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Israel lockert Gaza-Blockade Mieses Geschäft für Schmuggler

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Statt in Ägypten bestellen die Händler ihre Waren nun lieber in Israel - zumindest die, die nicht verboten sind.

(Foto: REUTERS)

Drei Jahre lang hatten die Schmuggler in Gaza Hochkonjunktur. In einem Meer von Armut wurden sie zu Neureichen. Die Lockerung der Blockade vermasselt ihnen nun das Geschäft.

Der letzte Sonntag war für Abu Nemmer Ahmed ein rabenschwarzer Tag. Israel lockerte seine nahezu vollständige Blockade des Gazastreifens. Vier Tage später zieht der Besitzer eines Schmuggeltunnels unter der Grenze zu Ägypten Bilanz: "Das Tunnelgeschäft ist auf rund 20 Prozent gesunken. Die Händler fragen nicht mehr nach Schmuggelwaren. Das Geschäft wird in naher Zukunft noch schlechter werden."

Ein weit verzweigtes System von bis zu 1000 Tunneln aller Größen hat den rund 1,5 Millionen Palästinensern im Gazastreifen in den vergangenen Jahren als Lebensader gedient. Die Branche boomte. Das Geschäft mit dem Schmuggel entwickelte sich zum zweitgrößten Arbeitgeber - nach Behörden, Verwaltung und Polizei.

Mit der Geschäftstreue zu den Ägyptern, die jahrelang über den Schmuggel hinwegsahen und von Treibstoff über lebende Tiere bis hin zu Autoersatzteilen, Parfüm und Viagra alles durchließen, ist es im Gazastreifen vorbei. Jetzt sind Produkte aus Israel in Gaza der große Renner. "Die Händler bestellen in Israel, weil die Waren eine bessere Qualität haben und billiger sind", klagt Tunnelbesitzer Abu Nemmer Ahmed.

Keine Cola für Gaza

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Spielzeug, Kleidung und Schuhe: Die kleinen Dinge des Alltags machen das Leben in Gaza nach Lockerung der Blockade leichter.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es sind kleine Dinge, die das tägliche Leben nach Lockerung der Blockade etwas erträglicher machen. Nähnadeln gibt es beispielsweise wieder und Kugelschreiber. Aber auch das lang vermisste Spielzeug für Kinder - von Kleidung und Schuhen gar nicht zu reden.

Die Einfuhr anderer Waren hat die im Gazastreifen herrschende Hamas-Organisation verboten, obwohl Israel jede Menge liefern könnte. Dazu gehören Fruchtsäfte, Snacks, Kartoffelchips und Cola. Die Hamas will den wenigen einheimischen Unternehmern das Geschäft nicht verderben. Knapp neun von zehn Unternehmen sind nach UN-Angaben während der israelischen Blockade bankrottgegangen.

Hamas bangt um Steuereinnahmen

Die Hamas muss jetzt ihre letzten Steuereinnahmen retten; mit dem großen Geldsegen scheint es vorbei. Die Hamas kassierte beim Schmuggel kräftig mit, sei es über direkte Abgaben auf alle Waren oder über Zwischenhändler, die die Preise noch künstlich in die Höhe trieben.

"Es ist alles wie ein großes Projekt. Es geht nur um das Geschäft und den Profit", beschreibt der Möbelfabrikant Abu Ahmed die Zusammenarbeit zwischen Unternehmern und Händlern aus Israel, Ägypten und dem Gazastreifen während der Blockade.

Wenn er Holzfaserplatten aus Israel benötigte, ging der 70-Jährige zu einem Zwischenhändler. "Der bestellte diese dann bei einem israelischen Holzhändler. Die Bretter wurden dann vom Hafen Aschdod in Israel nach Port Said in Ägypten verschifft. Dort wurden sie auf Lastwagen verladen, zur Grenze an den Gazastreifen gebracht und durch die Tunnel geschmuggelt", sagt er. Statt umgerechnet 35 Euro - wie vor der Blockade - bezahlte Abu Ahmed 57 Euro für ein 1,20 mal 2,40 Meter großes Holzfaserbrett. Der Zwischenhändler - ein Mittelsmann der Hamas - kassierte 30 Prozent Provision.

Verbotene Waren

Auch wenn die Konjunktur derzeit lahmt, dürfte das Tunnelgeschäft noch eine ganze Weile überleben. Israel lässt nämlich nicht alle Waren in den Gazastreifen durch. "Ich habe gerade in den Nachrichten gehört, dass Israel eine schwarze Liste mit 123 verbotenen Waren aufgestellt hat, die nicht geliefert werden dürfen. Ich glaube deshalb, dass das Tunnelgeschäft nicht ganz zu Ende geht", sagt Abu Hisham Ziad. Rund 3000 Dollar hat der Tunnelbesitzer aus Rafah im südlichen Gazastreifen nach eigenen Angaben pro Woche verdient. Wenn Israel die Blockade vollständig aufhebt, gehe ich zurück ins Baugeschäft", sagt er.

Auch Tunnelbesitzer Abu Nemmer Ahmed macht sich so seine Zukunftsgedanken, falls nur noch der Schmuggel von Treibstoff und Zigaretten lohnen sollte. "Ich denke, ich mache meinen Tunnel zu, wenn das Geschäft weiter zurückgeht. Und es gibt hunderte weitere Tunnelbesitzer, die das auch tun werden."

Quelle: n-tv.de, Saud Abu Ramadan und Hans Dahne, dpa

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