Panorama

Keine Corona-Regeln mehr Wie gefährlich ist das englische Experiment?

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Geht die englische Party weiter oder endet sie in einem neuen Lockdown?

(Foto: AP)

Durch den Wegfall aller Corona-Restriktionen nimmt die britische Regierung bewusst 100.000 oder mehr Infektionen pro Tag in Kauf. Sie hofft, dass das englische Gesundheitssystem das Experiment "Freedom Day" verkraften kann, es könnte aber auch in einem Desaster enden - auch für den Rest der Welt.

In der Nacht zum Montag wurden in England fast alle einschränkenden Corona-Maßnahmen beendet. Schottland, Wales und Nordirland machen zwar nicht mit, sind aber indirekt betroffen. In Folge des "Freedom Day" werden in Großbritannien die ohnehin schon rapide steigenden Infektionszahlen noch schneller nach oben gehen, mehr Menschen ins Krankenhaus kommen oder sterben, mehr Infizierte an Langzeitfolgen leiden.

Wie stark das Gesundheitssystem unter Druck geraten wird, kann die Regierung in London nur schätzen, sie hofft, mit 100.000 Fällen täglich oder mehr die Lage noch beherrschen zu können. Das Experiment mit vielen Millionen Engländern könnte aber auch schon bald außer Kontrolle geraten.

Bisher noch wenige Kranke und Tote

Die Zahlen steigen in Großbritannien bereits seit Wochen an, die hochansteckende Delta-Variante ist inzwischen für nahezu 100 Prozent der Infektionen verantwortlich. Kamen noch Mitte Mai im 7-Tage-Schnitt rund 100 Covid-19-Patienten ins Krankenhaus, sind es jetzt mehr als 600. Auch die registrierten Todesfälle haben von rund 5 auf 40 zugelegt. Noch ist der Anstieg aber moderat und die Werte weit von den Höchstständen im Januar entfernt, als Großbritannien im 7-Tage-Schnitt mehr als 4000 Hospitalisierungen und fast 1300 Corona-Tote zählte.

Mit dem Wegfall der Einschränkungen in England wird sich die Entwicklung deutlich beschleunigen. Die Modellierung der Regierungsbehörde Scientific Advisory Group for Emergencies (SAGE) erwartet den Höhepunkt der jetzt frei rollenden dritten Corona-Welle frühestens Mitte August mit pro Tag 100.000 Neuinfektionen, 1000 bis 2000 Krankenhauseinweisungen und 100 bis 200 Toten.

Verhalten der Menschen entscheidend

Dabei gäbe es aber immer noch viele Unsicherheiten, schreibt "Newscientist". Unter anderem machten kleine Unterschiede bei der Wirksamkeit der Impfstoffe einen großen epidemiologischen Unterschied und möglicherweise gäbe es in Großbritannien mehr Ungeimpfte als angenommen, da die Ergebnisse der Anfang des Jahres durchgeführten Volkszählung in England, Wales und Nordirland noch nicht vorlägen.

Der größte Unsicherheitsfaktor sind SAGE zufolge aber die Menschen selbst. Denn bei der Modellierung gingen die Wissenschaftler davon aus, dass sich deren Verhalten nicht schlagartig, sondern langsam im Laufe der Monate verändert. Das heißt, dass sie sich - wie immer noch vorgeschrieben - selbst isolieren, wenn sie Kontakt zu einem Infizierten hatten oder Symptome zeigen, freiwillig Masken tragen oder im Homeoffice arbeiten. Im schlimmsten Fall rechnet die Modellierung mit bis zu 4800 täglichen Hospitalisierungen. Modellierungen der Universität von Warwick kommen zu sehr ähnlichen Resultaten.

Mehrheit der Briten besorgt

Die Begeisterung für den "Freedom Day" hält sich in der breiten Bevölkerung trotz der vielen gezeigten Partybilder laut einer Umfrage der britischen Statistikbehörde in Grenzen. 54 Prozent der Befragten gaben an, sich deswegen Sorgen zu machen, 20 Prozent von ihnen sind sehr besorgt. 87 Prozent der erwachsenen Engländer wollen sich an die Selbstisolierung halten, rund zwei Drittel (64 Prozent) möchten beim Einkaufen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln weiter Masken zu tragen. 60 Prozent sagten, auch nach Aufhebung der Beschränkungen überfüllte Orte zu meiden.

