Italiens Randale-WochenendeKeine Plünderungen, dafür Kolosseum gestürmt - Meloni fühlt sich bestätigt

In Rom dringen 50 Demonstranten ins Kolosseum ein, schnell werden sie vertrieben, aber: Wieso wurde das Kulturerbe nicht besser geschützt? Zu Plünderungen kommt es in Turin und Mailand nicht, die Frage bleibt jedoch: Was will das ehemals so kinderfreundliche Italien für seine Jugend tun?
Italien ist am vergangenen Wochenende, was Krawalle angeht, mit einem blauen Auge davongekommen: Insgesamt waren im ganzen Land 5800 Kräfte der Polizeieinheiten aus Carabinieri, Staatspolizei und städtischen Polizeigruppen im Einsatz. Die Anzahl der Demonstranten, meist in Mailand, Turin, Bologna, Florenz und Rom, hielt sich in beschaulichen Grenzen, die Polizei schätzte, etwa 20.000 Demonstranten seien es gewesen. Von diesen wurden 371 zur Personalien-Feststellung auf Wachen gebracht.
Regierungschefin Giorgia Meloni feierte das Ergebnis als Erfolg ihrer Sicherheitsstrategie. Sie nutzte den Erfolg des massiven Einsatzes der Ordnungskräfte zum politischen Angriff auf die Opposition: "Die verstärkte Präsenz der Militärs in unseren Städten ist von einigen Leuten auf der Linken genutzt worden, um gegen eine 'Militarisierung' zu protestieren." Es sei schon seltsam, so die Regierungschefin, "dass die Soldaten, die für Sicherheit sorgen, kritisiert werden, aber nicht die Gewalttäter".
Soldaten gehören seit Langem zum Stadtbild in Italien: Die Aktion "Strade Sicure" (Sichere Straßen) wurde schon 2008 von Silvio Berlusconi eingeführt. Das normale Militär-Kontingent beträgt 6800 Soldaten, für dieses Wochenende waren in Mailand zusätzlich 500 Fallschirmjäger mit Schützenpanzern im Einsatz. Seltsam daher, dass das Durchbrechen der Eingangspforten zum Kolosseum offensichtlich niemand verhindern konnte, vor allem, weil der Sturm auf das Kolosseum bereits Tage zuvor - auch in den Medien - angekündigt worden war. Und umso seltsamer, weil Italiens Geheimdienste die mutmaßlichen Urheber der Unruhen seit dem Plünderungswochenende am 17. Oktober intensiv beobachtet hatten: Dutzende Internet-Chat-Gruppen wurden beobachtet und schon vor dem 24. Oktober wurden 250 Wohnungen in 20 Städten durchsucht. Es mutet also mehr als seltsam an, dass ein bereits bekanntes Ziel von radikalen Gruppen, das Kolosseum, quasi zum Sturm freigegeben wurde.
Hier eine Erfolgsstory
Als Ergebnis der jüngsten Durchsuchungen wurde gegen einen 30-jährigen Italiener marokkanischer Herkunft Haftbefehl wegen der Anstiftung zu Straftaten erlassen. Er wird als "Anführer" der Straßenunruhen benannt. Youssef S. ist dabei eigentlich eine Erfolgsstory der Integration: Er hat einen Master an der Staatlichen Universität von Mailand gemacht, saß dort als gewählter Studierendenvertreter im Akademischen Senat, gründete einen Verein muslimischer Studenten. Den italienischen Geheimdiensten war Youssef jedoch bereits aufgefallen, weil er 2024 eine Organisation gegründet haben soll, "Alba Nascente", (Aufgehender Morgen), die pro-Hamas-Positionen vertrete. Im Internet habe er die Attentate des 7. Oktober 2023 gutgeheißen.
Nach dem 17. Oktober habe Youssef S. einen Telegram-Kanal gegründet (10.000 Abonnenten), um "die Proteste von nun ab zu koordinieren. Am letzten Wochenende aber blieb der Kanal stumm - Youssef S. war da bereits in Polizeigewahrsam. Unklar ist, so urteilen die italienischen Medien, welche Rolle er wirklich gespielt hätte. Zwar veröffentlichte er ein Manifest, indem er ganz allgemein zum Kampf gegen die Meloni-Regierung aufrief, zur Solidarität mit Palästina, und dazu, die Demonstrationen spontan, unangekündigt zu organisieren. In jedem Falle aber ist der Akademiker, der für italienische Tageszeitungen berichtete, ein ideales Ziel für diejenigen, die in Ausländern, möglichst islamischen Glaubens, den Hauptgegner Italiens sehen: Marokkaner der zweiten Generation, Mitarbeiter italienischer und amerikanische Stiftungen, in Italien verheiratet, italienischer Doktorgrad der Kommunikationswissenschaft. Eine Integration, die wohl fehlgeschlagen ist.
