Lehrer unterschätzen FähigkeitenWer an deutschen Schulen am meisten unter Rassismus leidet
Von Sarah Platz
Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund machen - je nach ihrer familiären Herkunft - ganz unterschiedliche Rassismus-Erfahrungen, so eine Studie. Zudem können Vorurteile von Lehrern die Entwicklung von Kindern stark beeinflussen: Wer von vornherein unterschätzt wird, erreicht tatsächlich weniger.
Rassismus an Schulen trifft Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund unterschiedlich stark. Kinder und Jugendliche mit familiärem Hintergrund aus der Türkei oder einem arabischsprachigen Land berichten deutlich häufiger von Diskriminierung als jene, deren Familien etwa aus Polen, dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion oder dem ehemaligen Jugoslawien eingewandert sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung des Berliner Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung (BIM).
Die Psychologinnen Aileen Edele und Sophie Harms haben anhand von Studien zu subjektiven Erfahrungen, Handlungen von Lehrpersonen und institutionellen Rahmenbedingungen untersucht, inwiefern Schüler rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind. Denn: Rund 40 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Viele weitere werden aufgrund von Aussehen, Religion oder zugeschriebener Herkunft als "nicht deutsch" wahrgenommen. Damit ist, so die Forscherinnen, eine beträchtliche Zahl von Schülern von Rassismus, Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit bedroht.
Vor diesem Hintergrund fällt ein Ergebnis der Untersuchung zunächst positiv auf: In einer Befragung von 4000 Neuntklässlern, berichteten die Jugendlichen im Schnitt eher selten von persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierung. Das sollte jedoch "nicht als Entwarnung missverstanden werden", schreiben die Forscherinnen. So fällt das Bild bereits anders aus, wenn die Frage sich nicht auf die eigene Person bezieht. Aussagen wie "In Deutschland bekommen Jugendliche ausländischer Herkunft schlechtere Noten als andere, egal wie gut sie sind", stimmten die Befragten deutlich stärker zu als persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierung.
Gravierende Folgen für Schüler
Vor allem aber basiert das Ergebnis auf einem Durchschnittswert. Bestimmte Gruppen sind damit deutlich überproportional von Rassismus betroffen: Jungen fühlen sich häufiger diskriminiert als Mädchen. Wer gute Noten erhält oder sich stark mit Deutschland identifiziert, berichtete seltener über persönliche und gruppenbezogene Diskriminierung als andere. Und, wie bereits erwähnt: Schüler mit familiären Wurzeln in der Türkei oder arabischsprachigen Ländern fühlen sich besonders betroffen.
Schon seltene, sogar einmalige Erfahrungen dieser Art können sich "nachhaltig negativ auswirken", mahnen Edele und Harms zudem. International ist demnach gut belegt, dass sich Jugendliche, die wegen ihrer Herkunft, ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit benachteiligt wurden oder werden, psychisch schlechter, gestresster und unmotivierter fühlen sowie häufiger auffällig werden. Auffällig sind laut der Studie vor allem die Auswirkungen von Diskriminierungserfahrungen durch Lehrerinnen und Lehrer: Eine Tagebuchstudie zeigt, dass sich betroffene Schüler am selben Tag weniger am Unterricht beteiligen und im Folgenden weniger wohlfühlen.
Nun belegen zahlreiche Studien, dass minorisierte Schüler im deutschen Bildungssystem weniger erfolgreich sind als jene aus nicht eingewanderten Familien. Minorisiert meint der Untersuchung zufolge jene Gruppen, die nicht als der Mehrheit zugehörig angesehen werden. Im Schnitt erwerben sie geringere Kompetenzen, besuchen seltener ein Gymnasium und schreiben seltener das Abitur. Die Forscherinnen haben untersucht, inwiefern dies mit – durchaus vorhandenen – Vorurteilen von Lehrkräften zusammenhängt. So werden beispielsweise Schülerinnen und Schüler türkischer Herkunft Studien zufolge als weniger kompetent wahrgenommen. Lehrer seien zwar "keineswegs vorurteilsbehafteter als die übrige Bevölkerung", heißt es in der Untersuchung. Sie seien jedoch auch "nicht immun gegenüber verbreiteten Stereotypen".
Erwartungseffekte durch Lehrer
Ob Lehrer die minorisierten Schüler vor diesem Hintergrund tatsächlich schlechter bewerten, lässt sich den Forscherinnen zufolge nicht eindeutig belegen. Experimentelle Studien finden teils Benachteiligungen – etwa wenn identische Diktate mit türkisch klingendem Namen schlechter benotet werden - teils aber auch keine Unterschiede oder sogar Vorteile für migrantische Schüler. Feldstudien, also Untersuchungen im Schulalltag, zeigen ebenfalls nur kleine Bewertungsunterschiede.
