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Dämme gegen die Corona-Mutation Warum die Irland-Welle Merkel alarmiert

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Dramatischer Anstieg der Fallzahlen: Die Republik Irland gilt als abschreckendes Beispiel in der Pandemieabwehr.

(Foto: picture alliance/dpa/PA Wire)

Mit vorzeitigen Lockerungen verspielt Irland die Errungenschaften eines umjubelten Lockdowns. Die Ausbreitung der Coronavirus-Mutation verschärft die Lage dort dramatisch. Was heißt das für die deutsche Pandemie-Abwehr?

Der Blick nach Irland verheißt in diesen Tagen nichts Gutes. Infolge der Lockerung der viel beachteten Pandemiemaßnahmen im Dezember schien das Infektionsgeschehen in der Republik zeitweise vollkommen außer Kontrolle zu geraten. Mit der ersten Januarwoche schoss die Sieben-Tage-Inzidenz auf zeitweise mehr als 900 Fälle je 100.000 Einwohner. Mittlerweile hat sich der Wert deutlich abgeschwächt, doch von einer echten Entspannung kann in Irland trotz eines erneuten Lockdowns noch lange keine Rede sein. Von den bislang insgesamt rund 163.000 registrierten Ansteckungen wurden den Behörden knapp 44 Prozent allein in diesem noch jungen Jahr gemeldet. Die Zahl der Todesfälle steigt. Das Coronavirus ist mit Wucht zurück.

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Mehr noch: Die im benachbarten Großbritannien entdeckte Virus-Mutation B.1.1.7 breitet sich auch in Irland rasant aus. Zu Wochenbeginn bestätigte das irische Gesundheitsministerium, dass in der ersten Januarwoche bereits mehr als 40 Prozent der Infektionsfälle auf die Mutante zurückzuführen waren, Tendenz steigend. Die Bevölkerung der grünen Insel scheint wie schon so oft in ihrer Geschichte unter britischen Einflüssen zu leiden. Allerdings gehört zur bitteren Wahrheit auch, dass die Ausbreitung der neuen Virus-Variante vermeidbar war. Die Errungenschaften des November-Lockdowns wurden in Irland leichtfertig verspielt.

Längst sind die internationalen Jubelrufe über den irischen Weg verhallt. Die Republik mit ihren gerade einmal rund 4,98 Millionen Einwohnern gilt nun als abschreckendes Beispiel in der Pandemieabwehr. Auch in Deutschland schauen Experten und Politik mehr mit Sorge denn mit Bewunderung auf das EU-Mitglied. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe die Entwicklung in Irland genau im Blick, wurde zuletzt nach Informationen von ntv auch bei den CDU-Gremiensitzungen am Donnerstagabend deutlich. Die Entwicklung in Irland sowie die Mutation mache allen "sehr große Sorgen", bestätigte CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak.

Mutation auch nach Deutschland gelangt

Ihren Weg nach Deutschland hat die Mutation B.1.1.7 bereits gefunden. Bisher seien hierzulande 16 Fälle bekannt, erklärte der Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, am Donnerstag. Zwar geht das RKI demnach noch nicht von einer größeren Verbreitung der Mutante aus. Doch ausgeschlossen, hieß es, sei dies nicht. Wieler erwähnte ausdrücklich auch Irland, das exemplarisch für die potenzielle Gefahr stehe. Dort habe die Ausbreitung der Coronavirus-Variante B.1.1.7 zu dem scharfen Anstieg der Fallzahlen geführt. Zugleich heißt es im RKI-Lagebericht aber noch vorsichtig, es sei "noch nicht abschließend geklärt, wie sich die neue Variante auf das Infektionsgeschehen in Deutschland auswirkt".

Doch die Entwicklung in Irland ist Warnung genug. Dem irischen Gesundheitsministerium zufolge steht die jüngste Ansteckungswelle eindeutig in einem Zusammenhang mit der Ausbreitung von B.1.1.7. Die Perspektive für die kommenden Tage und Wochen ist düster. Insgesamt hat die Pandemie in Irland mindestens 2536 Todesopfer gefordert.

Zwar liegt das Sieben-Tage-Mittel der täglich neu verzeichneten Todesfälle in Irland noch bei 30, doch ein Vergleich mit Deutschland zeigt, wie dynamisch sich die Sterbezahlen infolge hoher Infektionswerte entwickeln können. In Deutschland ist das Sieben-Tage-Mittel der Todesfälle binnen weniger Wochen auf ein Niveau von weit über 800 angestiegen. Anfang Oktober lag diese Vergleichszahl noch bei 15.

Schon zu Jahresbeginn hatte Irlands Chef-Epidemiologe Philip Nolan vor "besorgniserregenden" Zahlen und einer Überlastung des Gesundheitssystems gewarnt. Nun ist der Kampf um Menschenleben noch schwieriger geworden: Behördenangaben vom Freitag zufolge werden aktuell 1848 Personen aufgrund einer Covid-19-Erkrankung im Krankenhaus behandelt, 187 befinden sich auf der Intensivstation. Noch zu Heiligabend wurden lediglich 22 Personen intensivmedizinisch betreut. Die aktuelle Situation sei "vielleicht noch schlimmer als das, was wir seit dem Frühling gesehen haben", sagte Nolan. Damals, während der ersten Welle, hatte es in der schlimmsten Phase 881 Covid-19-Patienten und 155 Intensivfälle gegeben.

Aufgrund der prekären Lage hat die Regierung von Premier Micheál Martin erneut die Notbremse gezogen: Irland begann das Jahr 2021 mit neuen Beschränkungen des öffentlichen Lebens. Im Gegensatz zum November-Lockdown, der damals schon international als hart galt, sind nun zusätzlich auch Schulen und Kitas geschlossen. Zudem erließ die Regierung drastische Einreisebestimmungen. Weil die neue Virusvariante als deutlich ansteckender gilt, erscheint jede Maßnahme im Kampf gegen die Sars-CoV-2-Pandemie als sinnvoll.

Verhalten optimistisch stimmen dürfte der Blick auf das dokumentierte Infektionsgeschehen der vergangenen Tage. Die Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen entwickelt sich im Mittel rückläufig, bleibt aber von der einst weithin bewunderten Sieben-Tage-Inzidenz von rund 35 neuen Fällen je 100.000 Einwohner von Anfang Dezember noch immer weit entfernt. Zudem warnt Epidemiologe Nolan regelmäßig, dass es in Irland eine beträchtliche Dunkelziffer geben dürfte.

Insgesamt ist die irische Bilanz seit den Lockerungen erschütternd: Die Versuche, die Corona-Auflagen möglichst schnell wieder zu lockern, fielen mit dem Eindringen der ansteckenderen Virus-Variante zusammen, die Fallzahlen schnellten steil nach oben. Die neue Bedrohungslage löst auch im Ausland Besorgnis aus: In Deutschland zogen Bund und Länder ihre Beratungen über das weitere Vorgehen in der Pandemieabwehr auf kommenden Dienstag vor. Den Teilnehmenden um Bundeskanzlerin Merkel wird bei ihren Entscheidungen auch daran gelegen sein, mit Blick auf die Entwicklung in Irland schon jetzt Dämme gegen die drohende Ausbreitung der Virus-Mutation zu errichten.

Quelle: ntv.de