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Kapitän der HerzenJoshua Kimmich: "Diese Kinder haben nichts falsch gemacht!"

25.06.2026, 11:21 Uhr
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Lina und Joshua Kimmich wissen, wie wichtig es ist, dass Kinder in einem guten Zuhause aufwachsen. (Foto: picture alliance/dpa)

"Durch einen Zufall wurden ein Junge und ein Mädchen entdeckt, die bei ihren Eltern im Keller aufgewachsen sind. Ohne Licht, getrennt voneinander. Sie waren noch nie draußen. Als sie entdeckt wurden, waren sie vier und sechs Jahre alt. Sie konnten noch nicht einmal sprechen." Als Lina Kimmich von diesem Schicksal erzählt, stockt ihre Stimme. "Das ist unvorstellbar. Dass es so etwas wirklich gibt." Genau für diese Kinder setzen sich der Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft und seine Frau Lina, selbst Eltern von vier Kindern, seit Jahren ein. Als Projektpaten der "Stiftung RTL - Wir helfen Kindern e.V." und mir ihrer eigenen "Glaub An Dich Stiftung" kämpfen sie für den Bau eines neuen Kinderschutzhauses in München. Im Interview spricht das Ehepaar über erschütternde Kinderschicksale, fehlende Schutzplätze und ihre Motivation.

ntv.de: Warum engagiert ihr euch für ein Kinderschutzhaus?

Joshua Kimmich: Als wir von dem Thema Inobhutnahmen und Kinderschutzhäusern gehört haben, war uns eigentlich ziemlich schnell klar, dass wir etwas in diese Richtung unterstützen wollen. Ich kannte das Thema vorher ehrlich gesagt gar nicht. Ich wusste nicht, dass Kinder akut von zu Hause rausgenommen werden müssen, weil ihr Wohl gefährdet ist. Wenn man dann hört, was diese Kinder teilweise zu Hause durchmachen, kann man sich das eigentlich gar nicht richtig vorstellen. Das ist hart. Aber gleichzeitig merkt man sofort: Hier wird Hilfe wirklich dringend gebraucht. Es ist etwas anderes, ein Sportfest zu veranstalten, Schwimmkurse anzubieten oder eine Weihnachtsfeier auszurichten. Das ist alles schön und wichtig für Kinder. Aber hier ist akute Hilfe notwendig, weil die Kinder sonst auf sich allein gestellt sind – ohne Perspektive und vor allem in Gefahr.

Welche Schicksale haben euch besonders bewegt?

Lina Kimmich: Es gibt eine Geschichte, die mich sehr beschäftigt, Geschwister, ein Junge und ein Mädchen: Sie sind bei ihren Eltern im Keller aufgewachsen - in einem dunklen Raum, ohne Licht. Sie waren noch nie draußen. Sie waren vier und sechs Jahre alt und konnten noch nicht einmal sprechen. Es ist unvorstellbar, dass es so etwas wirklich gibt - und dass es das auch in Deutschland gibt. In einem weiteren Fall ging es um einen kleinen Jungen, der nur durch Zufall entdeckt wurde. Während Corona gab es eine Kontrolle wegen illegaler Partys, dabei wurde er gefunden. Er lag in seinem Bett und um ihn herum waren Spritzen und andere gefährliche Dinge, die seine Mutter zu Hause hatte. Er war zwei Jahre alt. Normalerweise wäre niemand da hingegangen. Er wurde nur wegen dieser Kontrolle entdeckt, und es war dringend notwendig, dass er da rauskommt.

Ihr habt auch von einem sehr aktuellen Fall erfahren. Was ist da passiert?

Lina Kimmich: Erst vor Kurzem haben wir von einem Fall gehört, bei dem eine Mutter sich gemeldet hat. Sie hatte durch Zufall in einem Gespräch mit ihrer zehnjährigen Tochter herausgefunden, dass ihr Mann, also der Vater des Kindes, die Tochter schon seit Jahren missbrauchte. Die Mutter hat das nicht mitbekommen. Ihr ist kein Vorwurf zu machen, weil die Tochter nichts gesagt hat, weil sie nichts sagen durfte. Und dann steht diese Mutter plötzlich vor einem Scherbenhaufen. Das ist ihr Mann - und gleichzeitig der Mensch, der ihrer Tochter so etwas angetan hat.

Joshua, was macht das mit dir, wenn du solche Geschichten hörst?

Joshua Kimmich: Man fragt sich natürlich, wie so etwas passieren kann. Was dazu führt, dass Eltern ihre Kinder so vernachlässigen oder misshandeln. Man fragt sich auch, ob das ein generelles Problem in unserer Gesellschaft ist oder ob es nur ein Problem in einzelnen Familien ist. Wichtig ist, dass man helfen kann. Und es ist traurig zu sehen, dass man in vielen Fällen eben nicht helfen kann, weil die benötigten Plätze fehlen. In manchen Fällen kann man die Kinder in Obhut nehmen und versuchen, ihnen wieder ein halbwegs normales Leben zu ermöglichen. Natürlich sind die meisten Kinder schwer traumatisiert, und es ist schon sehr frustrierend zu sehen, dass wir es in einem Land wie Deutschland nicht hinbekommen, genügend Plätze und Möglichkeiten für diese Kinder zu schaffen.

