Panorama

Trauerfeier für Loveparade-Opfer "Wer ist schuld, wer ist verantwortlich?"

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Sichtlich bewegt: Krafts Sohn war selbst auf der Loveparade gewesen.

(Foto: dpa)

Trauer in Duisburg: Tausende gedenken mit einem Gottesdienst und einem Trauermarsch der 21 Opfer der Loveparade-Katastrophe. NRW-Ministerpräsidentin Kraft verspricht in einer emotionalen Ansprache die Aufklärung der Vorgänge. "Uns alle lässt das Geschehen nicht los", drückt sie ihre Trauer aus und verspricht: "Sie sind nicht allein."

In einer bewegenden Trauerfeier haben Tausende in Duisburg der Opfer der Loveparade gedacht. Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel sprachen den Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sagt Aufklärung darüber zu, wer für die Massenpanik mit 21 Toten die Verantwortung trägt. Von den mehr als 500 Verletzten liegen noch immer 25 im Krankenhaus.

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Lammert, Merkel, Wulff und dessen Frau Bettina sowie Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft in der Salvatorkirche.

(Foto: dpa)

Kraft sprach mit eindringlichen Worten zu den 500 Trauergästen in der Salvatorkirche: "Uns alle lässt das Geschehen nicht los." Kraft kämpfte während ihrer Rede sichtbar um Fassung. Die Tragödie mache auch wütend, sagte sie mit tränenerstickter Stimme vor der Trauergemeinde. "Wer ist schuld, wer ist verantwortlich?" - diese Fragen müssten aufgeklärt und Antworten gefunden werden. Kraft sagte den betroffenen Angehörigen schnelle und unbürokratische Hilfe des Landes NRW zu. Sie wisse aber, dass das den Schmerz nicht lindern könne. "Ich fühle selbst wie schwer es ist, sich nach einer solchen Woche wieder dem Leben zuzuwenden."

"Sie sind nicht allein", sagte Kraft an die Angehörigen gerichtet. "Sie alle hatten ihre Zukunft noch vor sich", erklärte sie sichtlich bewegt mit Blick auf die zumeist jugendlichen Opfer. "Ich kann nachempfinden, was Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde durchlitten haben, die stundenlang auf ein Lebenszeichen warten mussten." Auch ihr Sohn hatte am Katastrophentag die Loveparade besucht. Kraft rang häufig um Fassung, am Ende wurde ihre Stimme brüchig.

Duisburg gedenkt in einem Fußballstadion der Toten der Loveparade.

Im Stadion des Fußball-Zweitligisten MSV Duisburg wurde der Opfer ebenfalls gedacht.

(Foto: REUTERS)

Tausende verfolgten die einstündige Übertragung des Gottesdienstes in zwölf Kirchen und im Fußballstadion des MSV Duisburg. Dort fanden sich statt der erwarteten Zehntausenden nur rund 1500 Besucher zusammen. Auf dem Rasen lag ein schwarzes Holzkreuz, auf dem Kerzen brannten. "Wir kamen in Freude, Liebe und Vertrauen. Jetzt sind wir tot, verletzt und traumatisiert. Musste das sein?", hieß es auf einem Transparent.

"Hilflosigkeit und Wut"

Der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, sprach in seiner Predigt von "Trauer und Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut", die das Denken der Menschen beherrschten und über "Erwachsene, die wie versteinert Verantwortung von sich weg schieben". Schneider weiter: "Die Loveparade wurde zum Totentanz. Mitten hinein in ein Fest überbordender Lebensfreude hat der Tod uns allen sein schreckliches Gesicht gezeigt."

Auch der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck kommt in seiner kurzen Predigt auf das Thema zu sprechen, das ganz Deutschland seit einer Woche umtreibt. Gott sei für alle da, sagt er, "und auch für diejenigen, die sich der Verantwortung stellen müssen".

Hunderte im Stadion

Angehörige, Rettungskräfte von Polizei, Feuerwehr und Hilfsorganisationen sowie Überlebende der Katastrophe entzündeten während der Trauerfeier Kerzen zum Gedenken an jedes einzelne Todesopfer. Der Gottesdienst wurde auch in ein Dutzend Kirchen der Stadt und das Fußball-Stadion des MSV Duisburg übertragen, wo sich einige Hundert Menschen versammelt hatten. Die erwarteten mehreren Zehntausend Menschen blieben hier aber aus.

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Hunderte zogen nach dem Gottesdienst durch die Duisburger Innenstadt.

