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"Mein Name war 27.633"Wie Tova Friedman auf Tiktok die Erinnerung an den Holocaust lebendig hält

28.01.2026, 06:10 Uhr IMG-20181022-173026Von Solveig Bach
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Tova Friedman mit einem Foto, das sie und ihre Mutter zeigt. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Sie hat Millionen Klicks auf Tiktok und eine Lebensgeschichte, die es beinahe nicht gegeben hätte. Heute spricht Tova Friedman im Bundestag. Über das Überleben in Auschwitz, soziale Medien und den Holocaust.

Tova Friedman ist sechs Jahre alt, als sich die Tore des Vernichtungslagers Auschwitz für sie und ihre Mutter öffnen. Sie hat den Holocaust überlebt. 1938 in Gdingen nahe Danzig in eine kaum religiöse jüdische Familie geboren, bestimmt der Vernichtungsfeldzug gegen die Juden ihre gesamte frühe Kindheit. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen wird Friedman zusammen mit ihrer Familie in das Ghetto Tomaszów Mazowiecki deportiert. Sie leben dort zusammen mit 15.000 Menschen, 5.000 davon sind Kinder. Tova Friedmann wird am Ende nur eins von fünf Kindern aus dem Getto sein, die überleben.

Erklären kann und will sie sich das nicht. Sie selbst hält ihr Überleben für reinen Zufall, betont sie immer wieder. In einer Welt, in der Willkür, Grausamkeit und Menschenverachtung regierten, habe sie einfach Glück gehabt, während ihre Großmutter schon beim Einmarsch der Nazis erschossen wurde und ihr Vater die Massengräber ausheben musste, in denen kurz darauf seine eigenen Eltern begraben wurden. Ihre Eltern verstecken sie eine Weile erfolgreich, schließlich werden sie und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert, der Vater kommt nach Dachau.

Und wieder hat sie Glück. Sie wird nicht sofort nach ihrer Ankunft ermordet und auch nicht, als sie krank wird. Der Frau, die ihr ihre Gefangenennummer auf den Arm tätowiert, verdankt sie die Idee, sie könnte die Todesmaschinerie überleben. Bis heute erinnert sie sich an die Freundlichkeit dieser Frau und ihre sanften Hände. Und bis heute sind die Zahlen auf Friedmans Arm sichtbar. "Ich hatte keinen Namen - mein Name war 27.633. Ich bin von einer jungen Frau tätowiert worden. Ihre Hände haben gezittert, weil sie keine Kinder tätowieren wollte", erzählt sie Jahrzehnte nach diesem Tag auf Tiktok.

"Ihr seid mein größtes Geschenk"

Auf der Social-Media-Plattform ist Friedman zusammen mit ihrem Enkel Aaron Goodman. Er hatte 2021 auf Youtube Bilder gezeigt, die er bei einem Auschwitz-Besuch mit seiner Großmutter aufgenommen hatte. Darauf habe es eine erstaunliche Resonanz gegeben, erzählte er 2023 der taz. Goodman, der mit dem Wissen um den Holocaust aufwuchs, wurde klar, wie viele Menschen "nicht mal grundlegende Dinge" darüber wissen. Eines der ersten Videos, das sie auf "TovaTok" veröffentlichen, ist das von dem Auschwitzbesuch. Es zeigt Tova Friedman mit ihren Enkelkindern. "Ihr seid das, was Hitler nicht umbringen konnte", sagt sie ihnen. "Ihr seid mein größtes Geschenk. Denn ich sollte nicht hier sein. Eure Mutter sollte nicht hier sein. Niemand sollte hier sein. Ihr habt eine Verantwortung: Führt das Judentum fort - und erzählt die Geschichte."

Sie selbst folgt diesem inneren Auftrag schon seit Jahrzehnten. Sie spricht auf Veranstaltungen, vor Schulklassen, hat mehrere Bücher geschrieben, eines für Kinder ab 12 Jahren. Solange sie über die im Holocaust Ermordeten spreche, seien sie nicht tot. Das ist Friedmans Überzeugung. Den Clip, in dem Tova Friedman erzählt, wie ihr Name in Auschwitz durch die Nummer 27.633 ersetzt wurde, haben inzwischen achteinhalb Millionen Menschen angesehen. Mehr als 500.000 folgen dem Account.

Immer wieder beantwortet Friedman, gefilmt von ihrem Enkel, Fragen zu ihrem Leben. Ob sie vergeben kann. Welches ihre schrecklichsten Erinnerungen sind. Warum sie die Tätowierung nie entfernen ließ. Sie habe das nie erwogen, sagt sie darauf, obwohl sie niemanden dafür verurteile. "Aber ich wollte es als Zeuge, um zu zeigen, was passiert ist. Weil Leute immer noch behaupten, es sei nie passiert."

Zeugenschaft bis zuletzt

Friedman wird in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs mit anderen Kindern zur Gaskammer geführt. Das mögliche Sterben macht ihr keine Angst, es ist so selbstverständlich in Auschwitz, wie der Geruch nach den verbrannten Körpern und der Hunger. "Es war furchtbar kalt, wir zitterten vor Kälte. Plötzlich sagte jemand, wir sollten wieder rausgehen", erinnert sich Friedman in einem Interview. Vermutlich hakte die Tötungsmaschinerie. Und auch die Räumung von Auschwitz überlebt Friedman, versteckt zwischen Leichen.

Heute ist sie 87, Psychotherapeutin, Sozialarbeiterin und Tiktokerin, hat in Israel und den USA gelebt, hat vier Kinder und acht Enkelkinder. Am Mittwoch wird sie in der traditionellen Gedenkstunde des Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus sprechen. Ihr Leben habe sie Hitler und den Nationalsozialisten abgetrotzt, sagte sie vor Jahren bei einem Vortrag. Sie sei ohne jüdischen Glauben aufgewachsen, aber pflege ihn heute. Sie sollte nicht leben und keine Kinder haben, also habe sie vier Kinder bekommen. Sie sollte nie von den erlebten Grausamkeiten berichten können, deshalb tue sie das, solange sie könne. Und wenn sie es nicht mehr könne, hofft sie, dass ihr Enkel Aaron übernimmt.

Quelle: ntv.de

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