Modellen der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHTM) nach könnte eine 20-prozentige Reduzierung der oben genannten Maßnahmen bis zum Jahreswechsel zu 82.000 Krankenhauseinweisungen und 9000 Todesfällen führen. Bei 80 Prozent sind es 160.000 Hospitalisierungen und 9000 Tote.

Boris Johnsons Regierung hat die Bevölkerung zwar zur Vorsicht gemahnt, hofft aber vor allem, das die relativ hohe Impfquote Großbritanniens eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindert. Tatsächlich steht das Land diesbezüglich schon recht gut da. Am vergangenen Samstag waren den offiziellen Zahlen zufolge 68,3 Prozent der erwachsenen Bevölkerung durchgeimpft, 87,9 Prozent erhielten die erste Dosis.

Sehr hohe Impfbereitschaft

Die Impfbereitschaft der Briten ist der Statistikbehörde nach wie vor hoch und hat sogar noch etwas zugenommen. Demnach sagen 96 Prozent aller Erwachsenen schon eine Impfung erhalten zu haben oder dazu bereit zu sein. Auch bei den 16- bis 29-Jährigen ist die Bereitschaft mit 90 Prozent sehr hoch, Ende Dezember wollten sich in dieser Altersgruppe nur 63 Prozent impfen lassen. Der Anteil der Verweigerer und Unentschiedenen ist mit 4 Prozent dagegen sehr gering.

Laut Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) haben die Impfungen bis zum 19. Juni rund 7,15 Millionen Ansteckungen und etwa 27.200 Covid-19-Tote verhindert. Andererseits ist nach wie vor rund ein Drittel gar nicht oder nur unzureichend geschützt. Laut einer PHE-Studie verhindern die Impfstoffe von Biontech und Astrazeneca nach der ersten Dosis nur zu 33 Prozent eine symptomatische Erkrankung durch die Delta-Variante. Erst nach der zweiten Spritze schützen die Vakzine zu rund 90 Prozent vor einer Hospitalisierung.

Mehr als ein Drittel der Londoner ungeimpft

Die Impfquote ist auch nicht überall so hoch wie im Landesdurchschnitt. So ist ausgerechnet London die Region Englands mit der schlechtesten Impfquote. Dort sind nur 46,1 Prozent durchgeimpft und lediglich 64,9 Prozent haben wenigstens die erste Dosis erhalten.

Da bis Mitte April die über 50-Jährigen priorisiert waren, sind vor allem jüngere Briten noch ohne ausreichenden Impfschutz. Entsprechend steigen laut Statistikbehörde die Neuinfektionen besonders bei den 16- bis 24-Jährigen steil an. Vor rund einem Monate wurden in dieser Altersgruppe nur knapp 0,5 Prozent positiv getestet, jetzt sind es 2,4 Prozent.

Auch bei den 12- bis 15-Jährigen ist eine deutliche Zunahme zu erkennen, bei den jüngeren Kindern zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Den geringsten Anstieg verzeichnen die über 70-Jährigen, von denen aktuell nur 0,2 Prozent positiv getestet werden. Bei den 50- bis 69-jährigen Briten ist der Anteil mit 0,5 Prozent ebenfalls noch relativ niedrig.

Auch vollständig Geimpfte können sterben

Jenny Harris, die Leiterin der britischen Gesundheitsbehörde, sagt zwar, es sei ermutigend, dass die steigenden Neuinfektionen aufgrund des erfolgreichen Impfprogramms offenbar nach wie vor nicht zu entsprechend mehr Hospitalisierungen und Todesfällen führe. Wie die Modellierungen zeigen, können die Impfungen dies aber auch nicht vollständig verhindern.

Dies liegt vor allem daran, dass die Vakzine eben nicht zu 100 Prozent schwere Erkrankungen verhindern können. Und weil die Vakzine bei den alten Menschen nochmal wesentlich weniger effektiv sind, haben sie nach wie vor das höchste Risiko ins Krankenhaus zu kommen oder an Covid-19 zu sterben. Ähnlich sieht es bei anderen vulnerablen Gruppen mit geschwächtem Immunsystem durch Vorerkrankungen aus.

