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Wie viele Tote akzeptiert man? Ziellos: Deutschlands frustrierende Corona-Politik

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Mit einem klaren Ziel vor Augen steht man die Pandemie besser durch.

(Foto: picture alliance / Frank May)

In der Diskussion über die Impfkampagne wird deutlich, was in dieser Phase der Pandemie fehlt: ein konkretes, motivierendes Ziel, das erreicht werden soll. Wie lange sollen die Einschränkungen fortgeführt werden? Wann ist der Punkt erreicht, an dem Normalität den Ausnahmezustand ablöst?

Im "Dorsch - Lexikon der Psychologie" steht, "Ziele sind Dreh- und Angelpunkte bei der Steuerung menschlichen Handelns." Das gilt auch oder insbesondere für die Politik. Ohne zu wissen, wohin ein Weg führt, welche Etappen, welche Herausforderungen er hat und wann und wo er endet, ist es schwierig, Menschen davon zu überzeugen, dass ein Weg der richtige ist. Ein Ziel gibt Handlungen einen Sinn und motiviert, besonders dann, wenn die Reise beschwerlich ist.

Ziel aus den Augen verloren

In der Corona-Pandemie aber hat man das Ziel aus den Augen verloren. Zu Beginn galt es, eine Überlastung des Gesundheitssystems, viele schwere Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern. Das haben die Menschen verstanden und bereitwillig Einschränkungen akzeptiert, die es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nie zuvor gab - nicht mal annähernd.

Auch als im vergangenen Herbst die Hoffnung des Sommers von einer zweiten Welle zerstört wurde und im Winter die Todeszahlen erschreckende Höhen erreichten, akzeptierte die große Mehrheit erneute Einschränkungen. Denn sie hatten immer noch ein klares Ziel vor Augen.

Erstmals seit Beginn der Pandemie war durch die Impfstoffe auch ein Ende des Weges absehbar. Und trotz der ansteckenderen britischen Variante B.1.1.7 (Alpha) und der schleppend anlaufenden Impfaktion schien es mit rasch sinkenden Inzidenzen, Hospitalisierungen und Todesfällen ein freudiges Frühlingserwachen zu geben. Doch der Alptraum geht weiter, da für die Delta-Variante die alten Regeln nicht mehr gelten sollen und das Ziel so nicht mehr erreichbar sei, heißt es.

Ziele kann man ändern oder anpassen

Das kann passieren. "Wenn der Handelnde erkennt, dass sich sein Ziel aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse auch bei größter Anstrengung nicht erreichen lässt, kann es vorteilhaft sein, sich vom ursprünglichen Ziel zu lösen und es durch ein anderes zu ersetzen", steht im Lexikon der Psychologie.

Aber dort heißt es auch, "bei Bedarf können Handlungsverlauf und Handlungsziel korrigiert werden. Vor allem bei längeren Handlungsabläufen sorgt eine starke Bindung an das gesetzte Ziel (Zielbindung) für ein ausdauerndes Bemühen, trotz möglicher Widerstände und Ablenkungen zum Ziel zu kommen."

Spiel auf Zeit

In Deutschland gibt es weder ein neu formuliertes Ziel noch hat man das bisherige angepasst. Die Politik spielt auf Zeit, ohne zu wissen - oder besser: ohne sagen zu wollen, wohin der Weg jetzt führen soll. Stattdessen bitten Bund und Länder den Bundestag, die "epidemiologische Lage von nationaler Tragweite" über den 11. September hinaus um mindestens drei weitere Monate zu verlängern. Sie ermächtigt das Bundesgesundheitsministerium, ohne Zustimmung des Bundesrats Maßnahmen zu ergreifen und anzuordnen.

Das kann man machen, da die grundsätzlichen Voraussetzungen dafür weiter gegeben sind. Nach Paragraf 5 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) ist das Land in dieser Lage, wenn eine ernsthafte Gefahr für die öffentliche Gesundheit in der gesamten Bundesrepublik Deutschland besteht. Die ist gegeben, wenn

- die WHO eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite ausgerufen hat und die Einschleppung einer bedrohlichen übertragbaren Krankheit in die Bundesrepublik Deutschland droht oder

- eine dynamische Ausbreitung einer bedrohlichen übertragbaren Krankheit über mehrere Länder in der Bundesrepublik Deutschland droht oder stattfindet.

