Panorama

Venedig, Wut, WollustHow to Biennale

09.05.2026, 09:30 Uhr dff697a9-ec36-4d60-a8dd-b9e0363450ecVon Sabine Oelmann
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Künstlerin Florentina Holzinger weiß, wie man die Aufmerksamkeit in den österreichischen Pavillon bekommt. (Foto: IMAGO/ZUMA Press)

Die Biennale von Venedig ist weit mehr als eine Ausstellung - sie ist ein kulturelles Ereignis, das die gesamte Stadt verwandelt. Im Jahr 2026 bietet ihr grundsätzlich ruhiger und reflektierter Ansatz eine andere Art von Erfahrung: langsamer werden, tiefer eintauchen, Kunst aus einer neuen Perspektive betrachten. Ein paar Denkanstöße.

Sie haben sich entschieden, nach Venedig zu fahren, oder sind noch unschlüssig? Wenn man dort ist während der Biennale, also ab jetzt bis Ende November, dann sollte man sich bereits vorher einen gewissen Überblick verschaffen, sonst kann es leicht zu viel werden. Und wissen, was man bedenken sollte, wenn sich alle zwei Jahre die Aufmerksamkeit der zeitgenössischen Kunstwelt auf die Serenissima richtet - für Besucher eine der seltenen Gelegenheiten, wegweisende Werke von noch unentdeckten Künstlern und international renommierten Künstlern zu entdecken. Jetzt könnte also der ideale Zeitpunkt sein, Venedig zu besuchen. Aber:

Sollte man ausgerechnet dieses Jahr nach Venedig?

Das muss ein jeder selbst entscheiden, hier gibt es keinen Kompass, höchstens einen moralischen. Die Aufregung um Russland und Co., ja oder nein, belastet auf jeden Fall die anderen Länder und Künstler, die an der Biennale teilnehmen und einfach nur ihrer Arbeit nachgehen wollen. Und macht deutlich, wie es momentan um unsere Welt bestellt ist. Aktivistinnen und Freunde von Pussy Riot haben in den vergangenen Tagen vor dem russischen Pavillon und in der Stadt demonstriert. Dass Russland seinen Pavillon nach den drei Presse- und Sammlertagen wieder schließt und, wie angekündigt, bis November tatsächlich geschlossen hält, glaubt laut der "Frankfurter Allgemeinen" übrigens niemand. Im Gegenteil: Dort wird draußen an die Wände projiziert, was in den letzten Tagen drinnen geschehen ist. Dass es mehr Gin als Wodka gab, dürfte dabei noch für die geringste Verwunderung sorgen.

Ähnlich kontrovers wurde auch die Teilnahme Israels verhandelt: Fast 200 Künstler, Kuratoren und Mitarbeiter der Biennale forderten im März, das Land nicht zuzulassen. Doch die Biennale unter Leitung des umstrittenen Pietrangelo Buttafuoco widersetzte sich den Forderungen. Israel ist dabei und stellt im Arsenale aus - der Pavillon in den Gardini wird renoviert. Dass selbst Künstlerfreunde des anwesenden israelischen, durchaus israelkritischen Künstlers ihn meiden, sorgt nicht nur bei Bildhauer und Installationskünstler Belu-Simion Fainaru persönlich für Kummer, sondern zeigt auch, in welch ungerechter Welt wir uns bewegen.  

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Die israelische Installation "Rose des Nichts", kuratiert von Avital Bar-Shay und Sorin Heller, wird von Belu-Simion Fainaru repräsentiert. (Foto: IMAGO/Independent Photo Agency Int.)

Südafrika ist nicht im üblichen Sinne dabei: Das Land hatte vor dem Internationalen Strafgerichtshof Anklage gegen Israel wegen Völkermordes in Gaza eingereicht und seiner eigenen Künstlerin die Teilnahme verwehrt, weil sich Gabrielle Goliath in ihrem Werk mehr mit der Gewalt im Gazastreifen befasse und nicht ausreichend mit der Geschichte Südafrikas, hieß es. Der südafrikanische Pavillon bleibt offiziell leer. Goliath zeigt ihre Kunst trotzdem - in einer Kirche mitten in Venedig.

Wo muss ich nun also hin?

Die Hauptausstellungen sind an zwei zentralen Veranstaltungsorten zu finden: In den Giardini della Biennale, der Heimat der historischen nationalen Pavillons, und im Arsenale, einem ehemaligen Werftgelände. Dort und in weiteren, über die Stadt verteilten Ausstellungsorten, Kirchen und Paläste, sind Gemälde, Skulpturen, immersive Installationen und Performances zu sehen.

Die 99 nationalen Pavillons spielen natürlich eine zentrale Rolle und präsentieren ihre jeweiligen Perspektiven im kulturellen Kontext. Im deutschen Pavillon, innen mintgrün, außen mit Plattenbauoptik versehen, wird "Ruin" gezeigt - Arbeiten der Künstlerinnen Henrike Naumann und Sung Tieu, die sich mit architektonischen, historischen und psychologischen Trümmern auseinandersetzen. Der Besuch scheint alle geradezu glücklich zu machen - und das, obwohl erstmals nur ostdeutsche Themen im Fokus stehen.

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Innen mintgrün, außen Platte, verpixelt mit mehr als drei Millionen Mosaiksteinchen: der Deutsche Pavillon. (Foto: IMAGO/ZUMA Press)

Mal bei den Nachbarn vorbeischauen: Im österreichischen Pavillon inszeniert die Choreografin und Performancekünstlerin Florentina Holzinger "Seaworld Venice". Es geht, passend zur Situation Venedigs (Stichworte steigender Meeresspiegel, absaufende Stadt), um das Element Wasser. Ekel und viel nackte Haut inklusive - wie bei ihr üblich.

