Panorama

Unkontrolliert und gefährlichBaller-Liquids - der süße und unberechenbare Rausch

01.03.2026, 18:08 Uhr IMG-20181022-173026Von Solveig Bach
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Viele Teenager finden vapen cool und landen dann fast unbemerkt bei illegalen synthetischen Cannabinoiden. (Foto: picture alliance / ROBIN UTRECHT)

Jugendliche und junge Erwachsene lieben Vapes. Die Flüssigkeit, mit der sie gefüllt sind, enthält jedoch immer häufiger nicht nur Nikotin, sondern illegale synthetische Cannabinoide. Mit diesen Baller-Liquids wird der Zug an der Vape zum Russisch-Roulette-Rausch.

Seit einigen Monaten häufen sich die Fälle, in denen Kinder und Jugendliche nach dem Konsum von E-Liquids ärztlich versorgt werden müssen. In den unter Teenagern weitverbreiteten Vapes ist in diesen Fällen häufig nicht das vermutete Nikotin, sondern vermutlich illegale Drogen. Anbieter und Konsumenten nennen sie Görke, Django, Baller- oder Klatsch-Liquids.

"Genau genommen sind das illegal verkaufte Liquids, die man über den Schwarzmarkt bekommt", sagt Arthur Coffin vom Drogennotdienst Berlin ntv.de. "Man bekommt sie entweder von Freunden, Bekannten auf dem Schulhof, aber auch ganz viel auf den unterschiedlichsten Social-Media-Kanälen".

Das Problem dabei ist, dass die E-Zigaretten-Liquids mit synthetischen Cannabinoiden versetzt sind, die starke psychoaktive Effekte auslösen. Diese Wirkungen gehen weit über die von natürlichem Cannabis hinaus. Synthetische Cannabinoide imitieren zwar die Wirkung von herkömmlichem THC, können aber bis zu 300-mal stärker sein. Das kann zu Herzrasen, Bluthochdruck oder Übelkeit führen, im Extremfall aber auch zu Krampfanfällen, Angst- und Panikattacken, Wahnvorstellungen und Psychosen.

Die bayrische Polizei berichtet von mehreren medizinischen Notfallbehandlungen nach dem Konsum von "Baller-Liquids". In mindestens einem Fall aus dem hessischen Lahn-Dill-Kreis schließt die Polizei nicht aus, dass der Konsum von "Baller-Liquid" ursächlich für den Tod eines 26-Jährigen war.

"Einfach umgefallen"

Im niedersächsischen Landkreis Verden entschloss man sich Ende 2025 zu einer Aufklärungskampagne, nachdem klar wurde, dass vielen Eltern und Jugendlichen die Gefahr durch mit Drogen versetzte Vapes und E-Zigaretten nicht bewusst ist. "In der Suchthilfe reagieren wir ja sozusagen auf den Markt", sagt Karin Dittmers von der Fachstelle Sucht und Suchtprävention in Achim ntv.de. Selbst in Schulbussen werde schon gevapt. Nach Anfragen von Eltern, aus Schulen und auch von Konsumentinnen und Konsumenten habe man das Gefühl gehabt, es fehle an wichtigen Informationen.

"Als es vor ein, zwei Jahren auftauchte, erzählte mir ein Lehrer, es hätte ein Schüler an einer Vape gezogen und sei umgefallen", erzählt Dittmers. "Er dachte, der Schüler habe den Tabak nicht vertragen. Und ich habe gesagt, da kann man auch mal in eine andere Richtung denken." Inzwischen werde an Schulen geschaut, ob jemand Vapes dabeihat, es gebe ein wachsendes Problembewusstsein.

Das Gefährliche an diesen illegalen Liquids sei nicht nur, dass die Potenz so stark ist, sondern dass man nicht wirklich weiß, was man da einkauft, warnt auch Coffin. "Man weiß einfach nicht, was dem beigemischt wird, weil man den einen oder anderen Effekt erzielen will." Es seien schon Chargen mit beigemischten Opioiden entdeckt worden, mit K.-o.-Tropfen, Nikotin oder Abfallprodukten aus Drogenlaboren. Dittmers verweist darauf, dass die Liquids ja nicht in sauberen Laboren hergestellt werden, also häufig auch hygienisch bedenklich sind.