Was heißt "bedrohlich"?

Zweifelsohne ist der entscheidende Begriff die "bedrohliche Krankheit". Denn daran, was das bedeutet, scheiden sich derzeit die Geister und dementsprechend auch die Formulierung möglicher Ziele. Was für die einen bedrohlich ist, nennen andere ein alltägliches Risiko. Und ganz wichtig: Wie soll der Grad der Bedrohung bestimmt werden?

Ginge es wie zu Beginn der Pandemie darum, eine Überlastung des Gesundheitssystems zu vermeiden, gibt es eigentlich keinen Grund mehr, die epidemiologische Lage aufrechtzuerhalten. Denn auch wenn die Quote höher sein könnte, ist doch ein Großteil der vulnerablen Gruppen geimpft, zu denen vor allem auch ältere Menschen über 60 Jahre zählen. Bei steigenden Inzidenzen werden also weder die Intensivstationen "volllaufen" noch die Todeszahlen wieder Höhen wie im vergangenen Winter erreichen.

Doch was man zu Beginn der Pandemie nicht wissen konnte: Covid-19 kann auch auf andere Weise sehr bedrohlich sein. Zahlreiche Infizierte leiden selbst nach milden Krankheitsverläufen noch Monate oder vielleicht sogar Jahre an Spätfolgen. Das ist nicht von der Hand zu weisen. Aber wie groß das Problem tatsächlich ist, also wie viele Menschen von Long Covid beziehungsweise Post Covid betroffen sind, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Wie viele Tote akzeptiert man?

Und so brutal das klingen mag: Es geht darum, wie viele Kranke oder auch Tote ein Land bereit ist zu akzeptieren. Das ist bei anderen Krankheiten wie der Grippe so und das gilt letztendlich auch für Covid-19. Der Virologe Alexander Kekulé sagte Anfang Juli bei Markus Lanz, bei der Influenza nehme man in Deutschland jährlich bis zu 15.000 Tote in Kauf.

"Wenn wir es in einen Korridor fahren können, dass es unterhalb der Sterblichkeit der Influenza bleibt, dann ist es etwas, was wir als Gesellschaft auch vertreten können und was wir den Menschen auch erklären können", so Kekulé. "Dann können wir sagen: Das ist unser Ziel und deshalb müsst ihr diesen Herbst noch mal beim Einkaufen oder in der Straßenbahn Masken tragen."

Schwierige Diskussion über Kinder

Besonders schwierig ist die Diskussion über eine Exit-Strategie, wenn es um Kinder geht, die aktuell erneut im Mittelpunkt stehen. Einerseits weiß man, dass ihr Risiko, schwer zu erkranken, sehr niedrig ist. Andererseits ist klar, dass für die unter 12-Jährigen auf absehbarer Zeit kein Vakzin zur Verfügung stehen wird.

Der Kenntnisstand über Long Covid ist bei Kindern dagegen noch dürftiger als bei Erwachsenen. Laut einer aktuellen Studie (Preprint) der TU Leipzig könnten nicht mehr als 1 Prozent von ihnen betroffen und viele Symptome eher auf Schul- und Kita-Schließungen sowie andere Pandemie-Maßnahmen zurückzuführen sein.

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Nur 1,8 Prozent der Corona-Intensivpatienten sind jünger als 18 Jahre alt, die meisten von ihnen haben Vorerkrankungen.

(Foto: DIVI)

Hier kommt dann doch wieder die Inzidenz ins Spiel, die angesichts von fast 47 Millionen vollständig Geimpften und einer hohen Impfquote bei alten Menschen kaum noch aussagekräftig ist. Doch wenn es um Long Covid - speziell bei Kindern - geht, sind die Inzidenzen nach Altersgruppen entscheidend. Denn auch 1 Prozent kann sehr viel sein, wenn sich Hunderttausende anstecken.

