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Andere Länder sind schon weiter Neuinfektionen nicht entscheidend?

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Bleibt die Corona-Pandemie in Deutschland trotz steigender Neuinfektionen auch in Herbst und Winter unter Kontrolle?

(Foto: imago images/Michael Weber)

Sind die Neuinfektionen das entscheidende Kriterium bei der Beurteilung der Corona-Pandemie oder sollte man mehr auf schwere Erkrankungen und Todeszahlen achten? Ein Blick in EU-Länder mit viel höheren Inzidenzen zeigt, welche Konsequenzen ein Strategiewechsel haben könnte.

Die Neuinfektionen steigen in Deutschland rasant an, der Sieben-Tage-Durchschnitt nähert sich mit großen Schritten 4000 Fällen. Auch der Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen wird von immer mehr Städten und Kreisen überschritten. Gleichzeitig nimmt die Zahl der schweren Erkrankungen nur wenig zu, in der vergangenen Woche waren laut RKI 539 Covid-19-Patienten im Krankenhaus, vor sieben Wochen rund 400. Und das DIVI erfasste am 12. Oktober 590 Corona-Kranke auf deutschen Intensivstationen, von denen rund die Hälfte künstlich beatmet werden musste. Auch die Todeszahlen sind immer noch relativ niedrig, in den vergangenen Wochen lagen sie immer unter 40.

Wissenschaftler wie der Virologe Hendrik Streeck fordern daher, nicht zu sehr auf die Neuinfektionen zu schauen, sondern die stationären Behandlungen und die Auslastung der Intensivstationen bei der Pandemie-Einschätzung stärker zu berücksichtigen. 20.000 Neuinfektionen pro Tag klinge nach Apokalypse, aber im Grunde sollte uns das keine Angst machen, sagte Streeck bei ARD Extra. "Ein milder Verlauf oder ein Verlauf mit milden Symptomen trägt nicht so stark zum Infektionsgeschehen bei." Für eine "achtsame Normalität" gelte es dafür zu sorgen, dass jeder Mensch im Falle eines schweren Verlaufs die bestmögliche medizinische Versorgung erhalte.

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Noch drastischer forderte Kassenärzte-Chef Andreas Gassen eine Strategieänderung. "Wir müssen aufhören, auf die Zahl der Neuinfektionen zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Das führt zu falschem Alarmismus", sagte er. Selbst 10.000 Infektionen täglich wären kein Drama - "wenn nur einer von 1000 schwer erkrankt, wie wir es im Moment beobachten."

Helmholtz-Epidemiologe Gérard Krause sagte dem Deutschlandfunk, die Infektionszahlen seien kein geeignetes Kriterium zur Beurteilung des Verlaufs der Corona-Pandemie. Vielmehr seien die Erkrankungszahlen maßgebend. Diese seien ein Vorbote für die schweren Erkrankungen und um diese gehe es wesentlich. Man müsse jetzt vor allem die Risikogruppen schützen, speziell alte Menschen.

"Dieses Gedankengebäude ist Unsinn"

Andere Wissenschaftler wie Virologe Christian Drosten widersprechen solchen Überlegungen, da man dann kritische Entwicklungen zu spät erkennen würde. Denn Covid-19-Diagnosen benötigten etwa eine Woche, bei überlasteten Laboren auch länger, sagte Drosten der "Zeit". "Ein Patient, bei dem heute das Coronavirus festgestellt wird, ist also ein Indikator dafür, wie viel an Virus vor einer Woche in der Gesellschaft unterwegs war. Und die Bettenbelegung läuft noch länger nach, weil die Patienten oft erst eine Woche nach der Diagnose ins Krankenhaus müssen."

Genauso sieht dies Helmholtz-Virologin Melanie Brinkmann. Man müsse handeln, bevor die Zahl der belegten Intensivbetten steige, sagte sie dem "Stern". "Dieses ganze Gedankengebäude, man könne ja mehr Infektionen zulassen, solange weniger schwere Verläufe zu verzeichnen sind, ist aus meiner Sicht Unsinn." Es sei viel einfacher, bei weniger Ansteckungen die Kontrolle zu behalten und schwere Verläufe würden steigenden Neuinfektionen zwangsweise folgen - wenn auch weniger als im Frühjahr.