Rausch fürs Taschengeldbudget

Besonders bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind die Baller-Liquids beliebt. Das liegt auch an ihrer Aufmachung. In bunten Farben, Geschmacksrichtungen wie "Himbeere" oder "Wassermelone" und süßlich riechend wirken Liquids im ersten Moment harmlos, eher wie Süßigkeiten oder Softdrinks. Das ist bei illegalen Liquids nicht anders als bei den herkömmlichen. Fatalerweise ist eine Unterscheidung für Konsumentinnen und Konsumenten nicht möglich. Damit steigt das Risiko. Dittmers spricht von einem "Russisch-Roulette-Rausch". "Es geht vielleicht 100-mal gut und beim 101. Mal eben nicht mehr."

Hinzu kommen die geringen Kosten. In der Herstellung kostet eine Kartusche kaum 5 Euro, meist eher 2 Euro. Verkauft werden sie für 10 bis 20 Euro. Das passt in ein Taschengeldbudget und sichert trotzdem hohe Gewinnmargen für die Hersteller und Händler. "Am Anfang kommt man mit einer Tube, wie sie es hier nennen, ein paar Tage hin", beobachtet Dittmers. "Das ist zunächst ein billiger Rausch, wenn man weiß, wo man es kriegt."

Coffin sieht als Zielgruppe vor allem "junge Menschen und Menschen aus dem Feierkontext", denen es nicht um genussvollen Konsum gehe, sondern "wirklich darum, sich wegzuklatschen". Dabei wird ein extremer Rausch angestrebt, bis man kaum noch handlungs- oder reaktionsfähig ist, häufig durch Mischkonsum von verschiedenen Drogen. "Durch mögliche Wechselwirkungen kann das gefährlich werden", sagt der Drogenberater. Im ländlichen Niedersachsen begleitet die Droge junge Menschen zunächst eher am Wochenende, wenn man sich mit Freunden trifft, und wird dann mehr und mehr zum Alltagsbegleiter, berichtet Dittmers. Weil die Vapes inzwischen so verbreitet sind, ist bei vielen der Ablauf bereits eingeübt. Der nächste Schritt könnte fast unbemerkt sein, "bei etwas zu landen, was dann eine völlig andere Wirkung entwickelt", meint Coffin.

Schnelle Abhängigkeit, schwieriger Entzug

Dittmers beobachtet in ihrer Beratung sehr junge Konsumentinnen und Konsumenten, bei denen die Toleranzentwicklung sehr schnell vorangeht. Drogenmediziner berichten von starken Abhängigkeitsentwicklungen mit hohem psychischem und körperlichem Konsumdruck. "Sie müssen ruckzuck die Dosis erhöhen und das macht extrem schnell abhängig", sagt Dittmers. Oft bemerken es die Betroffenen gar nicht richtig. Wenn sie dann freiwillig oder nach einer gerichtlichen Auflage in die Fachstelle Sucht zur Beratung kommen, fällt manchen auf, wie problematisch ihr Konsum bereits ist. "Ich hatte gerade eine junge Frau, die bemerkt hat, dass es irgendwie nicht so leicht ist, das einfach wegzulassen, weil das schon zu heftigen Entzugserscheinungen führt."

Betroffene zeigten demnach massive Entzugserscheinungen beim Versuch, von der Droge loszukommen. Beobachtet wurden unter anderem starkes Schwitzen, innere Unruhe, Zittern, aggressive Stimmungsschwankungen und Schüttelfrost. Ähnliche Symptome werden normalerweise mit harten Drogen in Verbindung gebracht. Dittmers nutzt jede ihrer Aufklärungsveranstaltungen inzwischen auch für einen kleinen Exkurs zu den Baller-Liquids. Ihre Kernbotschaft: "Niemand sollte an einer Vape ziehen, deren Herkunft er oder sie nicht kennt."

Quelle: ntv.de

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