nach wie vor die meisten Corona-Toten in dieser Altersgruppe gibt. Das gilt auch für die Delta-Variante.

Von allen 117 vom 1. Februar bis 21. Juni gezählten Delta-Toten waren 109 älter als 50 Jahre. Und wie bei der Altersgruppe anzunehmen ist, waren unter ihnen etliche Geimpfte. 18 hatten die erste Dosis erhalten, 50 waren sogar schon doppelt geimpft. Von den jüngeren Todesfällen hatten lediglich zwei die erste Dosis erhalten.

Warum so viele zweifach Geimpfte sterben

Dass fast die Hälfte der Delta-Opfer zweifach geimpft war, könnte zu der Annahme führen, dies sei ein Beleg für eine schwache Schutzwirkung der Vakzine gegen die hochansteckende Variante. Wissenschaftsjournalist Lars Fischer erklärt in "Spektrum", warum das ein Irrtum ist.

Da die Vakzine keinen 100-prozentigen Schutz böten, käme es auch bei zweifach geimpften Menschen zwangsläufig zu Infektionen, schreibt er. In den meisten Fällen erkrankten diese zwar nicht schwer, aber es gebe Ausnahmen. Die Studie zur Wirksamkeit der Impfstoffe erfassten nicht alle besonders vulnerablen Gruppen wie Menschen mit geschwächtem Immunsystem, beispielsweise Krebskranke oder Patienten nach einer Organtransplantation, so Fischer. Vieles deute darauf hin, dass die Impfungen diese Gruppen nicht so vollständig vor schweren Erkrankungen schützen, wie die Zahlen in den Studien an gesunden Menschen ergeben hätten.

Außerdem hätten sehr alte Menschen und andere vulnerable Gruppen ein so hohes Sterberisiko, dass es auch nach einer Impfung mit einem zu 95 Prozent wirksamen Vakzin höher als bei gesunden jüngeren Menschen sei, schreibt Fischer. "Das führt zu dem scheinbar paradoxen Resultat: Je weiter die Impfkampagne voranschreitet, desto höher wird potenziell der Anteil der vollständig Geimpften an den Coronatoten."

Der Artikel passt zu einer Studie der Berliner Charité. Sie ergab kürzlich, dass der Impfschutz bei sehr alten Menschen weniger stark ausfallen kann. Die Wissenschaftler untersuchten einen Ausbruch in einem Pflegeheim, bei dem sich auch 16 Bewohner ansteckten, die zweimal geimpft waren. Zwar erkrankten sie nicht so schwer, allerdings fand der Ausbruch im Februar statt, als die Delta-Variante in Deutschland noch keine Rolle spielte.

Welches Risiko haben Minderjährige?

Da die etwas stotternde Impfkampagne fast ausschließlich die unter 50-Jährigen betrifft, hält sich das Problem für das britische Gesundheitssystem also in engen Grenzen. Trotz des verlangsamten Tempos kann die Regierung immer noch ihr Ziel erreichen, bis zum 15. Juli alle Erwachsene, die das möchten, wenigstens einmal geimpft zu haben. Zwei Drittel von ihnen soll bis dahin beide Dosen erhalten haben.

Übrig bleiben die Kinder und Jugendlichen. Die Gefahr unmittelbar schwer an Covid-19 zu erkranken, ist für sie zwar sehr gering. Auch das sogenannte Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) tritt nach einer Ansteckung äußerst selten auf. Doch es muss noch geklärt werden, wie hoch das Risiko jüngerer Menschen ist, nach einer Infektion an Post-Covid (Long-Covid) zu leiden.

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Ein kürzlich veröffentlichtes Preprint einer Studie des University College London hat ergeben, dass rund fünf Prozent der Kinder Post-Covid-Symptome entwickeln. Die Wissenschaftler nutzten dazu Daten von 4700 Kindern aus englischen und walisischen Haushalten. Die Symptome dauerten ein bis sechs Monate, wobei der Median 46 Tage betrug. Allerdings waren darunter Kinder mit Vorerkrankungen und es ist umstritten, welche Symptom-Dauer Long-Covid definiert.

Weitere Forschungen sind nötig, unter anderem hat das britische Gesundheitsministerium eine umfassende Studie im Juni gestartet, die bis zum 21. September läuft. In Deutschland sammelt die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) Daten aus Kinderkliniken zu Post-Covid. Man sehe "Patienten, die doch eine massive Symptomatik haben", sagt Kinderarzt Johannes Hübner, Vorsitzender der DGPI, "aber nicht sehr viele". Man müsse die Entwicklung jetzt einfach gut beobachten.

Quelle: ntv.de

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