Panorama

Angehörigen-Helfer in Digne "Schrecklich, was sie durchmachen müssen"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Am zweiten Tag nach dem Flugzeug-Absturz in Frankreich erreichen die ersten Angehörigen die Umgebung der Unglücksstelle. Dort warten die Medien. "Die Menschen haben etwas Besseres verdient als schreiende Reporter", sagt eine Einheimische und ist damit nicht allein.

Über dem betonierten Vorplatz der Kongresshalle in Digne-les-Bains scheint die Frühlingssonne. Zwei Polizisten mit Sonnenbrillen und Schweißperlen auf den Glatzen achten darauf, dass das knappe Dutzend Reporter nicht über die mit Flatterband abgesperrte Linie tritt. Die Beamten haben nicht viel zu tun, denn die Journalisten hoffen auf ein Interview mit den Angehörigen der Opfer des tragischen Germanwings-Unglücks. Doch die sind entweder eben erst mit einer Sondermaschine der Lufthansa in Marseille gelandet oder schon längst im 30 Kilometer entfernten Le Vernet, das direkt unterhalb der Absturzstelle liegt.

Am Hintereingang der schmucklosen Halle im hübschen Kurörtchen Digne lädt Èlaine gerade Lebensmittel von einem Lieferwagen. Die Rentnerin trägt trotz ihres Alters problemlos eine Palette mit Joghurtbechern. "Ich habe im Fernsehen gesehen, was passiert ist und mich gestern freiwillig gemeldet", sagt sie und zupft mit beiden Händen an der Weste, die sie als Helferin ausweist. "Schrecklich, was diese Leute durchmachen müssen - auch wenn ich nicht viel ausrichten kann, ich möchte ihnen wenigstens das Gefühl geben, dass sie nicht ganze allein sind."

Ob und wie viele Menschen bereits vor Ort sind, möchte sie nicht sagen, aus Respekt vor den Angehörigen. "Die Hinterbliebenen haben in ihren schwersten Stunden etwas Besseres verdient als schreiende Reporter", findet Èlaine. Die französischen Behörden haben das verstanden, die Informationspolitik in punkto Angehörige ist gewollt furchtbar. Die Abschirmung klappt auch vor den üblichen Verdächtigen. Deren Vorgehen wird branchenintern Witwenschütteln genannt.

Die alte Dame seufzt und steht mit knackenden Knien von den Stufen auf, auf denen sie sich für das kurze Gespräch ausgeruht hatte. Energisch nimmt sie die Joghurtbecher in Angriff - hätte sie Ärmel, sie würde sie hochkrempeln. Schreiende Reporter haben die Angehörigen vielleicht nicht verdient, Menschen wie Èlaine dafür umso mehr.

Quelle: ntv.de