Panorama
Donnerstag, 03. März 2011

Nazi-Vorwürfe gegen Bonsels: War "Biene Maja"-Autor ein Antisemit?

Millionen Kinder kennen seine Geschichte von der tapferen "Biene Maja". Neue Forschungsergebnisse aber rücken den Autor Waldemar Bonsels in ein dunkles Licht. Sie nähren die seit Jahrzehnten schwelenden Vorwürfe, dass Bonsels überzeugter Antisemit war.

Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek forscht seit drei Jahren zu dem umstrittenen Autor Bonsels.
Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek forscht seit drei Jahren zu dem umstrittenen Autor Bonsels.(Foto: dpa)

Für Millionen Menschen sind sie ein Teil Kindheitsgeschichte: die Abenteuer der Biene Maja und ihres besten Freundes Willi. Und auch die literarische Vorlage - das gleichnamige Buch von Waldemar Bonsels - ist seit fast einem Jahrhundert ein Bestseller. Literaturwissenschaftler haben diesen wenig bekannten Autor und sein umfangreiches Werk nun genauer unter die Lupe genommen. Und eines der Ergebnisse ist wenig erfreulich: Bonsels, darauf deuten zahlreiche Dokumente hin, war wohl ein Antisemit. Die Bonsels-Stiftung forscht dazu und eine Tagung in München befasst sich seit Donnerstag mit dem Thema.

"Unsere Leitfrage ist, ob wir diesen Autor wieder entdecken sollten, oder ob er und sein Werk zu Recht in Vergessenheit geraten sind", sagt der Literaturwissenschaftler Sven Hanuschek von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Er forscht seit rund drei Jahren zu dem 1952 gestorbenen Bonsels und dessen Werk. Nazi-Vorwürfe gegen Bonsels habe es lange schon gegeben, systematisch habe sich aber bislang niemand damit befasst, sagt er. Seine vorläufigen Ergebnisse hat Hanuschek in dem Aufsatz "In einem unbekannten Land / Vor gar nicht allzu langer Zeit" zusammengefasst, der im April erscheinen soll.

Roman "Dositos" löste Antisemitismus-Debatte aus

Besonders ein Buch stach ihm ins Auge: Der Roman "Dositos" aus dem Jahr 1942. Bonsels veröffentlichte ihn selbst als Privatdruck in einer Auflage von 100 Exemplaren, die er mit persönlicher Signatur an Freunde und NS-Größen verteilte.

"Der gewaltige und gewaltsame Anstoß, der auch auf diesem Gebiet durch Adolf Hitler in die Welt getragen worden ist, erschütterte nicht nur das Judentum, sondern naturgemäß zugleich alles, was in der christlichen Kirche am Judentum krankt", schrieb Bonsels im Vorwort zu diesem Roman, das er bei einer Neuauflage von 20.000 Exemplaren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges unter den Tisch fallen ließ. Dennoch löste das Buch auch ohne das Vorwort im Nachkriegsdeutschland eine kleine, kurze Antisemitismus-Debatte aus. Bonsels vermutete dahinter - so schrieb er in einem Brief - gar eine jüdische Verschwörung.

Ein von Bonsels signiertes Buch.
Ein von Bonsels signiertes Buch.(Foto: dpa)

Die Waldemar-Bonsels-Stiftung, die unter anderem die "Biene Maja"-Einnahmen verwaltet und von Bonsels Witwe ins Leben gerufen wurde, finanziert heute das Forschungsprojekt, an dessen Ende eine Ausstellung im kommenden Jahr stehen soll - pünktlich zum 60. Todestag Bonsels und zu 100 Jahren "Biene Maja". "Wir als Stiftung möchten, dass die Vorwürfe gegen Bonsels gründlich untersucht werden", sagt der heutige Vorstandsvorsitzende der Stiftung, Ralf Kirberg. Stiftungsgründerin Rosemarie Bonsels habe diese Arbeit jahrelang blockiert, sagt Forscher Hanuschek.

Bei der interdisziplinären Tagung im Literaturhaus München soll es allerdings nicht nur um Bonsels politische Gesinnung gehen, sondern um viele verschiedene Aspekte seines Werkes. Ein Biologe berichtet unter anderem darüber, ob eine Biene tatsächlich - wie Maja - ohne ihren Schwarm überleben kann. Außerdem wird auch das Frühwerk Bonsels und sein zweiter großer Bestseller "Indienfahrt" behandelt.

"Er dachte, SS heißt summsumm"

Der spannendste Aspekt aber bleiben die Verstrickungen Bonsels in die Nazi-Zeit. Die neuen Forschungsergebnisse zeichnen folgendes Bild: Hatte Bonsels im Jahr 1932 noch zwei SA-Männer nach einer Lesung herausgeworfen, die ihm vorgeworfen hatten, er wolle wohl Werbung für "die Juden" machen, sei er nach 1933 vor allem als Opportunist in Erscheinung getreten, der wohl in erster Linie verhindern wollte, dass er ins Exil gehen muss, heißt es. 1935 standen Bücher von ihm auf dem Index, danach habe er beweisen wollen, "was er doch für ein guter Antisemit sei", schreibt Hanuschek. 1938 stand er nicht mehr auf dem Index, wie Hanuschek in Bonsels' 70-seitiger Bundesarchiv-Akte herausgefunden hat.

Dokumenten belegen eine Anfrage der NSDAP zur Gesinnung Bonsels.
Dokumenten belegen eine Anfrage der NSDAP zur Gesinnung Bonsels.(Foto: dpa)

Nach Kriegsende habe der Autor immer wieder versucht, seine Ansichten zu verteidigen, schreibt Hanuschek in seinem Aufsatz und bezeichnet Bonsels als "Unbelehrbaren".

Zum 50. Todestag des Schriftstellers zeigte Stefan Raab in seiner Sendung "TV Total" eine Montage von "Biene Maja" mit Hitlerbärtchen, unterlegter Hitlerrede und unter Hakenkreuz-Fahne aufmarschierenden Ameisen. "Hitlers Helfer - heute: Maja und Willi", witzelte Raab und fügte mit Blick auf den Autor hinzu: "Er dachte bis zuletzt, SS heißt summsumm."

"Biene Maja" weitgehend unproblematisch

Soweit würde Hanuschek freilich nicht gehen. "Die "Biene Maja" ist weitgehend unproblematisch", sagt er. "Sie entstand noch vor der ideologischen Diversifizierung der Weimarer Republik und zu einer Zeit, in der Bonsels noch mit Juden befreundet war." Eine Ausnahme gebe es allerdings: den finalen Kampf zwischen Bienen und Hornissen. Die ganze Schlacht, das ganze letzte Kapitel sei sehr "völkisch, noch im Sinn des Kaiserreichs", meint Hanuschek.

Quelle: n-tv.de