Hohe Impfquote ist der sicherste Weg

Die beste Möglichkeit, Kinder zu schützen, ist, dass sich möglichst alle Erwachsenen impfen lassen. Auch insgesamt ist klar, dass eine hohe Impfquote der zuverlässigste und wahrscheinlich einzige Weg zurück in die Normalität ist. Und genau sie muss weiter das Ziel bleiben, nur der Weg dorthin steht zur Diskussion. Jetzt einfach weiter auf Sichtweite durch die Pandemie zu schippern, ist keine akzeptable Option. Der Sommer geht zu Ende, das neue Schuljahr beginnt und die Kitas füllen sich wieder.

Leider gibt es aber keinen bequemen Weg zurück in die Normalität, mit dem alle glücklich sein werden. Die Politik muss unangenehme Entscheidungen treffen, die kurz vor der Bundestagswahl am 26. September alle Parteien scheuen. Auch danach kann es noch lange dauern, bis eine neue Bundesregierung steht. Ob die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten der Länder sich alleine zusammenraufen, bleibt abzuwarten.

RKI hält 85 bis 90 Prozent für nötig

Eine mögliche Zielsetzung sind bestimmte Impfquoten, ab denen einschränkende Maßnahmen weitgehend beendet werden. Das RKI hält aktuell eine Quote von 85 Prozent bei den 12- bis 59-Jährigen sowie von 90 Prozent bei Menschen über 60 Jahren für "notwendig und auch erreichbar". Die Bevölkerung müsste sich dann nur an Basis-Hygienemaßnahmen halten und nur bei steigenden Infektionszahlen "Kontakte zu einem gewissen Grad reduzieren".

Das ist grundsätzlich die sympathischste Option, da sie eher Anreize setzt, als zu bestrafen. Man kann gemeinsam das Ziel der "Freiheit" erreichen, individuelle Interessen sind mit Gruppeninteressen deckungsgleich. Das ist wichtig. "Ein zielorientierter Handlungsablauf bei einer Gruppenaufgabe ist dann gewährleistet, wenn die persönlichen Ziele bekannt waren und im Sinne des Gruppenziels aufeinander bezogen wurden", so das Lexikon der Psychologie.

Wenn alle die Chance hatten, ist Schluss

Eine Alternative wäre, einen Zeitpunkt festzulegen, bis zu dem alle Berechtigten die Möglichkeit hatten, sich impfen zu lassen - egal, ob die vom RKI erwarteten Quoten erreicht wurden oder nicht. Impfverweigerer müssten dann die Folgen tragen. Dazu gehört auch, Kinder und andere Menschen, die sich nicht impfen lassen können zu schützen, indem man Ungeimpfte von Teilen des öffentlichen Lebens ausschließt oder eine Testpflicht erlässt.

Man könnte auch beschließen, einschränkende Maßnahmen auszusetzen, solange bestimmte Kriterien erfüllt sind. Vorstellbar wäre eine Kombination aus Altersinzidenzen, Hospitalisierung und Impfquoten nach Altersgruppen. Auch Long-Covid-Aufnahmen und regionale Unterschiede können berücksichtigt werden.

Impfpflicht wäre die einfachste Lösung

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Was Politiker im Wahlkampf scheuen wie der Teufel das Weihwasser, ist vielleicht die einfachste Option, um ohne Umwege ans Ziel zu kommen: eine Impfpflicht. Es wäre nicht die erste in Deutschland (etwa Pocken, Diphtherie) und daher durchaus machbar. Die dauerhafte Bedrohung durch das Virus und seine Mutationen seien ein hinreichender Grund für eine Impfpflicht, sagte der Philosoph Markus Gabriel dem ZDF. "Mit dem klaren Ziel: Wenn jeder Mensch sein Impfangebot wahrgenommen hat, werden alle Pandemie-Maßnahmen beendet."

Das sind nur Beispiele, tatsächliche Entscheidungen mögen völlig unterschiedlich und viel komplizierter ausfallen. Aber sie müssen möglichst bald getroffen werden. Mit auf nichtssagenden Inzidenzen basierenden unverständlichen Regeln rettet man sich nicht ins Ziel. Die Menschen brauchen klare Perspektiven, dann halten sie auch wie im Frühjahr 2020 zusammen und machen mit - bis ins Ziel.

Quelle: ntv.de

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