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Modell: 60.000 Fälle pro Tag War erste Corona-Welle größer als gedacht?

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Lockdown im März - gab es damals viel mehr Neuinfektionen, als die offiziellen Statistiken angeben?

(Foto: imago images/Lichtgut)

Rund 6000 neue Coronavirus-Fälle pro Tag gelten als bisheriger Spitzenwert für Deutschland - und sind seit dem Frühjahr eine Art Maßstab. Womöglich liegt dieser jedoch zu niedrig. Modelle verschiedener Forschergruppen kommen auf deutlich höhere Zahlen.

Haben wir in Deutschland bereits eine Corona-Infektionswelle überstanden, deren Ausmaß uns gar nicht bewusst ist? "Unsere derzeit besten Schätzungen ergeben, dass etwa zehn Prozent der Weltbevölkerung bereits mit diesem Virus infiziert gewesen sein könnten", sagte Anfang Oktober Mike Ryan, Experte bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das würde weltweit einer Dunkelziffer von mehr als 700 Millionen unerkannten Infektionen entsprechen - zusätzlich zu den bislang rund 35 Millionen nachgewiesenen Fällen.

Pandemie-Modelle verschiedener Forschergruppen kommen ebenfalls zu dem Schluss, dass von den tatsächlichen Neuinfektionen - vor allem im März und April - sich nur ein Teil in den offiziellen Statistiken wiederfindet. Das gilt auch für Deutschland. Je nach Modell könnte die tatsächliche Zahl Mitte März bis Anfang April um ein Vielfaches höher liegen.

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Aber wie kann die Dunkelziffer so hoch sein? Die einfachste Erklärung ist, dass nicht alle, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, auch getestet wurden. Das wiederum kann verschiedene Ursachen haben: etwa den schwierigen Zugang zu Tests von Erkrankten. Oder dass Infizierte gar nicht merken, dass sie infiziert sind, weil sie keine Symptome entwickeln - und deshalb nicht getestet werden.

Viele ohne Symptome?

Wie hoch der Anteil solcher asymptomatischen Fälle tatsächlich ist, ist jedoch umstritten. Schweizer Forscher kommen mit einer Metaanalyse zu dem Schluss, dass etwa jeder fünfte bis jeder dritte mit Sars-CoV-2 Infizierte keine Symptome entwickelt. Andere Studien hingegen zeigen sowohl nach oben als auch nach unten stark abweichende Ergebnisse. Die US-Seuchenschutzbehörde CDC hält einen Mittelwert von rund 40 Prozent für die "beste Schätzung".

Bei der Erhebung "Corona Monitoring Lokal" des Robert-Koch-Instituts wurden in Kupferzell in Baden-Württemberg und im bayerischen Bad Feilnbach Stichproben genommen. Was dabei auffiel: 15 bis 17 Prozent jener Menschen, die Antikörper gegen Sars-CoV-2 aufwiesen, hatten keinerlei Symptome. Die Dunkelziffer der unerkannten Fälle lag in Bad Feilnbach fast dreimal und in Kupferzell fast viermal höher als die gemeldeten Fälle. Allerdings betont das RKI, dass die Ergebnisse aus diesen Hotspots nicht auf ganz Deutschland übertragbar seien.

Die Forscher der London School of Hygiene & Tropical Medicine (LSHTM) haben hingegen ein Pandemie-Modell entwickelt, welches alle unentdeckten Fälle eines Landes sichtbar machen soll. Das Ergebnis: Demnach lag die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland in der Spitze bereits bei rund 66.000 pro Tag - und zwar zum Höhepunkt der Pandemie Ende März, Anfang April. Damit hätte Deutschland bereits eine erste Welle hinter sich, die vielleicht rund zehnmal höher war als bisher gedacht. Denn laut offiziellen Statistiken des RKI hat die Zahl der Neuinfektionen pro Tag nie viel höher als 6000 gelegen. Für Frankreich weist das Modell der LSHTM für manche Tage im ersten Quartal des Jahres sogar mehr als 200.000 Neuinfektionen aus.

Bekannte Fallzahlen neu berechnet

Die britischen Forscher haben für ihre Berechnungen keine unbekannten Quellen, sondern lediglich die gemeldeten Fälle und Todesfälle herangezogen. Allerdings legen sie ihren Berechnungen verschiedene Annahmen zugrunde: etwa, dass der Anteil der nicht erkannten asymptomatischen Fälle zwischen 10 und 70 Prozent liegen könnte, woraus sie einen Mittelwert von 50 Prozent ableiten.

Gleichzeitig nehmen die Forscher von der LSHTM an, dass die Zahl der gemeldeten Corona-Todesfälle auch den tatsächlichen Todesfällen entspricht. Allerdings gehen sie von einer deutlich geringeren Sterblichkeit aus, was die Dunkelziffer nach oben treibt. Eine hohe Dunkelziffer für März und April könnte auch erklären, warum damals in Deutschland an vielen Tagen mehr als 200 Todesfälle gemeldet wurden - und in den vergangenen Wochen nie mehr als 20 pro Tag. Allerdings spielen bei der Sterblichkeit auch andere Faktoren eine Rolle, wie etwa die Auslastung des Gesundheitssystems und das Durchschnittsalter der Infizierten, das zwischendurch deutlich gesunken ist.

Auch andere Forscher kommen bei Pandemie-Modellen zu dem Schluss, dass die Zahl der erfassten Fälle deutlich unter den tatsächlichen liegen könnte: Ein Modell des Imperial College London errechnet für Deutschland im Zeitraum Ende März einen Mittelwert von teilweise mehr als 20.000 Neuinfektionen pro Tag. Der unabhängige US-Datenforscher Youyang Gu kommt in seiner auf Künstlicher Intelligenz basierenden Analyse für Deutschland auf ebenfalls bis zu 60.000 Neuinfektionen pro Tag - und das bereits Mitte März 2020. Das Modell des Institutes for Health Metrics and Evaluation aus den USA weist für Deutschland Spitzenwerte von 14.000 tägliche Neuinfektionen aus - immer noch mehr als doppelt so viel im Vergleich zu den offiziellen Zahlen.

Immun-Studien sollen Daten bestätigen

Doch wie kann man wissen, ob diese Modelle auch der Realität entsprechen oder ihr zumindest nahe kommen? Die Forscher von der LSHTM verweisen auf Daten zur Immunität der Bevölkerung, welche sich im Wesentlichen mit ihrem Modell decken sollen. Gleichzeitig betonen die Wissenschaftler, dass auch mit den überarbeiteten Daten in allen untersuchten Ländern nur ein kleiner Anteil der Bevölkerung mit dem Coronavirus infiziert wurde. Laut dem Modell des Forschers Gu haben sich Anfang Oktober rund 2,2 Millionen Menschen in Deutschland bereits mit Sars-CoV-2 infiziert - das entspräche einem Bevölkerungsanteil von lediglich 2,7 Prozent.

Auch der WHO-Experte Ryan betonte, dass selbst bei der angenommenen hohen Dunkelziffer der überwältigende Großteil der Menschen weltweit immer noch dem Risiko einer Covid-19-Erkrankung ausgesetzt sei. Zudem schwanke der Anteil der bereits Infizierten je nach Land, zwischen Stadt- und Landbevölkerung und auch nach sozialen Gruppen. Selbst wenn die erste Welle größer war als gedacht - die Pandemie ist auch damit noch lange nicht überstanden.

Quelle: ntv.de