Das wollt ihr nun ändern ...

Ja, denn was uns sehr beschäftigt: Das Thema ist kaum sichtbar. Viele bekommen davon gar nichts mit. Wir kannten es vorher ja auch nicht. Erst, als wir uns damit beschäftigt haben, haben wir gespürt und gemerkt, wie wichtig dieses Thema ist.

Warum braucht es dringend neue Schutzhäuser?

Lina Kimmich: Das Schlimme ist, dass der Bedarf so groß ist. Für jedes einzelne Kind ist so ein Platz wichtig, wenn es zu Hause Gewalt erlebt oder vernachlässigt wird. Aber es gibt viel zu wenige Schutzhäuser, zu wenige Einrichtungen und zu wenig Platz für diese Kinder. Eigentlich müssten noch viel mehr Kinder aus ihren Familien genommen werden. Und am Ende leiden genau die Kinder darunter, dass sie "bei ihren Familien bleiben müssen", weil es zu wenig Einrichtungen und zu wenig Raum gibt. Dazu kommt, dass Kinderschutz kein Thema ist, das man einfach so sieht. Es ist kein Thema, das auf der Straße sichtbar ist oder das die Bevölkerung direkt mitbekommt. Man sieht vielleicht, wenn eine Stadt neue Straßen baut. Aber man sieht nicht die Kinder, die dringend ein sicheres Zuhause brauchen. Und ich finde, da muss sich im System etwas ändern.

Was soll in dem neuen Kinderschutzhaus entstehen?

Lina Kimmich: Wir haben uns mit dem Kinderschutzbund München ausgetauscht und gefragt: Was wird wirklich benötigt? Uns wurde gesagt, dass es besonders an Plätzen für Kinder fehlt, die schwer zu betreuen sind, die körperlich oder seelisch beeinträchtigt sind und die in vielen bestehenden Strukturen keinen passenden Platz finden, weil sie ein bisschen aus dem Raster fallen. Und genau da wollen wir helfen. Wir wollen ja nicht einfach helfen, um irgendetwas zu machen. Wir wollen da helfen, wo der Bedarf wirklich hoch ist.

Wie sieht der Alltag für Kinder in einem Schutzhaus aus?

Lina Kimmich: Der Alltag wird so normal wie möglich gestaltet. Es ist ja schon Veränderung genug, dass die Kinder aus ihrem Zuhause herauskommen. Deshalb wird versucht, dass der Rest ihres Lebens möglichst normal weiterläuft. Die Kinder gehen weiter in ihre Kita oder in ihre Schule. Manchmal haben sie dann eine weitere Anreise und es muss der Transport sichergestellt sein. Es wird versucht, dass sie so wenig Veränderung wie möglich wahrnehmen. Und auch in den Ferien sollen sie etwas erleben können. Sie sollen, wie andere Kinder in der Schule auch, erzählen können, was sie gemacht haben – auch wenn sie nicht bei ihren Eltern waren. Deshalb versucht man, schöne Aktivitäten und auch Urlaube mit ihnen zu machen.

Viele Kinder schämen sich für das, was sie erlebt haben. Welche Botschaft möchtet ihr ihnen mitgeben?

Lina Kimmich: Ich hoffe, dass die Kinder wissen und ihnen bewusst ist: Sie sind nicht schuld an der Situation. Ob du in eine gute Familie hineingeboren wirst, ist einfach Glück. Du hast Glück, wenn deine Eltern sich gut um dich kümmern. Wenn das nicht so ist, liegt das nicht am Kind, sondern an den Eltern. Die Kinder haben nichts falsch gemacht und doch verlieren sie oft alles. Und ich hoffe, dass wir ihnen genau das vermitteln können.

Joshua Kimmich: Das ist ein sehr sensibles Thema. Viele Kinder schaffen es nicht, sich zu öffnen. Deshalb müssen wir Mittel und Wege finden, ihnen Möglichkeiten zu geben, genau das zu tun – im Verein, in der Schule, im Freundeskreis. Wichtig ist, dass man den Kindern nicht das Gefühl gibt, dass sie etwas falsch gemacht haben oder eine Schuld tragen. Wir müssen sie unterstützen, darüber zu sprechen. Und ich glaube, es ist auch in den Schulen wichtig, aufzuklären: Was ist in Ordnung und was ist nicht in Ordnung? Manche Eltern versuchen Kindern zu vermitteln, dass das, was sie ihnen antun, normal sei und dass sie mit niemandem darüber sprechen dürfen. Deshalb ist Aufklärung das Allerwichtigste.

Ihr nehmt euch viel Zeit für dieses Projekt ...

Lina Kimmich: Mir ist wichtig, dass wir versuchen, nachhaltig etwas zu ändern. Wir können den Kindern Ausflüge ermöglichen, und das ist schön. Aber neue Plätze zu schaffen, das verändert wirklich etwas. Das bleibt. Für mich fühlt sich das auch nicht wie Aufwand an. Es ist etwas, das man gerne macht, weil man weiß, wofür man es macht.