Auch schwere Fälle nehmen wieder zu

Dass der Anteil der schweren Erkrankungen aktuell so niedrig ist, liegt vor allem daran, dass sich in den Sommermonaten vor allem jüngere Menschen angesteckt haben. Zeitweise sank das Durchschnittsalter der Covid-19-Patienten im August auf 32 Jahre, im April und Mai lag es bei 50 bis 52 Jahren. Doch das ändert sich, seit Ende August werden in Deutschland wieder mehr ältere Menschen infiziert, inzwischen liegt das Durchschnittsalter schon wieder bei 38 Jahren.

Ebenso nimmt die Zahl der schweren Erkrankungen und Todesfälle wieder zu. Noch passiert dies sehr langsam, kaum sichtbar. Aber seit Ende September ist zu erkennen, dass an mehr Tagen als im Sommer 10 bis 20 Menschen an Covid-19 gestorben sind. Ähnliches ist bei den Belegungen der Intensivbetten zu beobachten. So bedeutet die Zahl von 590 gemeldeten Intensivbetreuungen am 12. Oktober eine Steigerung im Vergleich zum Vortag um 45. Und 286 Patienten an Beatmungsmaschinen stellt einen Zuwachs von elf Fällen dar.

Was Deutschland in den kommenden Wochen erwarten könnte, zeigt ein Blick in einige EU-Länder, wo die Inzidenzen bereits deutlich höher sind. Spanien zählte beispielsweise in den vergangenen sieben Tagen rund 173 Infektionen pro 100.000 Einwohner, der tägliche Anstieg liegt kontinuierlich deutlich über 10.000 Fällen. Das Wachstum begann im Juli zunächst moderat, legte im August deutlich zu und konnte bisher auch durch strengere Maßnahmen kaum gebremst werden.

Spanien zählt oft mehr als 100 Tote pro Tag

Wie von Drosten & Co. erwartet, folgten die schweren Erkrankungen mit einigen Wochen Verzögerung und inzwischen meldet die Gesundheitsbehörde immer häufiger mehr als 100 Tote pro Tag. Am 11. Oktober zählte Spanien 843 Tote binnen sieben Tagen. In der gleichen Zeit kamen fast 2800 Patienten ins Krankenhaus, rund 200 von ihnen auf Intensivstationen.

Noch rasanter ist die Entwicklung in Frankreich. Am 10. Oktober wurden dort fast 27.000 Neuinfektionen gezählt, am vergangenen Sonntag rund 16.000. 46 weitere Todesfälle wurden registriert, 503 Personen kamen ins Krankenhaus, die Zahl der intensiv versorgten Patienten stieg um 73.

In den Niederlanden liegt die Sieben-Tage-Inzidenz mittlerweile bei 224 Infizierten. Fast 39.000 Neuinfektionen wurden in dem Land in einer Woche neu registriert, 130 Menschen starben im gleichen Zeitraum an Covid-19.

Kontrollverlust droht

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Man kann Deutschland nicht direkt mit diesen Ländern vergleichen, da die Infrastrukturen und andere Gegebenheiten unterschiedlich sind - unter anderem gibt es in der Bundesrepublik außergewöhnlich viele Intensivbetten. Aber man kann erahnen, welche Herausforderungen auf das Land zukämen, ließe man die Neuinfektionen tatsächlich auf 20.000 pro Tag anwachsen. Außerdem weiß man nicht, ob es nicht noch mehr werden, wenn man die Kontrolle einmal verloren hat.

Wie schnell das gehen kann, sieht man in den Niederlanden. Dort kapitulieren die Gesundheitsdienste vor der Flut der Neuinfektionen und haben die Kontaktverfolgung teilweise eingestellt. Corona-Patienten sollen ihre Kontakte zum Teil eigenständig über die Infektion informieren, schreibt die "WAZ". Bei alten Menschen oder bei einem besonders schlimmen Verlauf übernehme nach wie vor der Gesundheitsdienst die Kontaktverfolgung. Aber: Sollte ein Infizierter in der Lage sein, seine Kontakte selber zu informieren, fällt die Aufgabe ihm zu.

Quelle: ntv.de