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Drosten wagt eine Schätzung Wie tödlich ist Corona in Deutschland?

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Fast 10.000 Menschen in Deutschland sind bereits in Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben.

(Foto: imago images/Noah Wedel)

Fast 10.000 Menschen sind in Deutschland bereits Sars-CoV-2 zum Opfer gefallen. Was sagt das über die Gefährlichkeit des Erregers aus? Noch ist es schwer, verlässliche Aussagen zu treffen. Doch es gibt Hinweise.

Was ist gefährlicher: Die Grippe oder Covid-19? Ein Vergleich, der seit Beginn der Coronavirus-Pandemie immer wieder bemüht wird. Nicht zuletzt von US-Präsident Donald Trump: In den meisten Populationen sei Covid-19 "wesentlich weniger tödlich" als die Grippe, twitterte Trump diese Woche. Aber wie viele mit Sars-CoV-2-Infizierte sterben tatsächlich an dem Virus?

So ist die Lage in Deutschland: Bis jetzt wurden in der Bundesrepublik fast 10.000 Todesfälle in Zusammenhang mit einer Corona-Infektion erfasst. Gemeldet wurden bisher knapp über 300.000 Fälle - das bedeutet eine Fallsterblichkeit von knapp über drei Prozent. Sterben also drei von 100 Infizierten in Deutschland an dem Virus?

So einfach ist das nicht: Denn die Fallsterblichkeit ist keine verlässliche Größe. Sie berücksichtigt nicht die Dunkelziffer nicht erfasster Infektionen. Und je höher die Dunkelziffer nicht erfasster Infektionen, die nicht zum Tode führen, desto höher die Fallsterblichkeit. Auch ist die Fallsterblichkeit Schwankungen unterworfen: Mitte Juni lag sie in Deutschland etwa bei fast fünf Prozent. Die tatsächliche Tödlichkeit des Virus wird daher besser durch die Infektionssterblichkeit beschrieben. Aber: Dafür muss die tatsächliche Zahl der tatsächlich Infizierten auch bekannt sein.

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Zahl der Infizierten im Dunkeln

Die tatsächliche Zahl der Infizierten in Deutschland ist noch nicht bekannt. Bisher gab es nur Stichproben in deutschen Corona-Hotspots, wie sie etwa das Robert-Koch-Institut (RKI) in Bad Feilnbach und Kupferzell vorgenommen hatte. Dort hatte das RKI allerdings bereits hohe Dunkelziffern nachgewiesen: In Bad Feilnbach lag die Zahl der tatsächlich Infizierten demnach 2,6 Mal höher als die der gemeldeten Infektionen. In Kupferzell waren es sogar 3,9 Mal so viele. Das RKI betont allerdings, dass diese Werte aus Schwerpunktregionen nicht auf ganz Deutschland übertragbar seien. Dennoch ist es ein Hinweis, dass die Infektionssterblichkeit hierzulande deutlich unter der Fallsterblichkeit von rund drei Prozent liegen könnte.

Auch nach der Heinsberg-Studie in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Gangelt äußerten die Forscher die Vermutung, dass die Zahl der tatsächlich Infizierten in Deutschland deutlich höher liegt - womöglich um den Faktor zehn. Die Studie ist jedoch umstritten. So wurde etwa die Genauigkeit der verwendeten Antikörpertests infrage gestellt. Auch Gangelt war ein Corona-Hotspot. Dort hatten sich im Februar zahlreiche Menschen bei einer Karnevalssitzung angesteckt.

Aber es gibt noch andere Hinweise auf eine hohe Dunkelziffer in Deutschland: So hatte das RKI bei der SeBluCo-Studie anhand von Proben von Blutspendern untersucht, wie viele von diesen bereits Antikörper gegen Sars-CoV-2 aufwiesen. Das Zwischenergebnis: Bei rund 1,3 Prozent der Spender war das der Fall. Auf ganz Deutschland hochgerechnet wären das rund eine Million Infizierte. Das wiederum würde bei rund 10.000 Corona-Toten hierzulande eine Infektionssterblichkeit von rund einem Prozent nahelegen. Aber das RKI warnt auch in diesem Fall, dass die Daten aus der Blut-Studie nicht für die Allgemeinbevölkerung repräsentativ seien.

Zudem bringen womöglich auch die Antikörper-Studien nicht alle Infektionen ans Licht. Denn die Stichproben des RKI in Bad Feilnbach und Kupferzell zeigten auch, dass bei knapp 40 Prozent der Einwohner, die zuvor positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden waren, nachher gar keine Antikörper mehr nachgewiesen werden konnten.

Sterblichkeit in den USA unter einem Prozent

Um die Höhe der Infektionssterblichkeit in verschiedenen Ländern zu ermitteln, hatte eine Metaanalyse andere Studien mit Daten aus 33 Regionen ausgewertet. Dabei schlossen sie nur solche Untersuchungen ein, die repräsentative Stichproben der jeweiligen Bevölkerung enthielten und aus Ländern oder Regionen mit zuverlässigem Meldesystem stammten. Die Studien stammten mit Ausnahme von Südkorea ausschließlich aus westlichen Ländern wie Australien, Neuseeland, den USA und europäischen Staaten. Deutschland war allerdings nicht vertreten.

Für die USA ermittelten die Forscher etwa eine Infektionssterblichkeit von durchschnittlich 0,8 Prozent - für die Grippe betrage diese nur etwa 0,05 Prozent, heißt es in der Studie. Demnach ist Covid-19 - um wieder auf Trumps Anfangsbehauptung zurückzukommen - in den USA also 16 Mal so tödlich wie die Grippe.

Charité-Virologe Christian Drosten hatte im Corona-Podcast des NDR mit Verweis auf die Metaanalyse betont, dass im Fall von Deutschland die Infektionssterblichkeit nur geschätzt werden könne. Etwa in Bezug auf die USA: "Jetzt ist aber die amerikanische Bevölkerung jünger als die deutsche", betonte Drosten. "Das heißt, wir müssten in Deutschland mit einer Infektionssterblichkeit rechnen, die nach dieser Auswertung so an die ein Prozent rangeht oder sogar knapp über ein Prozent geht."

Womöglich gibt es bald mehr Klarheit zur Infektionssterblichkeit in Deutschland: Anfang Oktober hatte das RKI zusammen mit dem Sozio-oekonomischen Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) eine bundesweite Studie gestartet, um die Zahl der tatsächlich Infizierten in Deutschland zu ermitteln. Bei 34.000 Erwachsenen soll untersucht werden, ob bereits Antikörper gegen Sars-CoV-2 im Blut nachweisbar sind. Die Erhebung soll Ende Dezember abgeschlossen sein. Danach lässt sich die Frage nach der Tödlichkeit von Sars-CoV-2 vielleicht beantworten.

Quelle: ntv.de