Panorama

Blockaden treffen oft die Falschen Leben wie ein (kleiner) Gott in Gaza

Sanktionen gegen den Irak machten seinerzeit die Sippe von Saddam Hussein immer reicher. So dekadent wie dort sind die Auswüchse im Gazastreifen nicht - aber ähnlich.

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Das Gros der Menschen im Gazastreifen führt ein Leben zwischen Armut und Improvisation.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

"Ich kann mit Ihnen einen Tag durch den Gazastreifen fahren und Sie werden keine Armut sehen", verspricht Abu Ahmed. Der 70 Jahre alte Unternehmer gehörte einst zu den 15 Prozent Reichen im Gazastreifen, bevor Israel im Juni 2007 eine Blockade verhängte. "Heute sind nur noch fünf Prozent reich und ich bin bankrott", sagt er trocken. Aber Abu Ahmed kennt all die kleinen Inseln in einem Meer von Armut, wo man es sich gutgehen lassen kann.

Der Tag beginnt in einem Supermarkt im Nobelviertel Rimal. Eine Frau lässt sich vom Chauffeur vorfahren und macht schnell ein paar Einkäufe. Gemessen an westlichen Standards ist das Angebot eher dürftig. Legt man die palästinensische Latte an, handelt es sich um ein Paradies - aus Nudeln, Soßen, Fleisch, Käse und Schokoriegeln.

Ramadan führt Arm und Reich zusammen

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Ein Teil der Ramadan-Einkäufe geht als Spende an die Armen.

(Foto: picture alliance / dpa)

Um die Ecke, im Fashion City Center, tragen die Schaufensterpuppen Haute Couture. Ein langes, schulterfreies Abendkleid gleicht einem Traum in Kobaltblau. Allerdings weiß jede Kundin, dass hier keine Original-Importe aus Mailand, Paris oder New York hängen. Von dort stammen nur die Anregungen für Modelle, genäht wird in Gaza.

Vom Nobelviertel Rimal bis zum Schaati-Flüchtlingslager dauert die Autofahrt keine fünf Minuten. Reiche verirren sich in diese arme Gegend nur einmal im Jahr. Während des Fastenmonats Ramadan verteilen sie Lebensmittel und Fleisch. Der Dank hält sich in Grenzen. "Die Reichen wollen nur den Eindruck erwecken, als ob sie gute Menschen wären", sagt Abu Taisir.

Zur Schau getragenes Understatement

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Macht auf bescheiden: Ismail Hanija.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Unter den 50.000 Palästinensern im Flüchtlingslager lebt ein Prominenter der A-Kategorie - Ismail Hanija, von der Hamas ernannter Regierungschef des Gazastreifens. Sein Haus an der Uferpromenade sieht genau so heruntergekommen aus wie all die anderen. Hanija verdient nach offiziellen Angaben 4000 Dollar im Monat. Die meisten Nachbarn müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. 80 Prozent der 1,5 Millionen Palästinenser im Gazastreifen überleben nur dank internationaler Lebensmittelhilfe.

"Hanija glaubt, dass er seine eigenen Leute hinters Licht führen kann. Er ist Millionär. Er könnte in einem Palast wohnen", kommentiert ein Anwohner das zur Schau getragene Understatement des Hamas-Führers.

Reichtum durch Schmuggel und Tunnel

Wer sind die ganzen Neureichen im Gazastreifen? Dazu gehören in erster Linie die Besitzer von rund 1000 Schmuggeltunneln, die die Grenze zu Ägypten unterqueren. Außerdem jene, die es in die Verwertungskette der Tunnel geschafft hätten; von denen, die graben, bis zu Händlern, sagt der Wirtschaftsberater Omar Schaaban.

Und dann kassieren noch jene ab, auf die es Israel mit seinen Sanktionen in erster Linie abgesehen hat: die im Gazastreifen herrschende radikal-islamische Hamas-Organisation. Die erhebt auf alles Schmuggelgut Steuern und besitzt außerdem eigene Tunnel. "Die Hamas hat viel Bargeld", sagt Schaaban.

Es ist kein Geheimnis in Gaza, dass die Hamas dank des Schwarzgeldes kräftig investiert. Ein Club wie der am Mittelmeer gelegene Al-Bustan (der Garten) wirkt mit seinem Swimmingpool wie eine Oase in einer unwirtlichen Welt. Krise sieht anders aus.

Grenzen trotz Tunnelwirtschaft

"Die Tunnelwirtschaft ist eine der schädlichsten für die palästinensische Gesellschaft", sagt Schaaban. "Einige Menschen sind innerhalb einer Stunde arm geworden und andere in wenigen Monaten reich. Ich musste noch 20 Jahre arbeiten, um mir ein Haus zu bauen". Schaaban sieht auch einen Wertewandel: "Früher konntest du niemanden finden, der mit einem 100.000 Dollar teuren Auto gefahren ist. Das hat die Gesellschaft nicht akzeptiert." Heute gebe es mehrere Menschen, die mehr als 100 oder 200 Millionen Dollar besäßen.

Aber auch die Vermögenden stoßen an Grenzen. Beispielsweise sind Freizeitangebote begrenzt. Kinos hat die Hamas verboten. Deshalb ist der Al-Faisal-Reitclub im Süden Gazas eine schicke Adresse, wenn abends die Hitze nachlässt. "Wir haben 35 Pferde. Bevor Israel die Blockade gelockert hat, haben wir Fohlen aus Ägypten durch die Tunnel geschmuggelt. Jetzt können wir wieder Grenzübergänge zu Israel nutzen", sagt Direktor Hisham Taha.

Furcht als ständiger Begleiter

Sehen und gesehen werden - in Gaza gibt es sogar eine kleine Szene. Wer was auf sich hält, nimmt zum Tagesabschluss sein Dinner im Roots-Club ein. Chefin Mona Ghalayeeni hat ihre Haare zu einem Knoten gebunden. Die Diamant-Ohrringe funkeln im Licht. Die 39-Jährige zieht genüsslich an einer Wasserpfeife und zählt ihre prominentesten Gäste auf: Ägyptens einflussreicher Geheimdienstchef Omar Suleiman, der französische Außenminister Bernard Kouchner und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton.

Aber selbst für Menschen wie Mona ist der Himmel über Gaza nicht unendlich. Zum einen treibt sie die ständige Sorge vor islamischen Extremisten um. Außerdem hat ihr Israel für 15 Jahre die Einreise verboten. "Ich weiß nicht warum. Meine Familie hat mit Politik nichts zu schaffen", sagt sie ratlos.

Quelle: n-tv.de, Hans Dahne, dpa

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