Panorama

Wiederaufbau der Flutgebiete "Trocknen der Gebäude dauert zwei Jahre"

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Unter anderem im Ahrtal wurden mehrere Häuser komplett zerstört, so wie dieses Gebäude in Mayschoß.

(Foto: picture alliance/dpa)

Wann sieht das Ahrtal wieder so aus wie früher? Wann sind die großen Schäden an der Erft beseitigt? Nach der Flutkatastrophe laufen die Aufräumarbeiten. Bis die Regionen wieder in altem Glanz erscheinen, wird viel Zeit vergehen. Allein das Trocknen der Häuser dauert Jahre.

Eingestürzte Häuser, kaputte Straßen, Brücken und Eisenbahnstrecken. Schuttberge prägen das Bild in Teilen von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Nach der Flutkatastrophe hat das große Aufräumen begonnen - an der Ahr und an der Erft, im Sauerland und im Bergischen Land. Überall sind Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Bundeswehr und zahlreiche freiwillige Helfer damit beschäftigt, die Spuren der gigantischen Wassermassen zu beseitigen.

Bis die ehemals teils malerischen schönen Regionen wieder so aussehen, wie sie Einheimische und Urlauber kennen, werde es aber noch Jahre dauern, erwartet Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer beim Zentralverband des Deutschen Baugewerbe, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Der Verband vertritt hierzulande etwa 35.000 Bauunternehmen, der Chef erinnert sich noch gut an den Wiederaufbau der durch Fluten zerstörten Regionen im Osten Deutschlands: "Wir haben bei den Fluten 2002 und 2013 die Erfahrungen gemacht, dass es in der Regel zwischen drei und fünf Jahren dauert. Nach drei Jahren sind die schlimmsten Schäden beseitigt. Aber bis alles erledigt ist, dauert es bis zu fünf Jahre."

"Der Schlamm muss weg"

In den ersten Wochen und Monaten komme es darauf an, die Prioritäten richtig zu setzen. Der Wiederaufbau müsse "intelligent und gut durchdacht geplant" werden, fordert Pakleppa. Welche Gebäude müssen abgerissen werden? Welche können wieder instandgesetzt werden? Was muss als Erstes wieder aufgebaut werden? Wie werden die Baufirmen mobilisiert? Es seien einige "grundsätzliche Entscheidungen" zu treffen. Davon hänge ab, wie lange der Wiederaufbau dauert und wie viele Gebäude überhaupt gerettet werden können.

Aus bisherigen Fluten habe man gelernt, dass es "entscheidend darauf ankommt, die Gebäude so schnell wie möglich vom Schlamm zu befreien". Wenn der Schlamm mehrere Wochen lang im Haus bleibt, seien diese dauerhaft nicht zu retten. "Der Schlamm muss weg und dann werden die Menschen an der Ahr das lernen, was die Menschen an der Mulde, das ist der kleine Fluss durch Grimma, und an der Elbe gelernt haben: Es dauert ein bis zwei Jahre, bis die Gebäude richtig getrocknet sind."

Parallel gehe es darum, kurzfristig überall die Mobilfunknetze wieder an den Start zu bringen, damit in den Krisenregionen Absprachen zwischen Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Bundeswehr und vor Ort ansässigen Bauunternehmen möglich sind. Hinzu kommt der Wiederaufbau der Stromnetze sowie von Abwasser- und Kläranlagen - das ist aktuell vor allem an der Ahr noch ein großes Problem. Weil die Kläranlagen nicht funktionieren, fließt das Abwasser ungeklärt in die Ahr und von da aus in den Rhein.

Darüber hinaus müssten Schulen und Kindergärten frühzeitig wieder aufgebaut werden. "Damit die Schul- und Kindergartenkinder nach den Sommerferien auch wieder betreut werden und die Eltern zur Arbeit können", so der Verbandschef.

"Entscheidend wird sein, wie der Wiederaufbau organisiert wird"

Hinzu kommt die Verkehrsinfrastruktur. In den Flutregionen sind hunderte Kilometer Straßen und Autobahnen zerstört, viele Brücken eingestürzt, Eisenbahnstrecken kaputt. Deshalb werden Behelfsbrücken benötigt, um von der Außenwelt abgeschnittene Orte wieder zugänglich zu machen. Die Bundeswehr hat beispielsweise eine sogenannte Faltfestbrücke in Insul an der Ahr aufgebaut, um die beiden Ortsteile wieder miteinander zu verbinden. Davon braucht es viele weitere. Ein Unternehmen aus Kaiserslautern hat bereits angeboten, sieben weitere solcher Behelfsbrücken über die Ahr zu bauen, ohne dafür Kosten in Rechnung zu stellen.

