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Mittwoch, 18. Januar 2012

"Costa Concordia" rutscht weiter ab: Richterin belastet Kapitän

Die Zeit läuft. Weil das gekenterte Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" weiter abrutscht, werden die Rettungsarbeiten unterbrochen. Die Hoffnung, Überlebende zu finden, schwindet stetig. Eine Untersuchungsrichterin weist derweil die Ausreden von Kapitän Schettino zurück. Es gebe "ernste Indizien" für seine Schuld. Italien feiert einen ganz anderen Helden.

Den Rettungskräften läuft die Zeit bei der Suche nach den mehr als 20 Vermissten in dem havarierten Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" davon. Hoffnung, fünf Tage nach dem Unglück vor der italienischen Küste in dem eiskalten Wasser noch Überlebende zu finden, bestand kaum noch. Taucher mussten aus Sicherheitsgründen ihre Arbeit vorübergehend sogar unterbrechen, nachdem die auf einem Felsen aufgelaufene "Costa Concordia" erneut um einige Zentimeter abgerutscht war. Allerdings sollen die Bergungsarbeiten am Donnerstag fortgesetzt werden. Ein Sprecher der italienischen Küstenwache sagte am Abend, das Schiff habe sich stabilisiert.

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Für die kommenden Tage sagten Meteorologen zudem stärkeren Wind voraus, was dazu führen könnte, dass das auf einem Felsvorsprung aufsitzende Wrack weiter in die Tiefe gerissen wird. Damit würde die Gefahr einer Umweltkatastrophe steigen. Nach Angaben der Reederei sollen mindestens 1900 Tonnen Treibstoff an Bord sein, darunter Schweröl, sagte eine Sprecherin des Havariekommandos in Cuxhaven. "Schweröl ist wie dicker, zähflüssiger Honig. Um es abzupumpen, muss es erst auf 45 bis 50 Grad erwärmt werden."

Nach italienischen Quellen sind zudem noch 2380 Tonnen Dieselölgemisch an Bord. Das Abpumpen wird voraussichtlich mehrere Wochen dauern und soll erst nach Ende der Rettungsarbeiten beginnen. Die Unglücksstelle liegt mitten im Pelagos-Meeresschutzgebiet. Das ist das wichtigste Walschutzgebiet im Mittelmeer. Umweltschützer befürchten eine Katastrophe, wenn das Öl ins Meer fließen sollte. Der Umweltverband Legambiente sprach schon von bedeutenden Schäden für die Natur als Folge der Lösungsmittel, Schmieröle, Lacke und Reinigungsmittel an Bord.

"Die Sicht ist miserabel"

Die Suche nach den Vermissten gestaltete sich schwieriger als gedacht. "Die Sicht ist miserabel", sagte der Höhlentaucher Giuseppe Minciotti, einer der vor Ort eingesetzten Spezialisten. "Gestern konnte ich meine Hand vor meinem Gesicht nicht sehen." Er habe nach einem vorbeiziehenden Gegenstand gegriffen und erst nach dem Auftauchen erkannt, dass es der Schuh einer Frau gewesen sei. Viele Bereiche des Schiffs können die Taucher auch gar nicht erreichen. Deswegen sollen weitere Öffnungen in den Rumpf geschlagen werden.

Die Rettungsarbeiten müssen vorerst unterbrochen werden - die Gefahr für die Helfer ist derzeit zu groß.
Die Rettungsarbeiten müssen vorerst unterbrochen werden - die Gefahr für die Helfer ist derzeit zu groß.(Foto: dapd)

Die Bergungskräfte planten, ihre Suche auf das zum Teil unter Wasser liegende vierte Deck zu konzentrieren, sagte der Sprecher der Küstenwache, Cosimo Nicastro. Im Bereich des dortigen Versammlungspunkts seien Passagiere und Besatzungsmitglieder von Bord gegangen. Und genau dort seien sieben der bislang insgesamt elf geborgenen Leichen gefunden worden.

Nach Angaben der Regierung in Rom wurden noch 22 Menschen vermisst. Darunter waren nach Polizeiangaben mindestens zwölf Deutsche. Nach Angaben des Auswärtigen Amt in Berlin liegen dem Krisenstab zwölf polizeiliche Vermisstenmeldungen vor. Darüber hinaus gebe es Hinweise, dass das Schicksal weiterer Deutscher ungeklärt sei. Dabei handele es sich aber um eine kleine Zahl. Meldungen aus Italien, wonach ein Deutscher unter den elf bisher geborgenen Toten sei, wurden nicht bestätigt. Überlebende wurden zuletzt am Sonntag entdeckt.

Vor Gericht erleben Beobachter, wie sich Schettino versucht, aus der Verantwortung zu stehlen.
Vor Gericht erleben Beobachter, wie sich Schettino versucht, aus der Verantwortung zu stehlen.(Foto: AP)

Verwandte einzelner Vermisster trafen derweil vor Ort ein, so auch Sartonino Soria aus Peru, der seine Tochter Erika sucht. Sie war Teil der Besatzung. Soria appellierte an die Rettungskräfte, die Suche nicht einzustellen. "Deshalb sind wir hier und wir werden nicht gehen, bis Erika gefunden ist."