Auch die Pavillons der Belgier, Argentinier und Inder haben bei der Vorbesichtigung für viel Lob gesorgt.

Im niederländischen Pavillon wird Munchs "Schrei" durch Performerin Jana Jacuka lebendig: In "The Fortress" verbarrikadiert sich Dries Verhoeven, ein Theatermacher, und konfrontiert die Besucher, die zu ihm finden, mit einer zwanzigminütigen Schrei-Performance. Es gibt das Gerücht, die Königin der Niederlande wäre auf ihrer Besichtigungsrunde gern schreiend weggelaufen. Vielleicht auch, weil Verhoeven in seiner Eröffnungsrede für seine Anklage des von ihm sogenannten israelischen Genozids an Gaza so viel Applaus bekam.

Schönheit und Hoffnung erwarten die Besucher bei den Künstlern Afrikas. Marokko hat zum ersten Mal einen eigenen Raum in den alten Werfthallen, von dort kommen Sie nicht nur weiter nach Slowenien und Bahrain, sondern werden direkt in ein Märchen aus 1001 Nacht gebeamt.

Im spanischen Pavillon finden Sie ein Urlaubsaccessoire, das es seit Jahren nicht mehr gibt: Postkarten. Und zwar 50.000 Stück, von Oriol Vilanovas Mnemosyneatlas "Los Restos" benannt.

Good to know für Small Talk

Zu den bekanntesten Namen der modernen und zeitgenössischen Kunst, die bereits ausgestellt haben, zählen Pablo Picasso, Jackson Pollock und Ai Weiwei.

Dieses Jahr lohnt es sich auch sehr, den Eingang der Hauptausstellung in den Giardini anzuschauen: Die Südafrikanerin Otobong Nkanga hat wild bepflanzte Portikussäulen und schöne Murano-Glaslampen installiert. Entschleunigung pur.

Wenn Sie genug von oder gar keine Lust auf die übliche Biennale haben, dann noch vier ultimative Tipps: Auch die Mode-Giganten Prada, Fiorucci und Dries van Noten laden mit Opulenz und filmreifen Kulissen in ihre Palazzi ein (am besten reservieren). Wer dennoch meint, Kunst darf nicht politisch sein, der macht einen Abstecher in die Victor Pinchuk Foundation: Gemeinsam mit dem 2006 von Victor Pinchuk in Kiew gegründeten Pinchuk Art Centre wird dort "Still Joy - From Ukraine into the World" als offizielles Collateral Event präsentiert (9. Mai bis 1. August 2026 im Palazzo Contarini Polignac).

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Die Foundation des ukrainischen Oligarchen ist eine der wenigen und wichtigsten Institutionen für zeitgenössische Kunst - Tränen beim Betrachten der Kunst inklusive. (Foto: IMAGO/Belga)

Der Pinchuk Art Prize würdigt alle zwei Jahre junge ukrainische Talente. Der Krieg hat daran nichts geändert.

Wo liegt der Fokus 2026?

Kuratiert wurde die 61. Biennale von der verstorbenen Koyo Kouoh. Das Konzept fokussiert sich auf "kleine" Narrative und Heilung, um poetischen Widerstand in chaotischen Zeiten hervorzuheben. Der Besucher wird eingeladen, Kunst auf eine langsamere und reflektierendere Weise zu erleben. Das diesjährige Thema heißt "In Minor Keys", also in Molltonarten, und ist von der Musik inspiriert. Die Biennale legt den Fokus auf Bewegung, Offenheit, leise Atmosphäre und Tiefe statt auf spektakuläre Inszenierungen. Diese Intention dürfte sich in den vergangenen Tagen eher weniger erfüllt haben, da die Proteste doch einfach zu groß - und laut - waren.

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Was als nationale Ausstellung 1895 begann, hat sich zu einer globalen Plattform für zeitgenössische Kunst entwickelt. (Im Bild ein restauriertes Bild von Banksy, das zum ersten Mal an einer Mauer des Palazzo San Pantalon während der Biennale 2019 zu sehen war.) (Foto: REUTERS)

Was noch?

Planen Sie im Voraus - priorisieren Sie Ihnen wichtige Pavillons, lassen Sie aber auch genug Raum für Entdeckungen und etwas "dolce far niente": Gondelfahrten, Lagunentouren, Murano, den Lido, Restaurantbesuche!

Unbedingt vermeiden?

In Venedig ist es verboten, auf Brücken, Treppen oder Kirchenstufen zu sitzen, zu essen oder zu picknicken (Bußgelder von 100 bis 200 Euro). Vermeiden Sie das Füttern von Tauben und Möwen (bis 500 Euro Strafe), das Baden in Kanälen (ab 350 Euro) und das Radfahren. Kleiden Sie sich respektvoll, besonders beim Besuch von Kirchen.  

  • Öffnungszeiten: in der Regel 10 bis 18 Uhr (montags geschlossen, mit Ausnahmen)

  • Tickets: online oder vor Ort erhältlich; Mehrtageskarten werden empfohlen

  • Beste Besuchszeit: werktags am Morgen oder am späten Nachmittag, um Menschenmengen zu vermeiden

  • Eine frühzeitige Buchung ist empfehlenswert, insbesondere in der Hochsaison

Quelle: ntv.de

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