Panorama

Prozess um Mord an Tramperin Sophias Tod wühlt noch immer auf

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Zwei Wochen nach ihrem Verschwinden wurde Sophias Leiche in Spanien gefunden.

(Foto: dpa)

Eine Studentin steigt in einen Lkw, um zu ihrer Familie zu trampen. Doch dort kommt sie nie an, stattdessen wird ihre Leiche später in Spanien gefunden. Nun steht der Lkw-Fahrer vor Gericht. Doch die Familie des Opfers macht auch der Polizei Vorwürfe.

"Sitze mit dem Marokkaner Bob im Lkw." Es sind die letzten Worte, die die Freunde und Familie von Sophia Lösche hören. Sie tippt sie in eine Telegram-Nachricht an einen Freund, um 19.45 Uhr am Abend des 14. Juni 2018. Der Satz endet mit einem Zwinkersmiley. Nichts deutet auf eine drohende Gefahr hin. Knapp eineinhalb Stunden zuvor klettert die 28-jährige Studentin an einer Tankstelle im sächsischen Schkeuditz in die Fahrerkabine eines Lastwagens. Sie will ihre Familie im bayerischen Amberg besuchen. Wie so häufig reist sie per Anhalter, nur für die letzten Kilometer nimmt sie normalerweise den Zug. Doch an diesem 14. Juni wartet ihr Vater am Amberger Bahnhof vergeblich. Der letzte Zug fährt gegen 23 Uhr in den Bahnhof ein. Sophia steigt nicht aus.

Ein gutes Jahr später beginnt nun vor dem Landgericht Bayreuth der Prozess gegen einen 42 Jahre alten Lastwagenfahrer. Die Anklage lautet auf Mord: Der Mann soll die Studentin in seinem Lkw mitgenommen und ermordet haben. Anschließend soll er gut 1800 Kilometer mit der Leiche der 28-Jährigen nach Spanien gefahren sein, wo er diese verbrannt und den Körper am Straßenrand abgelegt haben soll.

"Der Prozess wird alles wieder hochwirbeln und uns aufwühlen", sagte Sophias Bruder, der Grünen-Politiker Andreas Lösche, der "Mittelbayerischen Zeitung". Das alles, das ist im Fall Sophia nicht nur die Verarbeitung des Mordes an der Schwester, der Tochter, der Freundin. Das sind auch die Drohungen und der Hass, die Sophias Angehörigen nach dem Mord in den sozialen Netzwerken entgegenschlagen. Das ist das Foto der fröhlichen jungen Frau, die sich für Flüchtlinge engagierte, das plötzlich auf Plakaten bei rechten Demonstrationen auftaucht - weil ihr mutmaßlicher Mörder aus Marokko stammt. Und das ist das Gefühl, dass die Polizei nicht alles in ihrer Macht Stehende getan hat, um Sophia zu finden. "Alles, was ermittelt wurde, haben nicht die Polizisten ermittelt, sondern Angehörige und Freunde von Sophia", sagte Andreas Lösche der "Süddeutschen Zeitung" im vergangenen Sommer. Hätten sie nicht auf eigene Faust gehandelt, hätte sich der Täter möglicherweise in seine Heimat absetzen können, klagte er damals an.

Familie suchte selbst nach Sophia

Dass der Kontakt zu Sophia abreißt, kurz nachdem sie an jenem 14. Juni ihre letzte Nachricht aus dem Lkw getippt hat, lässt die Familie "ab dem allerersten Moment" an ein Gewaltverbrechen denken. Zu verantwortungsbewusst, zu zuverlässig ist Sophia, um einfach abzutauchen. Die Polizei sieht das anders, als ihre Familie sie am nächsten Tag als vermisst meldet. Laut Bundeskriminalamt landen bei der Polizei deutschlandweit täglich rund 250 bis 300 Vermisstenfälle auf dem Tisch. 97 Prozent von ihnen nehmen ein glückliches Ende. Eine Gefährdung von Leib und Leben vermuten die Polizisten offenbar auch im Fall Sophia zunächst nicht. Nach stundenlangen Diskussionen, so erzählte es Sophias Bruder mehreren Medien, hätten sich die Beamten zwar das Überwachungsvideo der Raststätte angeschaut, das zeigt, wie die 28-Jährige in einen Lastwagen steigt. Doch auch mit der Kenntnis des Nummernschilds des Lkws habe die Polizei keine Fahndung eingeleitet. Vielmehr habe man diskutiert, welche Polizeistation überhaupt zuständig ist.