(Foto: APN)

Vor der Gedenkfeier trugen Seelsorger, die beim Unglück im Einsatz waren, zusammen mit Bürgern in einem Trauermarsch Kerzen und Kondolenzbücher vom Unglücksort zur Salvatorkirche. Merkel zeigte sich am Rande der Trauerfeier nach einem Treffen mit Verwandten der Opfer tief berührt: "Die Gespräche mit den Angehörigen sind mir sehr zu Herzen gegangen. Aus dem schrecklichen Ereignis von Duisburg müssen jetzt die richtigen Konsequenzen gezogen werden", sagte sie der "Bild am Sonntag".

Bei der Massenpanik am vergangenen Samstag waren 21 Menschen auf dem Gelände der Loveparade, dem ehemaligen Güterbahnhof, getötet worden.

Trauerzug zum Tunnel

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Ihr Ziel war der Ort des Unglücks, wo sie am Tunnel den Toten gedachten.

(Foto: APN)

Familien und Freunde konnten nach der Trauerfeier - abgeschirmt von der Öffentlichkeit - an der Unglücksstelle um ihre Toten trauern. Später zogen 2000 Trauernde durch Duisburg in die Nähe der Unglücksstelle, darunter Freunde von Opfern, und ließen Hunderte schwarze und weiße Luftballons steigen. Vor der Fußballpartie Schalke 04 gegen den Hamburger SV im nahen Gelsenkirchen legten Spieler und rund 50.000 Zuschauer eine Gedenkminute ein.

Am Tunnel, dem Zugang zur Loveparade, lagen schon vor der Trauerfeier Kränze von Wulff, Merkel und anderen Repräsentanten. Die schwarzen, roten und dunkelgelben Blumen darauf symbolisieren die Nationalfarben. Sie liegen in einem Meer von Kerzen, die die Menschen dort abgestellt haben. In Deutschland war Trauerbeflaggung angeordnet.

Sauerland vor Abwahl?

Wie Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland blieb auch der Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller der Gedenkfeier fern. Sauerland hatte gesagt, er wolle die Trauernden nicht provozieren. Er tue dies aus "hohem Respekt vor den Angehörigen der Opfer". Ihm wird vorgeworfen, Warnungen von Polizei und Feuerwehr ignoriert zu haben, was er bestreitet. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt war der CDU-Politiker ausgebuht worden, inzwischen steht er unter Polizeischutz. Sauerland wird von verschieden Seiten zum Rücktritt aufgefordert, weil er als Chef der für die Genehmigung der Veranstaltung zuständigen Stadtverwaltung die politische Verantwortung übernehmen müsse.

Die Linken haben im Rat bereits einen Abwahlantrag gestellt. Für eine Abwahl wird eine Zweidrittelmehrheit benötigt. 25 der 75 Stimmen besitzt die CDU. Sauerland selbst hat sich bislang gegen einen Rücktritt vor der Aufarbeitung der Tragödie gewehrt. Nach Berichten von "Süddeutscher Zeitung" und "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" unter Berufung auf Parteikreise, könnte der CDU-Politiker über ein solches Abwahlverfahren im Stadtrat seinen Posten aufgeben. Dies hätte für den Beamten auch finanzielle Vorteile, weil er dann seine Pensionsansprüche behalten würde.

Wullf ehrt die Helfer

Allerdings stehen nicht nur der Oberbürgermeister und der Streit um das Sicherheitskonzept im Blickpunkt öffentlicher Diskussionen. Medien berichten über Schwachpunkte in der Zusammenarbeit zwischen den Sicherheitsleuten des Veranstalters und der Polizei. Dabei konzentriert sich das Geschehen auf den Zugangsbereich zum Gelände. Letztes Endes sei nicht schnell genug gehandelt worden.

Bundespräsident Wulff warnte nach der Gedenkfeier allerdings vor Vorverurteilungen. Die Ermittlungen sollten abgewartet werden, sagte er dem WDR. Wulff kündigte zudem an, den Einsatz der Helfer würdigen zu wollen. "Ich werde die ehrenamtlichen Helfer, die Leben gerettet und Menschen geholfen haben, nach Berlin einladen und auszeichnen", sagte er der "Bild am Sonntag". Es sei für die Angehörigen wichtig, dass die Nation mit ihnen trauere. Und die Helfer müssten merken, dass sie nicht allein mit dem Erlebten fertig werden müssen.

Quelle: n-tv.de, tis/dpa/AFP/rts

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