Joshua Kimmich: Wir setzen uns dafür ein, weil wir das Gefühl haben, dass wir wirklich etwas bewirken können. Dass wir Kinder glücklich machen können. Dass wir ihnen zeigen können, dass sie an sich selbst glauben müssen. Dass wir ihnen Perspektiven geben. Es geht aber nicht nur darum, die Kinder direkt zu erreichen. Es geht auch darum, auf das Thema aufmerksam zu machen. Dass Menschen spüren, wie wichtig es ist. Und dass jeder zu Hause das Gefühl bekommt: Ich kann auch etwas machen, ich kann auch unterstützen. Wenn das gelingt, kann man gemeinsam viel bewirken und viele nachhaltige Projekte auf die Beine stellen.

Warum macht ihr eure Arbeit mit der Stiftung inzwischen öffentlicher?

Lina Kimmich: Wir haben eigentlich im Stillen angefangen. Wir wollten einen Beitrag leisten, nicht damit andere es mitbekommen, sondern damit wir Kindern helfen. Dafür brauchten wir am Anfang keine Website, kein Instagram oder sonst etwas. Aber mit der Zeit haben wir gemerkt: Wenn Menschen mitbekommen, was wir machen, ergeben sich daraus viele Dinge. Partnerschaften entstehen. Sponsoren kommen auf uns zu. Menschen erfahren von dem Thema und wollen mithelfen. Deshalb bringt es schon etwas, das Ganze öffentlich zu machen.

Und warum sollen die Zuschauerinnen und Zuschauer gerade dieses Projekt unterstützen, es gibt so viele ...

Lina Kimmich: Weil sie hier nachhaltig etwas bewirken können. In einer Inobhutnahme leben Kinder auf Zeit. Man schafft ihnen ein Zuhause – im besten Fall nur für ein paar Monate, bis sie zurück zu den Eltern können, in eine Pflegefamilie, eine Adoptivfamilie oder in eine Wohngruppe kommen. Wir wollen eine Schutzstelle und eine Wohngruppe miteinander verbinden. Und in beiden Bereichen wird nachhaltig geholfen, weil den Kindern ein schönes und vor allem sicheres Zuhause gegeben wird.

Was ist euer großer Wunsch für die Zukunft?

Lina Kimmich: Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, ein bisschen etwas im System zu verändern. Dass der Schutz von Kindern mehr gesehen und wichtiger wird. Und jetzt hoffe ich erst einmal, dass viel Geld zusammenkommt und wir diesen Kindern ein Haus bauen und ihnen ein Zuhause schenken können.

Joshua Kimmich: Mich treibt an, dass man das einzelne Kind erreichen und ihm eine Perspektive geben kann. Aber es geht natürlich auch darum, auf dieses Thema aufmerksam zu machen. Dass es bei den Menschen ankommt – und auch in der Politik. Dass sich nachhaltig etwas im System verändert. Damit es eben nicht so ist, dass die Kinder, die vermeintlich die Schwächsten in unserem System sind, darunter leiden.

Erzählt ihr euren eigenen Kindern von eurem Engagement?

Lina Kimmich: Ja, unsere Kinder bekommen schon mit, was wir machen. Sie kennen auch Kinder, die in diesen Häusern leben. Sie sind bei Veranstaltungen dabei, zum Beispiel bei Weihnachtsfeiern oder auch in den Inobhutnahmen. Sie wissen nicht im Detail, warum diese Kinder aus ihren Familien herausmüssen. Ich erzähle ihnen natürlich nicht, dass ein Kind mit Spritzen im Bett lag oder geschlagen wurde. Aber sie wissen, dass nicht jedes Kind das Glück hat, in einer guten Familie zu leben.

Joshua Kimmich: Bei uns sind Garage, Keller und Gartenhaus manchmal wie ein Lager – mit T-Shirts, Spielsachen, Trinkflaschen oder Geschenken für die Kinder in den Schutzhäusern. Unsere Kinder fragen dann natürlich auch mal: Was ist das? Kann ich das haben? Dann versuchen wir zu erklären: Nein, das ist nicht für euch. Das ist für Kinder, denen wir damit eine Freude machen wollen. Für mich ist es ganz, ganz wichtig, dass unsere Kinder damit aufwachsen. Dass sie sehen, dass ihre Eltern sich für etwas Gutes engagieren. Aber auch, dass sie ein Gefühl dafür bekommen, dass es nicht selbstverständlich ist, wie sie selbst aufwachsen. Man ist manchmal in so einer Bubble unterwegs. Deshalb finde ich es wichtig, dass sie mitkommen, was außerhalb der Bubble passiert, dass sie die Kinder kennenlernen und dabei sind. Damit sie auch ein Gefühl dafür bekommen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Mama und Papa einen lieb haben.

Wer jetzt schon spenden möchte, um das Projekt der Kimmichs zu unterstützen, auch wenn der offizielle, 31. Spendenmarathon erst im November stattfinden wird, kann das hier tun.

Quelle: ntv.de

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