Also machen sich Sophias Familie und Freunde selbst auf die Suche. Sie organisieren sich online, verbreiten Fotos von Sophia und eine Vermisstenmeldung in zehn verschiedenen Sprachen, ebenso wie ein Foto des Lastwagens, in den sie gestiegen ist. Bei der Spedition fragen sie die GPS-Daten des Fahrers an, knapp 90 Stunden nach Sophias Verschwinden haben sie den 42-Jährigen sogar persönlich am Telefon - er will die Studentin an der Autobahnausfahrt 49 abgesetzt haben, schickt als Beweis seiner Unschuld sogar Bilder der Fahrt, die ihn inzwischen nach Spanien geführt hat. "Wir konnten Sophias Weg fast zweifelsfrei rekonstruieren", sagte Andreas Lösche zu jetzt.de. "Bis zu ihrer Leiche." Denn Sophia gehört zu den drei Prozent der Vermissten, für die es kein glückliches Ende gibt.

Angeklagter will Sophia im Streit getötet haben

Sophias Leiche, teilweise verbrannt und von Gewalt gezeichnet, wird zwei Wochen nach ihrem Verschwinden in der Nähe einer Tankstelle in der nordspanischen Gemeinde Asparrena gefunden. Zuvor stoßen baskische Beamten bereits auf den Lkw - ausgebrannt, der mutmaßliche Täter wollte wohl Spuren vernichten. Der zu Fuß geflohene Fernfahrer wird festgenommen und nach Deutschland ausgeliefert.  

Dort steht der vierfache Familienvater nun vor Gericht. Laut Anklageschrift wird dem Verdächtigen vorgeworfen, Sophia irgendwann nach 19.55 Uhr an besagtem 14. Juni angegriffen, in seine Gewalt gebracht und getötet zu haben, um eine zuvor begangene Straftat zu verdecken. Der Angeklagte selbst behauptet, die 28-Jährige bei einer Auseinandersetzung getötet zu haben. Wenn er vor dem Gericht in Bayreuth steht, trifft er dort auf Sophias Bruder - der tritt als Nebenkläger auf, um Einsicht in die Akten zu erlangen. Nebenbei will er eine Stiftung gründen, die Frauen unterstützt, die Opfer von Gewalt geworden sind.

"Still loving Sophia! Still hating hate speech!"

"Still loving Sophia! Still hating hate speech!" prangt derweil noch immer auf der Facebook-Seite, mit dem ihr Freundeskreis nach der Studentin suchte. Dort wehrten sich die Freunde auch, als der Mord an Sophia in rechtsextremen Kreisen instrumentalisiert wurde. "Es ist eine perverse Verdrehung von Sophias Leben und all dessen, wofür sie stand: Liebe, Mitgefühl und Menschlichkeit völlig unabhängig vom Kulturkreis, dem Land oder der sozialen Schicht, aus der jemand stammt", schreiben sie dort. Gegen Thüringens AfD-Chef Björn Höcke wird sogar wegen der Verwendung von Sophias Foto ermittelt.

Die Ermittlungen und die Verurteilung des Täters sind aber nicht alles, was Sophias Angehörige fordern. "Ich erwarte eine Aufarbeitung", sagte Lösche der "Süddeutschen Zeitung". Er meint damit nicht nur die Aufarbeitung von Sophias Tod, sondern auch die Aufarbeitung der Arbeitsweise der Ermittler.

Quelle: ntv.de