Panorama

Besorgniserregende Entwicklung Mehr Babys ausgesetzt

2011 wurden in Deutschland 25 Säuglinge nach der Geburt ausgesetzt, 16 von ihnen starben. Auch wenn die Zahlen deutlich unter denen von vor zehn Jahren liegen, sind die Experten des Kinderhilfswerks Terre des hommes über den Anstieg gegenüber dem Vorjahr besorgt. Babyklappen hält die Organisation für wirkungslos.

In Müllcontainer gelegt, unter Büschen versteckt oder im eigenen Garten vergraben: Trotz Babyklappen kommt es immer wieder vor, dass Eltern ihr neugeborenes Kind umbringen. 16 tote Babys wurden im vergangenen Jahr gefunden, wie eine Auswertung des Kinderhilfswerks Terre des Hommes ergab. Neun Kinder wurden in Innenstädten, an Parkplätzen oder vor Kliniken ausgesetzt.

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Ein Baby wurde im November 2011 in Berlin-Buch tot in der Mülltonne gefunden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Auch in Städten, wo Babyklappen existierten, seien Säuglinge nach der Geburt ausgesetzt oder getötet worden, sagte der Sprecher der Organisation, Michael Heuer, in Osnabrück. "Das sind Frauen, die in Panik gehandelt haben. Die werden von den Angeboten nicht erreicht." Die anonymen Abgabestellen seien wirkungslos, denn Kindstötungen würden sie nicht verhindern. "Sie sorgen nur für eine illegale Möglichkeit, sich eines Kindes zu entledigen."

Dunkelziffer noch höher

Die "Neue Osnabrücker Zeitung" hatte die Zahlen zuvor veröffentlicht. Terre des Hommes erhebt diese seit 1999 mit Hilfe von Medienberichten. Im Jahr 2000 eröffnete in Hamburg Deutschlands erste Babyklappe. Seither sollen in mehr als 80 Städten solche Einrichtungen entstanden sein. Genaue Zahlen liegen nach Angaben des Bundesfamilienministeriums nicht vor, da es keine gesetzliche Grundlage für Babyklappen gibt und diese somit keiner staatlichen Kontrolle unterliegen.

Obwohl die Zahl der Babyklappen in den vergangenen Jahren gestiegen sei, sei die der getöteten Kinder nicht zurückgegangen, sagte Heuer. 2001 zählte Terre des Hommes 17 tote Babys, 2006 waren es 32 und 14 im Jahr 2010. Eine offizielle Statistik zu den getöteten oder ausgesetzten Neugeborenen gibt es jedoch nicht. Das Kinderhilfswerk geht daher davon aus, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt, als die Auswertung zeigt.

Das Für und Wider der Babyklappe

Das Diakonische Werk der evangelischen Kirche in Hannover, das seit 2001 mit anderen Trägern eine Babyklappe an einem Krankenhaus betreibt, sieht dieses allerdings als letzten Ausweg. "Das Babykörbchen greift dann, wenn sonst für die Mutter scheinbar gar nichts mehr geht", sagte der Leiter des Schwangeren- und Mütternotrufs "Mirjam", Heino Masemann. "Es geht hierbei darum, den Frauen und Müttern beizustehen und eine Atempause zu schaffen." Diese könne genutzt werden, um eine Lösung zu finden.

Der Deutsche Kinderschutzbund hält Babyklappen dennoch für problematisch, da diese das Recht des Kindes verletzten, seine Herkunft zu erfahren und eine Beziehung zu den Eltern aufzubauen. Als Alternative sieht der Verein die vertrauliche Geburt, die der Deutsche Ethikrat bereits 2009 vorgeschlagen hatte. Dabei werden die Daten der Mutter zunächst nicht dem Standesamt gemeldet, sondern sind nur der Beratungsstelle bekannt.

"So hat die Frau ein Jahr Zeit zu überlegen, ob sie das Kind zur Adoption freigibt oder wieder zurücknehmen will", sagte die Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes, Paula Honkanen-Schoberth. Das Bundesfamilienministerium prüft nach Angaben einer Sprecherin derzeit eine solche Regelung. Das Deutsche Jugendinstitut erarbeitet dafür zurzeit eine Studie über Babyklappen und anonyme Geburten, deren Ergebnisse Ende Februar vorliegen sollen.

Quelle: n-tv.de, dpa

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