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"Ich bitte um Vergebung" Papst Franziskus kommt als Büßer nach Kanada

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In Kanada sind Jahrzehnte lang indigene Kinder von ihren Familien getrennt und in Lager gesteckt worden, um ihre Kultur zu vergessen - viele wurden misshandelt. Mittendrin: die katholische Kirche. Bei seinem Besuch im kanadischen Ort Maskwacis findet Papst Franziskus schonungslose Worte.

Papst Franziskus hat die Ureinwohner Kanadas um Vergebung für die einst von Kirchenvertretern begangenen Vergehen an indigenen Kindern gebeten. Mitglieder der katholischen Kirche und der Ordensgemeinschaften hätten an "Projekten der kulturellen Zerstörung und der erzwungenen Assimilierung" der Ureinwohner teilgenommen, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche. Dies habe seinen Höhepunkt im "System der Internatsschulen" gefunden, sagte er im kleinen Ort Maskwacis nahe der Stadt Edmonton in der Provinz Alberta. Dort traf er Vertreter der First Nations, Inuit und Métis.

Ab den 1880er Jahren wurden in Kanada über Jahrzehnte hinweg geschätzt rund 150.000 indigene Kinder ihren Familien entrissen und in von der Kirche geführten Internaten untergebracht. In den Schulen erlebten viele Kinder Gewalt, sexuellen Missbrauch, Hunger und Krankheiten. Hunderte starben. Die letzten Internate schlossen 1996.

Das vom Staat initiierte und von der Kirche mitgetragene Programm sollte die Kinder an die westlich-christliche Gesellschaft anpassen. Franziskus bat in seiner Rede mehrfach um Vergebung. Die Politik der Assimilierung und Entrechtung sei für die Menschen in diesen Gebieten "verheerend" und "katastrophal" gewesen, sagte der Argentinier. "Ich bitte um Vergebung insbesondere für die Art und Weise, in der viele Mitglieder der Kirche und der Ordensgemeinschaften, auch durch Gleichgültigkeit, an den Projekten der kulturellen Zerstörung und der erzwungenen Assimilierung durch die damaligen Regierungen mitgewirkt haben, die im System der Internatsschulen ihren Höhepunkt fanden."

"Kultureller Genozid"

Am Ende seiner Rede, der auch der kanadische Premierminister Justin Trudeau beiwohnte, bekam der Papst einen traditionellen Feder-Kopfschmuck der Ureinwohner aufgesetzt. Vertreter der indigenen Gruppen hatten Franziskus Ende März im Vatikan besucht. Schon damals bat der Pontifex für die Taten der Kirche um Entschuldigung. Franziskus rief nun die Berichte in Erinnerung, die er damals in Rom von den indigenen Vertretern erhalten hatte. Die Internate hätten Sprache und Kultur der Ureinwohner verunglimpft und unterdrückt, sagte er. Kinder seien "körperlich und verbal, psychologisch und spirituell misshandelt" und "von zu Hause weggeholt" worden, sagte Franziskus.

Der Fund Hunderter anonymer Kindergräber in der Nähe der Internate seit Mai vergangenen Jahres machte ihr Schicksal weltweit bekannt - obwohl es in Kanada schon seit Jahren diskutiert wurde. Eine staatlich eingerichtete Kommission bezeichnete die Verbrechen, die Bedienstete in den Schulen begingen, 2015 als "kulturellen Genozid". Immer noch fordern Opfer Entschädigung von der Kirche und Zugang den Kirchenarchiven, wo Dokumente zu den Internaten liegen.

Fast 2000 Überlebende der ehemaligen Internate wurden in Maskwacis erwartet. Während Franziskus' Rede applaudierten sie immer wieder. An den Ort mit wenigen Tausend Einwohnern reisten Menschen aus dem ganzen Land. Lizzie und Yvette Daniels etwa, zwei Überlebende der Internate, fuhren nach eigenen Worten die ganze Nacht, um den Papst in Maskwacis zu sehen. "Es ist überwältigend", sagte Lizzie Daniels. Für sie sei es am wichtigsten, die Entschuldigung des Papstes zu hören.

Auch in Maskwacis befand sich einst ein Internat. Der Ort rief in Franziskus nach eigenen Worten einen "Schmerzensschrei" hervor, der ihn in den vergangenen Monaten begleitete. "Ich denke an die Tragödie, die so viele von euch, eure Familien, eure Gemeinschaften erlitten haben", sagte der Pontifex. Der Südamerikaner zitierte in seiner auf Spanisch gehaltenen Rede den Holocaustüberlebenden und renommierten Autor Elie Wiesel: "Das Gegenteil der Liebe ist nicht der Hass, sondern die Gleichgültigkeit. Das Gegenteil des Lebens ist nicht der Tod, sondern die Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben und dem Tod."

Papst will bedeutsamen See segnen

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Die Begegnungen mit den Indigenen sind der zentrale Anlass für die mehrtägige Reise des Papstes in dem flächenmäßig zweitgrößten Land der Erde mit rund 38 Millionen Einwohnern. Er wird in den kommenden Tagen in anderen Landesteilen auf weitere indigene Vertreter treffen.

Am Nachmittag (Ortszeit) will Franziskus in der Edmonton noch eine katholische Kirche besuchen, die Erzbischof Joseph MacNeil 1991 zu einer Pfarrei für Christen, First Nations, Métis und Inuit machte. Es war das erste Gotteshaus dieser Art in Kanada, in dem der katholische Glaube und die Kultur der Ureinwohner zusammenfließen durften. Am Dienstag will der Papst in einem Stadion in Edmonton eine Messe feiern und einen für Katholiken und Ureinwohner gleichermaßen bedeutsamen See segnen. Der See Ste. Anne (Heilige Anna) ist Teil einer wichtigen Pilgerroute.

Quelle: ntv.de, jki/dpa

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