Panorama

Hitzschlag vs. VorerkrankungenSterben die meisten Menschen durch oder bei Hitze?

09.07.2026, 17:02 Uhr IMG_9087Von Max Patzig
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Wer im Hochsommer vor die Tür geht, sollte sich schattige Plätze suchen. (Foto: dpa/Robert Michael)

Jedes Jahr sterben Hunderte Menschen während Hitzeperioden im Sommer. Doch nicht immer sind die hohen Temperaturen die Haupt-Todesursache, sagt ein Arzt ntv.de. Vielen Betroffenen kann dabei unkompliziert geholfen werden - wenn man die Anzeichen erkennt.

Europa ächzt unter der Hitze. Ende Juni wurden in einer beispiellosen Hitzewelle mehr als 41 Grad in Deutschland gemessen. Für viele Menschen ist das zu viel: Sie kollabieren und landen in der Notaufnahme oder - noch schlimmer - sterben aufgrund der hohen Temperaturen. Hunderte derartige Fälle haben das Robert-Koch-Institut (RKI) und die deutschen Standesämter bereits für dieses Jahr erfasst. Und mit jedem Tag, der deutlich über 30 Grad liegt, steigt die Sterblichkeit weiter.

Im Wesentlichen gebe es zwei verschiedene Arten von medizinischen Problemen bei Hitze, erklärt Prof. Dr. Matthias Klein, Leiter der Zentralen Notaufnahme des Klinikums Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). "Das eine sind die unmittelbar hitzeassoziierten Erscheinungen. Das sind Patienten mit dem sogenannten Hitzschlag oder Hyperthermie", erklärt er im Gespräch im ntv.de. "Das sind junge Patienten, die vielleicht zwei, drei Stunden Sport in der Hitze gemacht haben. Das ist aber auch der Bauarbeiter, der mitten in der Hitze schwer gearbeitet hat, wo es dann zu einer akuten Hitzebelastung des nicht vorerkrankten Körpers kommt."

Todesfälle in Juni-Hitzewoche

In der Hitzewoche vom 22. zum 28. Juni starben laut Schätzungen der Standesämter 23.665 Menschen in Deutschland. Im Vergleich zur Vorwoche (18.427) war das ein Anstieg von gut 28 Prozent (plus 5238 Menschen). Die Angabe umfasst alle möglichen Arten von Todesfällen und deutet auf eine hohe Übersterblichkeit hin. Unter Übersterblichkeit versteht man die Differenz zwischen tatsächlichen Todesfällen und der Anzahl an Todesfällen, die unter normalen Bedingungen statistisch zu erwarten gewesen wäre. Ein wahrscheinlicher Grund dafür ist die Hitzewelle.

Hinzukommen ältere, bereits vorerkrankte Patientinnen und Patienten, die "Probleme entwickeln, die nicht unmittelbar der Hitze zugeordnet werden können, wo die Niere ein Problem verursacht oder Herz-Kreislauf-Probleme auftreten", so Klein. Diese Personen kämen nicht in die Notaufnahme, weil sie überhitzt seien, "sondern weil Elektrolyte entgleist sind". In der RKI-Statistik machen Menschen über 75 Jahre mehr als 85 Prozent aller hitzebedingten Todesfälle aus.

Doch besonders dramatisch: Laut Klein ließen sich die meisten Todesfälle und Klinikaufenthalte der jüngeren Patienten verhindern. "Um das Schlimmste zu vermeiden, reichen die Kompensationsmechanismen des Körpers plus eine entsprechende Verhaltensanpassung der Patienten aus."

Was passiert bei einem Hitzschlag

Bei einem Hitzschlag treten drei Probleme auf, erklärt der Münchner Notaufnahmen-Chef:

  • "Man schwitzt und versucht dadurch den Körper zu kühlen. Damit verbunden ist natürlich ein gewisser Flüssigkeitsverlust und auch Elektrolytverlust."

Klein rät dazu, viel zu trinken, vor allem isotonische Getränke. Iso-Drinks ersetzen Elektrolyte, die der Körper beim Schwitzen verliert. Unter Elektrolyten verstehen Fachleute leitende Mineralstoffe wie Natrium, Kalium, Calcium und Magnesium. Sie regulieren den Flüssigkeitshaushalt und leiten Nervenimpulse weiter.

  • "Die zweite Kompensationsmöglichkeit des Körpers ist, die Gefäße zu öffnen, um dort Wärme abzugeben. Das funktioniert aber nicht, wenn es außen auch sehr warm ist. Das führt zu einem Verlust von Flüssigkeit in den Arterien, die wir brauchen, um ordentlichen Blutdruck zu haben. Dann wird einem schwindelig und das Herz-Kreislauf-System funktioniert nicht mehr so gut."

