Panorama

Malaria-Mittel und Schnelltests Kritik an Frankreichs "verrücktem" Virologen

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In Frankreich ruht die Hoffnung vieler Corona-Patienten auf einem Virologen mit umstrittenen Methoden.

(Foto: imago images/IP3press)

Der Virologe Didier Raoult setzt im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus auf Malaria-Mittel und Schnelltests. Beides ist umstritten, das stört aber vor allem kritische Kollegen des Mediziners. US-Präsident Trump ist auf seiner Linie, andere nennen ihn "verrückt".

Manche sehen in ihm einen Wunderheiler, andere einen Scharlatan: In der Coronavirus-Krise scheiden sich an dem französischen Virologen Didier Raoult die Geister. Unermüdlich preist der Mediziner aus Marseille ein Malaria-Medikament als Heilmittel gegen die Lungenkrankheit Covid-19 an, obwohl eine wissenschaftliche Bestätigung bisher fehlt. Umstritten sind auch die Corona-Schnelltests des Arztes, für die Menschen vor seinem Institut Schlange stehen.

Raoult leitet das Institut Méditerranée Infection für Infektionskrankheiten in Marseille, das einem Verbund von sechs französischen Elite-Forschungsstätten angehört. Bereits Ende Februar machte der 68-Jährige auf eine chinesische Untersuchung mit dem Wirkstoff Chloroquin aufmerksam, der normalerweise zur Malaria-Prophylaxe eingesetzt wird.

Raoult testete Chloroquin daraufhin an 24 mit dem Coronavirus infizierten Patienten. Bei drei Vierteln von ihnen sei das Virus sechs Tage nach Beginn der Einnahme nicht mehr nachweisbar gewesen, betonte er. Das zeige, dass der Wirkstoff heilen könne.

Trump sieht Wirkstoff als "Geschenk Gottes"

Auch US-Präsident Donald Trump pries Chloroquin und den verwandten Arzneistoff Hydroxychloroquin als "Geschenk Gottes" und kündigte die Beschaffung großer Mengen an. Deutlich zurückhaltender ist die französische Regierung. Sie hat Chloroquin zur Behandlung von besonders schwer erkrankten Patienten zwar inzwischen zugelassen. Das Mittel darf aber nur unter strenger Aufsicht verabreicht werden, wie Gesundheitsminister Olivier Véran sagte. Es seien weitere Studien nötig, um eine Wirksamkeit gegen das Coronavirus nachzuweisen.

Das sehen auch zahlreiche französische Wissenschaftler so. Denn Raoults Studie zu dem Mittel erfüllt nicht die Voraussetzungen eines klinischen Tests, da sie zu kurz war und zu wenige Patienten umfasste. Außerdem warnen Ärzte vor den starken Nebenwirkungen von Chloroquin, zu denen Übelkeit, Erbrechen und Hautausschläge, aber auch neurologische, kardiologische und Sehstörungen gehören.

Das hindert viele Menschen allerdings nicht daran, Hoffnung in das angebliche "Heilmittel" und den Arzt Raoult zu setzen, der mit seinen langen weißen Haaren und seinem Bart etwas Druidenhaftes hat. Die Videos des Arztes werden in den französischen Online-Netzwerken tausendfach geteilt. Es gibt sogar Internet-Petitionen zu seinen Gunsten.

Ansturm verdeutlicht Mangel

Auch mit seinen Corona-Reihentests eckt Raoult an: Seit er am Wochenende einen Schnelltest für alle Besorgten ankündigte, stehen Menschen vor seinem Institut in Marseille Schlange, wie ein AFP-Reporter beobachtete - darunter auch Kranke, die nach eigenen Angaben an Fieber leiden. Ein Arzt, der seinen Namen nicht nennen wollte, sagte, der Virologe Raoult sei "verrückt". "Alle diese Menschen sollten zu Hause sein."

Der Ansturm auf die Tests verdeutlicht allerdings auch einen Mangel: Denn in Frankreich können täglich nur rund 5000 Menschen getestet werden. In der Regel sind die Tests für Risikopatienten mit schweren Symptomen oder Gesundheitspersonal reserviert. Die französische Regierung hat zudem eingeräumt, dass es an Schutzmasken und anderem dringend benötigtem Material fehlt, was auch Ärzte zu Protesten veranlasst hat.

Raoult hat aus dem Streit um seine Person Konsequenzen gezogen: Er verließ den wissenschaftlichen Beirat, der die französische Regierung in der Corona-Krise berät. In einem Youtube-Video erklärte der Arzt, das Gremium komme "nicht dem nach, was ich für die Pflicht eines strategischen Rates halte". Er bleibe lieber "direkt" mit Präsident Emmanuel Macron und dem Gesundheitsministerium in Kontakt.

Quelle: ntv.de, Olivier Lucazeau, afp