Die 114.500 Tonnen schwere "Costa Concordia" war Freitagabend mit mehr als 4200 Menschen an Bord vor der toskanischen Insel Giglio auf einen Felsen gelaufen und zur Seite gekippt. Unter Wasser wird sie derzeit von einem Gesteinsvorsprung in etwa 20 Meter Tiefe gestützt. Unweit davon fällt der Meeresgrund aber rasch bis auf 130 Meter ab.

Richterin spricht von "unbesonnenem Manöver"

Die Behörden werfen Kapitän Francesco Schettino fahrlässige Tötung in mehreren Fällen vor. Er soll das Schiff eigenmächtig zu nah an die Küste gesteuert und dann verlassen haben, bevor alle Passagiere und Besatzungsmitglieder von Bord waren. Nach Angaben seines Anwalts hat er alle Vorwürfe von sich gewiesen. Vielmehr sei er der Ansicht, Hunderte, wenn nicht gar Tausende gerettet zu haben, weil er das Schiff nah an die Küste gelenkt habe, nachdem es gegen einen Felsen gelaufen sei. Gleichwohl räumte Schettino am Dienstag Fehler ein. "Es ist etwas schief gelaufen, denn ich habe zu spät gelenkt", zitierte ihn der "Corriere della Sera". Er sei die Route "schon drei- oder viermal abfahren, aber dieser Felsen hat mich überrascht", meinte Schettino.

De Falco wird in Italien als Held gefeiert.
De Falco wird in Italien als Held gefeiert.(Foto: dpa)

Laut italienischen Medienberichten machte Schettino zudem ein technisches Problem dafür verantwortlich, dass er die Evakuierung an Bord nicht koordiniert hat. "Ich wollte nicht abhauen, sondern habe Passagieren geholfen, ein Rettungsboot ins Wasser zu lassen", sagte er demnach vor einer Richterin. Als der Absenkmechanismus blockierte und plötzlich aber wieder ansprang, "bin ich gestrauchelt und lag plötzlich zusammen mit den Passagieren im Boot". Daraufhin habe er nicht mehr auf das Schiff zurückkehren können, weil sich dieses schon zu sehr in Schräglage befunden habe.

Eine Untersuchungsrichterin sah dagegen "ernste Indizien" für eine Schuld des Kapitäns. Schettino habe ein "unbesonnenes Manöver" durchgeführt, als er der Insel Giglio "viel zu nah kam", teilte das Gericht in Grosseto mit. Außerdem habe der Kapitän den Schaden am Schiff "unterschätzt" und dadurch eine Alarmmeldung verzögert. Die Tatsache, dass andere Offiziere und Besatzungsmitglieder an Bord blieben und sich um die Evakuierung der Passagiere kümmerten, widerlege die Behauptung des Kapitäns, er habe die Rettungsarbeiten an Bord nicht leiten können, befand demnach Richterin Valeria Montesarchio. Die Richterin kritisierte, der Kapitän habe "keinerlei ernsthaften Versuch" unternommen, wieder an Bord oder zumindest in die Nähe des Schiffs zurückzukehren. Stattdessen habe Schettino von einem Felsen aus gemeinsam mit weiteren Besatzungsmitgliedern stundenlang die Rettungsarbeiten beobachtet.

Italien feiert einen Helden

Die Vorwürfe gegen dem Kapitän werden durch die Veröffentlichung eines dramatischen Funkverkehrs zwischen dem Küstenwachen-Kommandanten Gregorio De Falco und Schettino verstärkt. Der Mitschnitt, dessen Echtheit noch nicht bestätigt ist, dokumentiert, wie De Falco den bereits von Bord gegangenen Kapitän immer wieder auffordert, an Bord zurückzukehren. Für seinen strengen Ton feierte die italienische Presse De Falco. Der "Corriere della Sera" dankte ihm auf der Titelseite. Seine energischen und entschiedenen Worte seien auch ein Appell an das persönliche Verantwortungsgefühl der Italiener insgesamt.

Die Untersuchungsrichterin hatte am Dienstag die Aufhebung der Untersuchungshaft für Schettino beschlossen, weil keine Fluchtgefahr bestehe. Stattdessen ordnete sie an, den 52-Jährigen in seiner Wohnung unter Hausarrest zu stellen. Er darf nach italienischem Recht mit niemandem außer seinen engsten Angehörigen und seinem Anwalt Kontakt haben. Als Grund für den Hausarrest nannte die Untersuchungsrichterin Vertuschungsgefahr. Der gegen den Kapitän ermittelnde Staatsanwalt von Grosseto, Francesco Verusio, kündigte Einspruch gegen die Entlassung Schettinos aus der Untersuchungshaft an. Schettino drohen bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.

Nach Schätzungen von Experten könnte das Schiffsunglück der größte Versicherungsschaden in der Geschichte der Seefahrt werden. Die Angaben der Versicherer deuten auf einen Schaden zwischen 500 Millionen Euro und einer Milliarde Euro hin. Der weltgrößte Rückversicherer Münchener Rück schätzt die auf ihn zukommende Belastung auf rund 50 Millionen Euro, die Hannover Rück geht für sich von mehr als zehn Millionen Euro aus. Auch die Allianz ist betroffen. Neben den Kosten für das zerstörte Schiff entstehen Belastungen aus Haftpflichtansprüchen der Passagiere und der Crew sowie aus der Bergung des Wracks. Darüber hinaus können Kosten aus möglichen Umwelthaftpflichtansprüchen entstehen.

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Quelle: n-tv.de