Nur dann, wenn mehrere Diskriminierungsmerkmale zusammenkommen, fielen die beobachteten Nachteile deutlicher aus: "Beispielsweise wurden bei gleicher Leistung übergewichtige Jungen türkischer Herkunft aus einer sozial benachteiligten Familie im Fach Deutsch deutlich schlechter bewertet als normalgewichtige Mädchen deutscher Herkunft aus der Mittelschicht." Die Bewertungen von Lehrkräften erklären die Unterschiede im Bildungserfolg somit nicht, bilanzieren die Edele und Harms.
Allerdings könne sich Diskriminierung durch Lehrer nicht nur in der Bewertung widerspiegeln, heißt es weiter. Deutlich relevanter sind demnach die Erwartungseffekte: Studien zeigen, dass Lehrer von manchen minorisierten Gruppen eine geringere Leistung erwarten, dies "durch ihr Verhalten" an die Schüler weitergeben und die Betroffenen weniger fördern. Edele gibt bei einer Veranstaltung des Mediendienstes Integration ein Beispiel: Eine Befragung und langfristige Untersuchung in der ersten Klasse ergab, dass Lehrer die sprachlichen Fähigkeiten türkeistämmiger Kinder deutlich unterschätzen und die mathematischen Fähigkeiten von Kindern osteuropäischer Herkunft überschätzen.
Dies könne sich schließlich "im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung auf die Kompetenzentwicklung auswirken", sagt Edele weiter. Heißt: Jene, die von Lehrern aufgrund ihrer familiären Wurzeln überschätzt wurden, lernten binnen eines Schuljahres mehr dazu, als auf Basis ihres Vorwissens und ihrer Fähigkeiten zu erwarten gewesen wäre. Kinder, die unterschätzt wurden, lernten hingegen weniger als erwartet.
Schulalltag an bestimmtem Familientyp orientiert
Allerdings begründet auch dies den Bildungsunterschied nur zu einem kleinen Teil, heißt es weiter. Wesentlich entscheidender sind demnach die familiären Ressourcen sowie die Deutschkenntnisse der Schüler. Denn: Standardhochdeutsch ist die vorherrschende Organisations-, Unterrichts- und Prüfungssprache. Schülerinnen und Schüler, "die diesen Anspruch nicht erfüllen, sind im deutschen Schulsystem benachteiligt", schreiben die Forscherinnen.
Dass das deutsche Schulsystem Kinder mit sehr unterschiedlichen Startbedingungen oft formal gleich behandelt, sei ein Problem, heißt es weiter. Die Untersuchung nennt neben Deutschkenntnissen den frühen Übergang auf weiterführende Schulen nach Klasse 4 oder 6 als Beispiel, der "bestehende Nachteile verstärken" könne. Im Kern sei der Schulalltag an der Lebensrealität und den Voraussetzungen nicht-minorisierter Familien, "und zwar meistens spezifisch an einer christlich geprägten Mittelschicht", orientiert. Damit erfüllen die Schulen vor allem die Bedürfnisse dieser "Mehrheitschülerinnen und -schüler", während sie, so die Forscherinnen, den Bedürfnissen minorisierter Gruppen nicht oder nicht ausreichend gerecht werden.
Diese "Normalitätserwartung" zeige sich auch noch immer in den Lehrbüchern. So werde beispielsweise Migration vor allem in älteren, allerdings teilweise auch in neuen Büchern als Problem dargestellt. Vorurteile über Sinti und Roma werden in Darstellungen reproduziert, Muslime kommen häufig nur im Kontext von Migration und oft im Zusammenhang mit Bedrohungsszenarien vor. Menschen aus dem globalen Süden werden "fast ausschließlich als arm, ländlich und rückständig dargestellt". Als direkte Folge berichten Schwarze Schüler etwa häufig, weiße Mitschüler würden annehmen, dass sie in ähnlicher Weise wie in den Büchern abgebildet aufgewachsen sind. Auf diese Weise, so die Forscherinnen, entsteht leicht Alltagsrassismus.
Vor dem Hintergrund ihrer Ergebnisse fordern Edele und Harms, dass das Schulsystem deutlich besser auf vielfältige Startbedingungen ausgelegt werden müsse. Um Chancengleichheit zu verbessern, müssten Lehrkräfte besser sensibilisiert werden und Lehrbücher Diversität deutlich realistischer abbilden.