Auch dieses Problem lasse sich verhindern, indem man viel trinkt, sagt Klein.

  • "Wenn der Körper auf 40 Grad hochgeheizt wird, funktionieren gewisse Enzyme nicht mehr gut. Proteine verlieren ihre Funktionsfähigkeit. Es kommt dann zu Entzündungsreaktionen im Körper, die darüber angeheizt werden. Das setzt eine Kaskade von Entzündungsmechanismen in Gang, die einer schweren Infektion gleich kommen im Erscheinungsbild. Die Durchlässigkeit von ganz kleinen Blutgefäßen geht verloren und dann tritt Flüssigkeit aus den Gefäßen aus und es gibt ein sogenanntes Ödem. Die Flüssigkeit verliert man in das Gewebe und das führt dann zu einer Minderversorgung in den Organen. In letzter Konsequenz kann es dann dazu kommen, dass man so auch Gerinnungsprobleme kriegt und sich innere Blutungen entwickeln - im allerschlimmsten Fall."

Der Arzt rät dazu, körperliche Aktivitäten zurückzufahren. "Wenn man jetzt unbedingt noch joggen gehen will, dann muss man eben in der Früh gehen, wenn es noch nicht so heiß ist, oder spätnachts", so Klein. Wer extra in der Mittagssonne Sport treibt, da der Körper dann mehr gefordert wird, handle fahrlässig. Das sei "schon kritisch".

In einem Punkt spricht Klein eine eindringliche Warnung aus: "Gerade bei Hitze wird Alkohol noch schlechter vertragen als sonst", sagt er. "Wir haben tatsächlich gesehen, dass Patienten mit einer Promillezahl, die sie sonst gut wegstecken, diese bei 40 Grad eben nicht mehr so wegstecken und dann verwirrt und bewusstseinsgetrübt sind." Man sollte daher weniger alkoholische Getränke trinken.

Daran erkennt man einen Hitzschlag

Doch woran erkennt man, dass der eigene Körper plötzlich Probleme aufgrund der Hitze entwickelt - abgesehen vom Schwitzen? Klein erklärt, dass Kopfschmerzen ein Symptom seien. Ein "absolutes Warnzeichen" sei zudem Verwirrung. "Wenn jemand erbricht, muss man wirklich aufpassen und die Sonne meiden", so der Fachmann weiter. Weitere Indizien seien eine schnelle Atmung und hoher Puls. Spätestens bei epileptischen Anfällen sei es an der Zeit, den Notarzt zu rufen.

Auch bei älteren Menschen gibt es Warnzeichen, auf die nahestehende Personen achten sollten. Zum einen spreche eine stärkere Verwirrtheit für einen Hitzschlag. Zum anderen gebe es Seniorinnen und Senioren, die es ganz großartig fänden, wenn sie nicht mehr auf die Toilette müssten. Das könne auch mal zwei Tage am Stück so gehen, sagt Klein. "Es ist ein Warnsignal, dass der Körper zu wenig Flüssigkeit hat und die Niere vielleicht schon angegriffen ist. Da sollte man unbedingt aktiv werden."

Nach älteren Menschen sollte unbedingt verstärkt geschaut werden, rät der LMU-Arzt. "Haben sie ausreichend getrunken? Kann man die Wohnung noch etwas herunterkühlen oder den Angehörigen unter die Arme greifen?" Auch Rentnerinnen und Rentner verlieren noch Elektrolyte, erklärt der Arzt. "Da hängt die Niere schon am seidenen Faden und der Körper vertrocknet schneller. Das hat desaströse Auswirkungen." Patienten mit diesen Anzeichen kämen zwar häufig ins Krankenhaus - allerdings oft sehr spät, teils erst nach der Hitzeperiode. Angehörige könnten schneller reagieren und schlimme Fälle verhindern, wenn sie regelmäßig den Gesundheitszustand überprüfen.

"In aller Regel lässt sich der Hitzschlag ganz gut behandeln", sagt Klein. Es gebe Ausnahmen, "aber in der Regel gelingt das". Nur bei älteren Patienten sei es schwierig, weil das "ausgewogene, austarierte System, das am seidenen Faden hängt, plötzlich nicht mehr die Temperatur kompensieren kann".

Das macht "extreme Hitze zu einer der schwerwiegendsten und am schnellsten wachsenden Gesundheits- und Sicherheitsbedrohungen, die durch den Klimawandel entstehen", sagt der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus. Weltweit rechnet er mit jährlich einer halben Million Hitzetoten. Der WHO-Chef macht sich deshalb für flächendeckende Schutzmaßnahmen für Risikogruppen stark, wozu er Alte, Kranke, Schwangere und Kinder, aber auch Arbeiter und sozial benachteiligte Menschen zählt.

Quelle: ntv.de

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