Alte haben nach wie vor das höchste Sterberisiko

Das sieht man auch an den PHE-Daten zu Infektionen mit der Delta-Variante. Von allen vom 1. Februar bis 21. Juni erfassten 257 Delta-Toten waren 231 älter als 50 Jahre. Und wie bei der Altersgruppe anzunehmen ist, waren unter ihnen etliche Geimpfte. 42 von ihnen hatten die erste Dosis erhalten, 116 waren sogar schon doppelt geimpft. Von den jüngeren Todesfällen hatten lediglich drei die erste und zwei beide Dosen erhalten.

Bei den Hospitalisierungen ist die Mehrheit der eingewiesenen Erkrankten dagegen jünger als 50 Jahre, von 1904 Intensivpatienten waren lediglich 615 älter. Von den 1283 unter 50-Jährigen waren allerdings 987 ungeimpft, nur 48 hatten beide Dosen erhalten.

Trotz der - zu erwartenden Durchbrüche - sind die Impfungen also gerade bei gesunden jüngeren Menschen auch gegen die Delta-Variante sehr effektiv. Bei extremen Fallzahlen wie sie in England zu erwarten sind, ist aber trotz allem mit einem deutlichen Anstieg der Hospitalisierungen und Todesfällen zu rechnen. Zwar trifft es selten Jüngere, aber sie geben das Virus an die sehr alten Menschen und andere vulnerable Gruppen weiter.

Ende September über dem Berg?

Wie die Modellierungen zeigen, ist eine nicht mehr vertretbare Zahl von Corona-Toten und -Hospitalisierungen nicht auszuschließen. Das sieht auch das SAGE-Mitglied Neil Ferguson so, der früher die britische Regierung beriet. 100.000 Fälle und 1000 Krankenhauseinweisungen seien so gut wie sicher, sagte er der BBC. Dieses Niveau halten zu können, wäre schon ein Erfolg.

Ferguson hält aber auch doppelt so hohe oder noch höhere Werte für möglich. Bei 2000 bis 3000 Hospitalisierungen müsse man möglicherweise wieder auf die Bremse treten, sagt er. Trotzdem glaubt er, dass selbst im schlimmsten Fall die Zahlen spätestens Ende September wieder sinken werden. Die Bevölkerung habe dann einen hohen Grad der Immunisierung erreicht, sagt Furguson.

500.000 Long-Covid-Fälle und neue Grippewelle

Neben den Impfungen werden dafür die vielen Infektionen verantwortlich sein. Daraus resultiert dem Epidemiologen zufolge ein anderes Problem für das Gesundheitssystem. 500.000 weitere Menschen könnten dann an Long-Covid leiden, sagt er.

Ferguson sieht aber noch eine weitere Gefahr heraufziehen. Er fürchtet, es könnte im Dezember oder Januar eine Grippesaison bevorstehen, die in den Auswirkungen ähnlich verheerend wie die Corona-Pandemie in diesem Jahr sein könne.

Gefahr weiterer Mutanten

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Was der Epidemiologe nicht erwähnt: Das englische Experiment ist auch eine Bedrohung für die gesamte Welt. Rund 1200 Wissenschaftler, die einen offenen Brandbrief an Premier Johnson veröffentlicht hatten, warnen vor neuen Mutanten, die angesichts der enorm hohen Fallzahlen entstehen könnten.

"Jede Mutante, die geimpfte Menschen infizieren kann, hat einen großen Selektionsvorteil und kann sich ausbreiten", sagte Professorin Christina Pagel vom Forscherteam an der UCL London auf einem virtuellen Gipfeltreffen. "Und aufgrund unserer Position als globaler Reiseknotenpunkt wird sich jede Variante, die in Großbritannien vorherrschend wird, wahrscheinlich auf den Rest der Welt ausbreiten - wir haben es bei Alpha gesehen und ich bin absolut sicher, dass wir zum Anstieg von Delta beigetragen haben."

Quelle: ntv.de

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