Panorama

Therapie für beide Seiten Israelis im Berlin-Fieber

Die Zahl israelischer Touristen hat sich seit 2000 verdreifacht - die größte außereuropäische Besuchergruppe nach den USA. Sogar in Tel Aviv spürt man das Berlin-Fieber überall.

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Werbung auf einem Bus in Tel Aviv für die Deutsch-Kurse im Goethe Institut.

(Foto: dpa)

"Sie können als Deutscher in Tel Aviv nirgendwo hingehen, ohne im nächsten Moment nach Berlin gefragt zu werden. Fast jeder erzählt dann, dass gerade eine Freundin in Berlin ist oder dass man selbst da war oder bald dort hin möchte." Georg Blochmann, Leiter des Goethe-Instituts in Tel Aviv, erlebt fast täglich die Welle der Berlin-Begeisterung, die viele Israelis erfasst hat.

Die aktuellen Daten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg bestätigen seinen Eindruck: Die Zahl israelischer Touristen in Berlin hat sich seit 2000 mehr als verdreifacht. Rekordverdächtige 47.321 Israelis haben Berlin im vergangenen Jahr besucht. Damit sind sie die größte außereuropäische Besuchergruppe nach den USA. Bemerkenswert für ein Land, das nur rund 7,5 Millionen Einwohner hat.

In Tel Aviv selbst spürt man das Berlin-Fieber an jeder Ecke, manche Läden benennen sich sogar nach der Spree-Stadt wie der "Salon Berlin" der im Herzen von Tel Aviv Second-Hand-Klamotten mit Kreuzberg-Touch verkauft. Dazu kommt, dass fast jede Woche ein anderer Berliner DJ in der Weißen Stadt am Meer auflegt. Berlin biete Tel Avivs junger Bevölkerung "genauso viel Leben, Dynamik und Farbenfreude wie ihre Heimatstadt - ist dabei aber viel billiger", begründet Blochmann den israelischen Berlin-Enthusiasmus.

Städte ähneln sich

Und in der Tat ähneln sich die Städte sehr: Berlin ist wie Tel Aviv eine Art Insel, die recht autark vom Restland schwimmt. Beide Mode-Metropolen sind von jungen Einwohnern geprägt und haben eine starke Homosexuellen-Szene.

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"Salon Berlin" in Tel Aviv, ein Laden, der unter dem Motto "Berlin Art and Clothing" im Herzen von Tel Aviv Kleidung verkauft sowie Konzerte und Partys veranstaltet.

(Foto: dpa)

Auch Avi Efroni-Levi sieht viele Parallelen: "Berlin ist eigeninitiativ, offen, unstrukturiert, relativ undeutsch und eher wie Tel Aviv. Der Sozialismus hat beide Städte geprägt und mit ihm Improvisationskunst und Gemeinschaftsgeist." Der Israeli war 1994, gelangweilt von Hannover, nach Berlin gereist und hatte sich sofort in die Stadt verliebt. Mittlerweile sitzt er wie jeder echte In- Berliner der digitalen Bohème in seinem Stammcafé im Bezirk Mitte und arbeitet an einem Internetportal. Mit "Der Berliton" hat er eine Plattform für seine Landsleute in Berlin geschaffen, auf der sie Ideen, Wohnungsangebote oder sonstige Fragen austauschen können.

Teil eines Heilungsprozesses

Für Efroni-Levi ist die wachsende Leidenschaft der Israelis für Berlin auch Teil eines Heilungsprozesses: Dabei ginge es nicht um Wiedergutmachung oder darum, in alten Wunden zu stochern, sondern erst einmal nur ums gegenseitige Kennenlernen. Viele Jahre wären die Deutschen die Täter und die Juden die Opfer gewesen. Aber die jungen Israelis seien eine neue Generation mit veränderter Selbstwahrnehmung, die herausfinden will, wer "diese Deutschen" sind. Die Berlin-Liebe sei daher eine Art Therapie für beide Seiten.

Denn bei aller Begeisterung ist der Weg nach Deutschland für viele Israelis nicht leicht. Manche sind Nachkommen von Holocaust- Überlebenden und die meisten verbinden die deutsche Sprache seit der Kindheit mit Hitlers Hasstiraden. Das deutsche Brüllen hallt in vielen Köpfen nach und im Deutschen gängige Wörter wie "raus" oder "Achtung" werden direkt mit den Nazi-Verbrechern assoziiert. Umso erfreuter berichtet Goethe-Institutsleiter Blochmann von den immer beliebter werdenden Deutsch-Kursen. Die meisten Israelis kämen mit einem Ziel: Sie wollen nach Berlin.

Quelle: n-tv.de, Katharina Höftmann, dpa

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