Politik

11. September und War on Terror 9/11 riss die Welt in eine Spirale des Todes

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Auch eine Folge der Kriege gegen den Terrorismus: Ein Mann flieht 2017 mit seiner Tochter vor der Terrormiliz Islamischer Staat bei Kämpfen in Mosul, Irak.

(Foto: REUTERS)

Die Flammen des 11. Septembers lodern noch immer: Als Folge des Terroranschlags rufen die USA 2001 den Krieg gegen den Terrorismus aus. Die Welt verändert sich für immer, unglaubliches Leid ist das Ergebnis. Und nicht nur in Afghanistan scheitert die Mission.

Innerhalb von weniger als 80 Minuten an einem Dienstagmorgen im Spätsommer 2001 veränderte sich die Welt für immer. An diesem 11. September erlebten die Vereinigten Staaten von Amerika den tödlichsten Terroranschlag ihrer Geschichte. 19 Al-Kaida-Terroristen entführten vier für die Westküste bestimmte Passagierflugzeuge, zwei crashten sie in die Türme des World Trade Centers in New York City (8.46 und 9.03 Uhr Ortszeit) und eines ins Pentagon (9.37 Uhr). Die vierte Maschine stürzte auf ein Feld in Shanksville, Pennsylvania (10.03 Uhr), nachdem Passagiere das Cockpit gestürmt und versucht hatten, die Terroristen zu überwältigen.

Etwa 3000 Menschen wurden bei den Anschlägen getötet. Während die US-Bürger litten und versuchten, die Tragödie zu verstehen, machte sich die Regierung des damaligen Präsidenten George W. Bush daran, einen Krieg vorzubereiten. Ein Krieg, der nicht einfach gegen eine Dschihadistengruppe, ein Land oder eine Armee geführt werden sollte. Ein Krieg gegen den Terror. Weltweit.

Das unmittelbare Ziel: Al-Kaida, die Terrororganisation, die für die Anschläge jenes Dienstagmorgens verantwortlich war. Doch schon am Abend des 11. Septembers machte Bush deutlich, dass die Vergeltung weitaus größer ausfallen würde. "We will make no disctinction between those who planned these acts and those who harbor them", sagte der damalige US-Präsident. "Wir werden keinen Unterschied machen zwischen denen, die diese Taten geplant haben, und denen, die die Täter beherbergen." Und er schickte gleich noch eine Warnung an alle Nationen hinterher: "Entweder ihr seid auf unserer Seite oder ihr seid auf der Seite der Terroristen".

Abu Ghraib, Guantánamo, Drohnen

Auf der Grundlage dieser als Bush-Doktrin bekannten Aussage begann am 7. Oktober 2001, weniger als einen Monat nach den Anschlägen, die "Operation Enduring Freedom" in Afghanistan, um die Taliban zu stürzen, die Al-Kaida Zuflucht gewährt hatten. Und damit der War on Terror, der bis heute mehr als 900.000 Menschen das Leben gekostet hat. Darunter knapp 400.000 Zivilisten, viele Soldaten, Hilfsarbeiter oder Journalisten. Diese Zahlen berücksichtigen allerdings nicht die vielen indirekten Todesfälle, die der Krieg gegen den Terror durch Krankheiten, Vertreibung, unsichere Lebensumstände und den Verlust des Zugangs zu Nahrungsmitteln oder sauberem Trinkwasser verursacht hat. Die psychischen Folgen für ganze Generationen in den Kriegsgebieten sind kaum erfassbar.

Der Feind lauerte aus Sicht der USA nicht nur in Afghanistan. Der Feind sei der Terrorismus selbst. Den wolle er "ausrotten", erklärte George W. Bush. Sein War on Terror wuchs somit zum globalen Krieg an, die USA führten und führen Missionen zur weltweiten Terrorismusbekämpfung in mehr als 85 Ländern aus. Diese brachten nicht nur den ursprünglichen Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten (unter anderem Deutschland) in Afghanistan, die Folterung von Gefangenen und die Inhaftierung von mutmaßlichen Verdächtigen in sogenannten Black Sites wie Abu Ghraib und im berüchtigten Gefängnis in Guantánamo Bay mit sich, sondern auch weitere Kriege.

Der Apparat mit unklarer internationaler Legalität und dokumentierten Menschenrechtsverletzungen setzte sich auf ähnliche Art und Weise auch im Drohnenkrieg der USA in Pakistan, Somalia und im Jemen fort. Dort fliegt vor allem die CIA seit 2004, schon unter Bush aber intensiviert seit Barack Obama, geheime Angriffe abseits von Kriegsrecht und Sichtbarkeit. Bei diesen verdeckten Bombenkampagnen wurden bisher Tausende von Menschen gezielt und in Form von Kollateralschaden umgebracht. Bushs nächster großer Krieg nach Afghanistan folgte aber schon. Zusammen mit Großbritannien, Australien und Polen griffen die USA Irak an, um das autoritäre Regime Saddam Husseins zu stürzen.