Hier keine Erfolgsstory
Youssef S. ist dabei das ideale Gegenstück zum elfjährigen "Jusuff" (Name geändert), einem der jungen Plünderer vom 18. Oktober. Der Junge wurde dabei gefilmt, wie er ein Geschäft in Mailand mit gestohlener Kleidung verließ. Das Video ging viral. Der Junge kam erst vor vier Jahren aus Marokko, im Alter von sieben Jahren. Die Direktorin seiner Schule hatte Jusuff nach dem ersten Plünderungswochenende sofort wiedererkannt, wie der "Corriere della Sera" berichtete. Am Montag nach den Plünderungen sei Jusuff ganz normal zum Unterricht in die Schule gekommen, als wäre nichts gewesen. Er sei nie als eine Gefahr in der Schule wahrgenommen worden, sagt die Lehrerin. Nun ist Jussuf zum "Tiktok"-Helden geworden, andere verdienen mit dem Plünderungsvideo viel Geld, der Algorithmus schlägt es allen vor, die schon auf Ähnliches geklickt haben - so entsteht eine Welle der Bewunderer. Italiens Tiktok-Verantwortliche versprachen, die Life-Videos der Randale zu unterbinden und "Monetisierungen" bei Plünderungsvideos zu verbieten.
Als Jusuff nach Italien kam, so berichten seine Lehrer, sprach er kaum Italienisch und hatte wohl auch in Marokko nie eine Schule besucht. Trotzdem sei er dem Unterricht aufmerksam gefolgt und nie als gewalttätig aufgefallen. Seine Eltern zeigten sich entsetzt von den jüngsten Ereignissen. Jussuf ist kein Einzelfall: Rund 80 Prozent der "identifizierten" Randalierer und Plünderer sind Minderjährige, von diesen sind in Mailand, Turin und Bologna 42 einem Jugendrichter vorgeführt worden und bekamen Meldeauflagen oder wurde in betreute Heime eingewiesen. Eine Untersuchungshaft wurde für sechs Erwachsene und drei Jugendliche angeordnet. Das sind die offiziellen Zahlen der Polizei nach dem Plünderungswochenende vom 17. Oktober.
"Die wissen schon, wie man vorgehen muss"
In der italienischen Regierung begann nach den Plünderungen das, was man in Italien bitter-ironisch ganz allgemein einen "Securirate"-Wettbewerb nennt. Wobei "Securitate" vom Namen der rumänischen Geheimpolizei unter Nicolae Ceaușescu herrührt, berüchtigt für ihre Brutalität. Justizminister Carlo Nordio hatte nach dem 17. Oktober klare Vorstellungen davon, wie man die Jugendproteste in den Griff bekommen müsse: "Massenhafte Festnahmen, mehr Plätze in Jugendgefängnissen schaffen". Nach dem letzten Wochenende ruderte Nordio bereits wieder zurück: "Ich habe nie Haft für Jugendliche gefordert, unser Ziel heißt Vorbeugen". Matteo Salvini, Chef der Lega und Verkehrsminister, forderte (mit Erfolg) den Einsatz des Schützenpanzers Lince und der Fallschirmjäger mit Drohnen: "Die wissen schon, wie man vorgehen muss". Und Regierungschefin Giorgia Meloni benannte in einer Video-Ansprache die Urheber der Unruhen: "330 Festnahmen, darunter die Hälfte ausländischer Herkunft".
Offizielle Zahlen belegen die Behauptungen von Meloni nicht: Von den knapp 20.000 Demonstranten wurden am Wochenende des 24./25. Oktober 4292 Personen vor Ort oder auf einer Polizeiwache kontrolliert, also mehr als jeder fünfte Demonstrant. 371 Personen von ihnen wurden auf eine Polizeiwache gebracht, 110 waren Minderjährige, insgesamt 69 Ausländer. 87 wurden auf freien Fuß gesetzt, jedoch angezeigt, neun in Haft genommen. Zusammen mit den Verhaftungen vom 17. Oktober sahen Haftrichter also bei insgesamt 18 Personen Haftgründe, darunter waren drei Jugendliche.
