Panorama

Der Fall Kalinka Schuld, die nicht vergeht

19531343.jpg

Kalinka stirbt 1982 im Haus ihrer Mutter und ihres Stiefvaters in Lindau am Bodensee unter unklaren Umständen (undatiertes Privatfoto).

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Fall Kalinka liegt 30 Jahre zurück und hat alle Zutaten eines handfesten Justizdramas. Der Tod eines Mädchens, schlampige Ermittlungen, ein zwielichtiger Stiefvater und ein leiblicher Vater, dem jedes Mittel recht ist, den Mörder seiner Tochter zu finden. Vorläufiger Schlussstrich ist die Verurteilung des Stiefvaters. Dessen Anwälte geben aber nicht auf.

Die 14-jährige Kalinka Bamberski wird von ihrem Stiefvater Dieter K. tot in ihrem Bett gefunden. Kalinka stirbt im deutschen Lindau am Bodensee, wo sie zusammen mit ihrem Bruder die Mutter besucht, die hier mit ihrem neuen Lebensgefährten lebt. Ein Jahr später kommen die deutschen Behörden, die den Fall untersuchen, zu dem Schluss, Kalinka sei ohne Fremdverschulden gestorben.

Ein Sexualverbrechen oder ein Vertuschungsmord werden kaum für möglich gehalten und deshalb offenbar auch keine Ermittlungen in diese Richtung angestellt. In der Rückschau erscheint die Aufklärung der deutschen Behörden alles andere als professionell. Es gibt keine gesicherten Spuren vom Tatort, bis Kalinka obduziert wird, vergehen Tage. Die Gerichtsmediziner notieren zahlreiche Einstiche und eine "ungewöhnlich fortgeschrittene Fäulnis" im Körper sowie weißliche Flüssigkeit an den Genitalien und eine Verletzung der Schamlippe, zudem Blutspuren in der Vagina. Sie konstatieren Verletzungen und Blutspuren im Intimbereich als "nach dem Tod eingetretene Verletzungen".

30v00058.jpg6529620388323290319.jpg

Dieter K. beim Prozess in Paris.

(Foto: dpa)

Doch sie verzichten auf weitere Untersuchungen und kommen zu keiner Aussage über die genaue Todesursache des Mädchens. Als möglicher Grund gilt, dass Kalinka nach einem Kollaps an Erbrochenem erstickt ist. Bei der Obduktion genommene Proben werden jedoch auch nicht aufbewahrt, um sie Jahre später mit verbesserter Technik möglicherweise noch einmal untersuchen zu können.

Der Notarzt, der Kalinkas Tod feststellt, überlässt es Dieter K., die Polizei zu informieren. Der aber nimmt keinen Kontakt zu den Beamten auf. Erst ein hinzugezogener Bestattungsunternehmer ruft schließlich die Polizei.

Schwur am Grab

Das war vor fast 30 Jahren, am 10. Juli 1982. Kalinkas leiblicher Vater, der Franzose André Bamberski, hat von diesem Tag an Zweifel am natürlichen Tod seiner Tochter und drängte immer wieder aufs Neue zu weiteren Untersuchungen. 1985 wurde Kalinka im Zuge französischer Ermittlungen exhumiert und erneut obduziert, doch bis auf das Fehlen der Genitalien des Mädchens konnten die französischen Rechtsmediziner keine neuen Erkenntnisse gewinnen.

30v00517.jpg1823754245767245752.jpg

André Bamberski ist sicher, dass Dieter K. seine Tochter getötet hat.

(Foto: dpa)

Und auch jetzt stehen immer noch zwei mögliche Varianten im Raum. Da ist zunächst die des Stiefvaters Dieter K. Er hat immer wieder seine Unschuld betont und zu Protokoll gegeben, er habe Kalinka am Abend vor ihrem Tod lediglich ein Eisenpräparat gespritzt. Später habe er dem Mädchen, das den ganzen Tag im Strandbad verbracht hatte, noch eine Schlaftablette gegeben. Die 14-Jährige galt als sportlich und kerngesund. Die Anämie, die K. mit dem Eisenpräparat behandeln wollte, war zuvor nie bei ihr diagnostiziert worden.

In anderen Erklärungen gab K. das verabreichte Medikament als Bräunungsmittel für die hellhäutige Kalinka aus. Schließlich führte er zu erwartende "hohe Blutverluste" durch Kalinkas beginnende Periode an. Überzeugend war keine der Begründungen für die Injektion. Zudem soll K. lange nach Kalinkas Tod noch sechs verschiedene Medikamente in Herz und Venen gespritzt haben. Da war die Leichenstarre bereits eingetreten, jeder Arzt musste wissen, dass er hier mit seiner Kunst am Ende ist. Doch Dieter K. sprach von intensiven Wiederbelebungsversuchen.

André Bamberski ging indes von einem anderen Hergang aus. Er vermutete, dass K. Kalinka vergewaltigt hat und sie zur Vertuschung des sexuellen Übergriffs ermordete. Möglicherweise habe K. Kalinka auch nur betäubt, um sie vergewaltigen zu können. Die Betäubung habe sich aber letztlich als tödlich erwiesen.