Die Errichtung einer funktionierenden Not-Infrastruktur ist notwendig, damit der ganze Müll, der Schutt und das Geröll überhaupt weggeschafft werden können. Erst wenn aufgeräumt ist, kann aufgebaut werden. "Im Moment haben wir das Gefühl, dass es gut läuft. Die beiden Krisenstäbe in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz koordinieren das mit unseren Landesverbänden vor Ort, wo unsere Firmen jetzt zur aktuellen Nothilfe mit schwerem Gerät, Baggern und Kränen im Einsatz sind", berichtet Pakleppa im Podcast und schränkt ein: "Entscheidend wird aber sein, wie der Wiederaufbau jetzt organisiert wird."

Was die Organisation kompliziert macht, sind die vollen Auftragsbücher der Baubranche. Seit einigen Jahren sind Baufirmen und Handwerker stark ausgelastet. Für Kriseneinsätze bleibt eigentlich keine Zeit. Gleichwohl registriert Pakleppa insbesondere bei örtlichen Unternehmern eine große Bereitschaft, ihrer Heimat beim Wiederaufbau zu helfen. Sie hätten "alles stehen und liegen gelassen" und seien jetzt in großer Zahl vor Ort im Einsatz. Die persönliche Beziehung von Unternehmern und Bauarbeitern zu ihrer Heimat spreche dafür, die Aufträge vor allem an örtliche Firmen zu vergeben.

Baufirmen haben "alles stehen und liegen gelassen"

Es brauche ein "intelligentes Vergabe-Management, um die Baufirmen von ihren aktuellen Aufträgen freistellen zu können", fordert der Hauptgeschäftsführer. Die Politik sei gefragt, das jetzt zu organisieren. An den Kapazitäten der Bauindustrie werde es jedenfalls nicht scheitern. Die Unternehmen in den betroffenen Regionen würden in den "nächsten Jahren nicht 100, sondern 150 Prozent geben", ist der Verbandschef überzeugt. Und ganz generell sei die Branche gut aufgestellt. Man stelle weiter kontinuierlich mehr Leute ein. 2009 habe die Bauwirtschaft in Deutschland 140.000 Wohnungen gebaut, zehn Jahre später seien es bereits 300.000 gewesen. Das zeige, dass die Kapazitäten hochgefahren werden könnten.

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Eine zerstörte Bahnstrecke und Straße bei der Ortschaft Rech im Ahrtal.

(Foto: imago images/Future Image)

Aber natürlich sind Arbeitskräfte, Baumaschinen und Baumaterialien endlich. Pakleppa hofft deshalb auf unbürokratisches Handeln von Bund, Ländern und Kommunen. "Da muss eben umgeschichtet werden und geschaut werden: Welche Baumaßnahme ist vielleicht nicht so prioritär wie in den Katastrophengebieten? Dann sagt man der Baufirma eben, das machst du im nächsten Jahr, wenn du an der Ahr fertig bist. Oder man gibt den Auftrag zurück und entschädigt die schon entstandenen Kosten." Für eine gute Organisation wäre "ein runder Tisch" von Bund, Land und Kommune hilfreich, findet Pakleppa. "Damit die Baufirmen so schnell wie möglich nach einer unbürokratischen Vergabe von Bauaufträgen aktiv werden können."

Materialbeschaffung trotz Knappheit "machbar"

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Bekommt die Deutsche Bank ihr Geld von Donald Trump zurück? Warum bezahlen manche Berufspiloten Geld für ihren Job? Warum ziehen Piraten von Ost- nach Westafrika? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

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Ein Problem, das aber auch die Politik nicht mit einem Fingerschnippen beheben kann: Viele Baumaterialien sind knapp. Das ist eine Folge der Corona-Krise. Vor allem bei Stahlbeton und Kunststoffprodukten gebe es noch Schwierigkeiten, betont auch Pakleppa. Beim Holz sehe man mittlerweile zumindest Zeichen der Entspannung. Trotzdem sei die Materialknappheit (noch) kein großes Problem.

Zumal es in der aktuellen Phase ohnehin ums Aufräumen gehe. "Da können die Baufirmen sicherlich nach Stunden, nach Maß, nach Kilo abrechnen. Wie auch immer. Und dann kann, wenn die Aufträge jetzt schnell vergeben werden, das Material für die Aufbauphase im September, Oktober und danach sicherlich bestellt werden. Das ist machbar."

Eine Not-Infrastruktur, genügend Baumaterial, eine unkomplizierte Organisation und schnelle Vergabeverfahren. Darauf setzt die Bauwirtschaft. Normale Planungs-, Genehmigungs- und Umweltverträglichkeitsprüfungen seien nicht notwendig, da es sich bei den Baumaßnahmen um sogenannte Ersatzneubauten handele. Ansonsten würde der Wiederaufbau auch keine Jahre dauern - sondern Jahrzehnte.

Quelle: ntv.de

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