Symptome des Problems
Eine extreme Maßnahme gegen die Plünderer hatte Meloni im ersten Entwurf des Eildekretes vorgesehen, die aber sofort zu enormen Protesten in der Justiz geführt hatte: eine Art Vorbeugehaft, die an Ort und Stelle rein polizeilich angeordnet werden sollte. Staatspräsident Sergio Mattarella hat Meloni diesen Passus sofort aus dem Eildekret gestrichen, nur ein Richter kann Haft anordnen. Er sagte es nicht wörtlich, aber der Sinn war klar: keine Rückfälle in die Mussolini-Regierungszeit 1922 bis 1945.
Beide "Jussufs", der 11- und der 30-jährige, sind Symptome desselben Problems. Kinder mit migrantischer Herkunft haben in Italien schlechtere Zukunftsaussichten als Kinder aus italienischen Familien. Und das, obwohl italienische Vor- und Grundschulen weltweit einen hervorragenden Ruf haben: An den Schulen wird sehr viel für die Integration der Kinder aus migrantischen Familien getan. Nach dem Schulabschluss aber beginnt das schwarze Loch: Italien kennt nur in Ausnahmefällen eine Berufsausbildung wie in Deutschland. Von den 15- bis 24-Jährigen sind nur 19,7 Prozent der jungen Italiener beschäftigt, verfügen also über eigenes Geld. In Deutschland haben in derselben Altersklasse 51,2 Prozent schon ein eigenes Einkommen.
In Italien zu "jobben" bedeutet, armselige Bedingungen zu akzeptieren: Es gibt keinen Mindestlohn. Ein "Barista", ein Barmann, bekommt als unterste Gehaltsstufe Vollzeit brutto 1500 Euro bei Lebenshaltungskosten in ähnlicher Höhe wie in Deutschlands Großstädten. In den italienischen Städten, in denen jetzt protestiert wurde, kommt die Wohnungsnot dazu, denn zu viele Mietwohnungen werden in AirBnB-Wohnungen für Touristen umgewandelt. Außerdem kennt Italien kein BAföG, die Förderung junger Menschen bei Berufsausbildung und Studium. Und die staatlichen Universitäten sind teuer, die jährlichen Studiengebühren liegen oft bei 3000 Euro. Ein "Italien-Ticket" gibt es auch nicht. Von den heute 18-Jährigen glaubt niemand daran, in 40 Jahren noch Rente zu bekommen, der Generationenvertrag ist heimlich, still und leise aufgekündigt worden. Italien verzeichnet einen Sterbeüberschuss von 300.000 Personen pro Jahr, dazu wanderten allein 2025 etwa 150.000 Italiener im Alter von 18 bis 34 Jahren aus, unter ihnen 18.000 Personen mit Hochschulabschluss.
Es ist gerade diese Generation, die gut ausgebildet wurde, die man halten müsste, die aber nun im Ausland ihr Glück sucht, Deutschland und Spanien gehörten dabei zu den bevorzugten Zielen. Die Einwohnerzahl Italiens sank unterdessen nicht, weil rund 380.000 Menschen aus dem Ausland zuwanderten, neben um die 50.000 Rückwanderern. Die Zuwanderer kamen aus Ländern wie Bangladesch, Marokko, Pakistan, Albanien und Indien, um nur die ersten fünf Herkunftsländer zu benennen. Es sind Personen, die in Italien meist nur im niedrig qualifizierten Sektor, als Erntehelfer, in Restaurants oder als Haushaltshilfen für Senioren, Arbeit finden.
Nationaler Plan
Die 41-jährige Silvia Salis, Bürgermeisterin von Genua, der nach dem Durchschnittsalter ältesten Stadt Europas, kennt das Problem: "Wir müssen richtig viel investieren, um unser menschliches Kapital zu halten und aus anderen Ländern anzuziehen". Der Bürgermeister von Mailand, Giuseppe Sala, glaubt, was in Zukunft wirklich helfe, um die Ursachen zu bekämpfen, sei ein "nationaler Plan für die Integration Jugendlicher ausländischer Herkunft. Wir müssen mit Erziehung den Armutslagen entgegenwirken."