Wachsende Zweifel

Kalinkas Mutter Danielle G. hat sich viele Jahre aus dem juristischen Tauziehen um den Tod der Tochter herausgehalten. Sie war von 1977 bis 1984 mit Dieter K. zusammen. Die Trennung habe aber nichts mit Kalinkas Sterben zu tun gehabt, sondern damit, dass K. sie immer wieder betrogen habe, betonte sie in ihrer letzten Aussage vor Gericht. Sie habe nie geglaubt, dass K. ihre Tochter umgebracht habe

Erst als sie vor einem Jahr schließlich als Nebenklägerin aufgetreten sei und dadurch Einblick in die Akten erhalten habe, habe sich dies geändert: "Ich habe das alles gelesen, und es hat mich durcheinandergebracht." Ihr Ex-Mann müsse sagen, was in jenem Sommer 1982 vorgefallen sei. "Wenn er schuldig ist, muss er bezahlen", sagte die 66-Jährige, die nun offenbar K.s Täterschaft für möglich hält.

Zahlreiche Vorwürfe

Dieter K. ist inzwischen längst nicht mehr der gutaussehende, selbstsichere, angesehene Mediziner, mit dem Danielle G. einst liiert war. 1997 hat ihn eine 16-jährige Patientin wegen Vergewaltigung angezeigt. Der Arzt, der das Mädchen mit einer Spritze betäubt und missbraucht hat, kam jedoch glimpflich davon. Das Landgericht Kempten verurteilte ihn zu zwei Jahren Haft und setzte die Strafe zur Bewährung aus. In einer Fernsehdokumentation spricht K. von einem unausgesprochenen Einverständnis, das er gefühlt habe, und zeigte sich keiner Schuld bewusst.

Im jetzt zu Ende gehenden Pariser Prozess legte ein Polizist aus Lindau am Bodensee die Beschwerden von sieben Frauen vor, die K. in den 1990er Jahren belästigt haben soll. Der Beamte hatte die Unterlagen nach eigenen Angaben einer Akte entnommen, die die Lindauer Polizei zu Dieter K. angelegt hatte. Die Frauen gaben an, der Arzt sei zudringlich geworden, habe sie beleidigt oder versucht, sie zu berühren. Die Polizei verfolgte die Beschwerden damals nicht weiter.

Weitere Frauen meldeten sich, versichern, sie seien als Minderjährige von K. ebenfalls missbraucht worden. André Bamberski sprach in einem Interview 2010 davon, dass sich K. an drei Töchtern seiner jeweiligen Lebensgefährtinnen vergangen habe. Doch die Fälle waren inzwischen verjährt. K. verlor im Zuge der Strafverfolgung seine Zulassung als Arzt. Später wurde er wegen illegaler Ausübung des Arztberufs und Betrugs zu 28 Monaten Haft verurteilt. Aber ist er deshalb ein Mörder?

Juristischer Eiertanz

Dass K. wegen des Todes von Kalinka überhaupt noch einmal vor Gericht stand, ist juristisch höchst zweifelhaft. Die deutsche Justiz hat sich bereits mit dem Fall beschäftigt. Das Oberlandesgericht München urteilte im September 1987 letztinstanzlich, dass K.s Spritze nicht ursächlich für den Tod der Jugendlichen war, und schloss damit die Ermittlungen ohne Anklageerhebung ab. Laut einem internationalen Rechtsgrundsatz darf K., über den in Deutschland bereits befunden wurde, in Frankreich nicht noch einmal verurteilt werden.

Doch Kalinka Bamberski war auch französische Staatsbürgerin und das Drängen ihres leiblichen Vaters führte zu eigenen französischen Ermittlungen. Die französische Justiz rollte den Fall 1995 noch einmal auf und verurteilte K. in Abwesenheit zu 15 Jahren Gefängnis. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte kritisierte damals die französische Rechtsprechung, die K.s Anwalt nicht anhörte und dem Verurteilten keine Möglichkeit gab, Berufung einzulegen. Weil es für die deutsche Justiz keinen Grund gab, den Mediziner nach Frankreich auszuliefern, wurde das Urteil auch nie vollstreckt. Ein französisches Berufungsgericht hob das Urteil später wegen Verfahrensfehlern wieder auf.

Schon deshalb stellt sich die Frage, ob der Prozess überhaupt rechtens ist. Aus Angst, der Fall könnte verjähren, griff André Bamberski 2009 auch noch zum höchst fraglichen Mittel der Selbstjustiz. Er beauftragte Unbekannte mit K.s Entführung. Die schlugen K. zusammen und legten ihn gefesselt und mit gebrochener Nase vor das Gericht in Mulhouse. Daraufhin nahmen französische Behörden K. in Haft und brachten den neuen Prozess auf den Weg. Eine Straftat, für die sich Bamberski noch verantworten muss, ist also die Grundlage dafür, dass der Prozess gegen K. überhaupt zustande kam.

Diplomatische Verwicklungen

Inzwischen berührt der Fall den Rechtsfrieden zwischen Deutschland und Frankreich. Die deutsche Botschaft in Paris ist ebenso wie das Bundesjustizministerium mit dem Fall befasst. Doch zu viel mehr als zu konsularischer Betreuung für Dieter K., der in einem Pariser Gefängnishospital untergebracht ist, hat es bisher nicht gereicht. Als Rechtsstaat biete Frankreich ausreichend Mittel und Wege, sich gegen vermeintliches Unrecht zu wehren, so die deutsche Haltung.

Wegen des schlechten Gesundheitszustandes von Dieter K. musste der Prozess schon einmal von vorn beginnen. Kalinkas Vater versprach seiner toten Tochter einst am Grab, er werde ihren Mörder zur Verantwortung ziehen. Einen weiteren Schritt dahin hat er mit der Verurteilung K's zu 15 Jahren Haft geschafft. Ob der Richterspruch aus Paris Bestand hat, ist aber noch nicht klar, Bamberskis Versprechen gilt noch nicht als eingelöst.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema