Stoff schwer nachweisbarWohl mehr Tote durch Opioide als bekannt

32 Tote nach der Einnahme von Opioiden werden 2024 in Deutschland festgestellt. Aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor. Jedoch kommen Wissenschaftler jetzt zu dem Schluss, dass die Zahl noch größer sein könnte. Das hat mehrere Gründe.
Auch in Deutschland gab es mehrfach nachweislich mit dem Konsum sogenannter Nitazene verbundene Todesfälle - britischen Daten zufolge dürfte die Zahl dieser Drogentoten bisher stark unterschätzt werden. Es gebe womöglich etwa ein Drittel mehr Todesfälle durch Nitazene als bisher angenommen, berichtet ein Forschungsteam im Fachjournal "Clinical Toxicology". Die Substanzen würden in nach dem Tod genommenen Blutproben rasch abgebaut - und in den Analysen zum Feststellen der Todesursache darum oft nicht mehr gefunden.
Nitazene sind eine Gruppe synthetischer Opioide, deren Wirksamkeit bis zu 500-mal so hoch sein kann wie die von Heroin, wie die Experten um Caroline Copeland vom King's College London erläutern. Die leicht und billig herstellbaren Substanzen wurden demnach ursprünglich für die Verwendung als Schmerzmittel synthetisiert, ihre Entwicklung wurde jedoch aufgrund der extremen Wirksamkeit eingestellt.
Der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) zufolge werden Nitazene per Vape, Pille, Pappe oder in weiteren Formen konsumiert. Typische Anzeichen einer Überdosis sind Bewusstlosigkeit, Krampfanfälle und starke Sedierung, gefolgt von Atemstillstand. Die wirksame Dosis sei bei den Substanzen nicht weit entfernt von der tödlichen Dosis.
Die Forschenden um Copeland stellten den typischen Ablauf von Probennahme und -analyse nach solchen Todesfällen in Tierversuchen nach. In der Regel dauere es in Großbritannien etwa einen Monat, bis Blutproben von Toxikologen analysiert werden können. Zu diesem Analysezeitpunkt sei nur noch 14 Prozent des zum Zeitpunkt der Überdosierung existierenden Nitazens vorhanden. Aus Modellierungen schloss das Team, dass die Zahl tatsächlicher Todesfälle mutmaßlich um etwa ein Drittel höher liegt als bisher erfasst.
"Wenn wir ein Problem nicht richtig messen, können wir keine geeigneten Maßnahmen entwickeln - und die unvermeidliche Folge ist, dass vermeidbare Todesfälle weiterhin auftreten werden", sagte Copeland. Typische Abbauprodukte von Nitazenen zu finden und Nachweisverfahren dafür zu entwickeln, könne künftig zu besseren Daten führen.
Nur wenige toxikologische Gutachten in Deutschland
In Deutschland werde die genaue Ursache bei Drogentodesfällen ohnehin nur im Einzelfall bestimmt, hieß es von der DBDD. "Im Jahr 2024 wurden nur in 40 Prozent aller Drogentodesfälle toxikologische Gutachten erstellt." Die tatsächliche Todesursächlichkeit einzelner Substanzen könne nur geschätzt werden. Zu bedenken sei dabei, dass in etwa 80 Prozent der Fälle mehr als eine Substanz konsumiert wurde und es oft gar nicht möglich sei, zu benennen, welche davon die tödlich wirkende war.
Der EU-Drogenagentur EUDA zufolge waren unter den 2024 EU-weit knapp 50 neu gemeldeten Substanzen etwa die Hälfte Nitazene. Ihre Präsenz auf dem Drogenmarkt habe in den letzten sieben Jahren stark zugenommen, international habe es dazu zahlreiche Warnmeldungen von Behörden gegeben, hieß es vom King's College. In den Jahren 2023 und 2024 waren Nitazene der DBDD zufolge innerhalb der synthetischen Opioide marktbestimmend.
Laut einem Bericht des Instituts für Therapieforschung in München konsumieren vor allem junge, an Drogenexperimenten interessierte Menschen die Substanzen. Von den in Deutschland erfassten Todesfällen waren unter anderem ein 19-Jähriger in Hessen und ein 17-Jähriger in Bayern betroffen.
Die britische National Crime Agency (NCA) erfasste im Jahr 2024 mehr als 330 Todesfälle im Zusammenhang mit Nitazenen, wie das King's College mitteilte. Oft seien sehr junge Menschen betroffen. Für Deutschland sei für 2024 allgemein ein Anstieg der Beteiligung synthetischer Opioide an den gemeldeten Drogentodesfällen erfasst, hieß es von der Beobachtungsstelle DBDD. Die Bilanz der Drogentodesfälle für 2025 liege noch nicht vollständig vor. 2024 starben demnach 32 Menschen nachweislich im Zusammenhang mit dem Konsum synthetischer Opioide, in 9 dieser Fälle wurden Nitazene gemeldet.
Weil nur teilweise toxikologische Gutachten durchgeführt werden und Stoffe wie Nitazene schwer nachzuweisen sind, gehen die DBDD-Experten von einer größeren Dunkelziffer nicht erfasster Todesfälle aus. Sie betonen zudem, dass neben weiteren Nitazenen stetig zahlreiche andere Substanzen neu auf den Markt kämen, 2025 zum Beispiel neue Orphine wie Cychlorphin, eine Untergruppe der Opioide.
"Eine der Gefahren an neuen synthetischen Opioiden ist, dass sie zum Beispiel in gefälschten Medikamenten enthalten sind, die täuschend echt aussehen", hieß es. Würden sie unabsichtlich von Menschen ohne bestehende Opioidtoleranz konsumiert, sei die Gefahr einer Überdosierung noch einmal höher.