"Mutter dreht durch"Vater: Berlin-Attentäter eigentlich "liebevoll", es war wohl "Gehirnwäsche"

Am Samstag telefoniert der Terror-Verdächtige Abdul B. mit seiner Familie, die gerade im Libanon ist. Es war ein "ganz normales Gespräch". Dann erfahren die Angehörigen von den Vorfällen in Berlin. Jetzt sind Mutter, Vater und die drei Schwestern außer sich.
Nach der tödlichen Fahrt eines Islamisten in den Großen Tiergarten in Berlin äußert sich der Vater des mutmaßlichen Attentäters in einem Medienbericht über seinen Sohn Abdul B.. "Er wurde einer Gehirnwäsche unterzogen", sagt Tawfik B. dem "Spiegel". Eine andere Erklärung liefert der Muslim nicht, und stellt klar: "Wir sind Schiiten. Wir unterstützen den Islamischen Staat (IS) nicht." Damit meint er wohl sich, die Mutter des Todesfahrers sowie dessen drei Geschwister. Sein Sohn radikalisierte sich in der Vergangenheit zunehmend. Abdul B. habe die Sunniten "geliebt", sagt der Vater.
Sunniten und Schiiten sind die zwei größten Gruppen des Islam. Sie streiten seit Jahrhunderten über die Nachfolge des Propheten Mohammed. Einige Anhänger des Islamischen Staates (IS) verfolgen Schiiten. Die Familie beschreibt Tawfik B. als "nicht extrem religiös".
Abdul B. wurde im Juli 2025 im Libanon festgenommen, weil er wohl von dort weiter nach Syrien zum IS wollte. Er saß im Libanon drei Monate in Haft. Als er freikam, kehrte der Terror-Sympathisant nach Deutschland zurück, wo er vor 21 Jahren geboren wurde. Gleich bei der Ankunft am Flughafen Berlin-Brandenburg klickten erneut die Handschellen und Abdul B. kam in Untersuchungshaft. Anschließend verurteilte ihn ein Berliner Gericht wegen der "Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat" zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Die Strafe wurde jedoch zur Bewährung ausgesetzt und B. sollte an einem Deradikalisierungsprogramm teilnehmen.
Als sein Vater Abdul B. fragte, was er vom IS halte, habe dieser gesagt, die Terrororganisation sei "schlecht". Darauf folgte ein Streit der beiden über die Haare und den Bart des 21-Jährigen. "Ich habe ihm nicht erlaubt, einen langen Bart zu tragen", sagt Tawfik B. dem "Spiegel". Der Vater erkannte offenbar einen einschleichenden Extremismus. Viele Sunniten tragen lange Bärte.
In Berlin lebte der spätere Attentäter mit seiner Mutter und zwei der drei Schwestern zusammen. Der 64-jährige Vater und die Mutter der Kinder leben getrennt. Tawfik B. berichtet, dass Abdul die Schule bis zur zehnten Klasse besucht habe. Danach arbeitete er "zum Beispiel als Sicherheitsmitarbeiter oder als Fahrer". Einen dauerhaften Job habe der 21-Jährige jedoch nicht ausgeübt. Der Libanese beschreibt seinen Sohn als "großzügig, emotional, liebevoll", der das "Herz eines Kindes" habe.
Letztes Telefonat "ganz normal"
Am Samstag hätten der Vater und sein Spross noch telefoniert. "Wir haben ganz normal gesprochen, wie jeden Tag", so Tawfik B.. "Er sagte, dass er mich vermisst und er sich wünschte, jetzt mit uns im Libanon zu sein." Einmal im Jahr fährt die Familie dort Angehörige besuchen. Am Abend versuchte der Vater, nochmals mit Abdul zu sprechen - ohne Erfolg. "Hunderte Male" habe er versucht, seinen Jungen zu erreichen. "Die letzte Nachricht, die er bekommen hat, war um 21.53 Uhr, und seitdem nichts mehr."
Gegen 22 Uhr kam es schließlich zum Anschlag im Tiergarten. Mit einem gemieteten weißen Transporter fuhr mutmaßlich Abdul B. in eine Menschenmenge. Dabei starb eine Frau und 29 weitere Menschen wurden verletzt. Der 21-Jährige floh zu Fuß, versteckte sich in einer Gartenlaube im Stadtteil Spandau. Dort erschoss ihn am Abend die Polizei.
Seit sie die Nachrichten vom Samstagabend aus Berlin gehört haben, seien die Schwestern des 21-Jährigen am Weinen. "Seine Mutter dreht durch, auch ich habe nicht geschlafen und nichts gegessen", so Tawfik B.