"Insgesamt ein Desaster"

Die Begründung der Bush-Regierung für den Krieg stützte sich zu einem großen Teil auf die später als falsch erwiesenen Behauptung, der Irak führe Beziehungen mit Al-Kaida, der für den 11. September verantwortlichen Terrorgruppe. Konträr zu den Zielen der Westmächte waren aber gerade ihr Einmarsch, der Bürgerkrieg nach dem Zusammenbruch des Hussein-Regimes und die Aushöhlung des irakischen Militärs die Wurzel für die Erstarkung von Al-Kaida vor Ort. Der Abzug der US-Truppen 2011 kreierte ein Vakuum, das den selbsternannten Islamischen Staat (IS) hervorbrachte. Nachdem der IS den Irak und Syrien mit Terror übersäte und große Teile beider Staaten eingenommen hatte, ist er heute in stark geschwächter Form immer noch eine Bedrohung für die Menschen und die Stabilität vor Ort und seine Ideologie lebt in Kämpfern in vielen Regionen der Erde weiter.

Auch Al-Kaida mutierte nach 9/11 zu einem immer internationaler werdenden Terrornetzwerk. Heute ist die Gruppierung zwar nur noch ein Schatten ihres früheren Selbst und seit der Tötung ihres Gründers Osama bin Laden 2011 durch US-Truppen agiert sie eher dezentralisiert. Doch besiegt ist Al-Kaida nicht, auch in Afghanistan gibt es weiterhin Kämpfer. Das Netzwerk passte sich an und fungiert heute als eine Art Berater und Unterstützer für Dschihadisten auf der ganzen Welt.

Die USA mussten sich mit der Zeit eingestehen, dass die Bedrohung durch den islamistischen Extremismus nicht neutralisiert, sondern durch ihre Terrorismusbekämpfung noch diffuser wurde. Der preisgekrönte Journalist Bob Woodward zitierte bereits 2010 in seinem Buch "Obamas Kriege" den ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama mit den Worten: "Was Sie gesehen haben, ist eine Metastasierung von Al-Kaida, wo eine Reihe von lose verbundenen Gruppen jetzt die Fähigkeit und den Ehrgeiz haben, zu rekrutieren und für Angriffe zu trainieren, die vielleicht nicht das Ausmaß von 9/11 haben, aber offensichtlich immer noch außergewöhnlich sein können."

Diese Metastasierung beschrieb Grünen-Politiker Winfried Nachtwei im Gespräch mit ntv.de für einen früheren Artikel zu Afghanistan als "Hydra". Und der globale Krieg gegen den Terrorismus habe zur "Ausbreitung" eben jener beigetragen. Der Verteidigungsexperte, der als Bundestagsabgeordneter den Start des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan begleitete, resümierte anschließend: "Der War on Terror war insgesamt ein Desaster."

20 Jahren später sind die Taliban zurück

Natürlich dürfte die ursprüngliche Zerschlagung der terroristischen Zufluchtsstätten in Afghanistan weltweit Anschläge verhindert haben. Doch die Kriege der post-9/11-Zeit fungierten auch als Motivation für Terroristen. Als Nährboden für weitere Radikalisierung. Vor allem im gesamten Nahen Osten und in Teilen Asiens und Afrikas sind die Folgen des 11. Septembers nach wie in Form von Gewalt und Konflikten spürbar. Aber auch die Anschläge in Istanbul 2003 (Al-Kaida), Madrid 2004 (Orientierung an Al-Kaida), Mumbai 2008 (Al-Kaida), auf die Redaktion der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo 2015 (Al-Kaida), Paris 2015 (IS), Brüssel 2016 (IS) oder Manchester 2017 (IS) waren zum Teil Nachwirkungen von 9/11 und des War on Terror.

80 Minuten vor genau 20 Jahren haben die Welt verändert und unglaublich viel Leid verursacht. Am 11. September 2001 schaute die Welt schockiert zu, wie die Türme des World Trade Centers in Flammen aufgingen und zusammenkrachten und Menschen sich in den Tod herausstürzen mussten. Heute, zwei Dekaden später, sah sie mit Besorgnis, wie der Militäreinsatz in Afghanistan zu einem blutigen und chaotischen Ende kam und die seit 2013 immer stärker gewordenen Taliban wieder das komplette Land regieren. Mission gescheitert: Einen sicheren Staat, der keine Terroristen beherbergt, haben die Afghanen nicht. Im Gegenteil. Der von den USA geführte Krieg gegen den Terror und die deutsche Beteiligung daran bedürfen deshalb weiter kritischer Aufarbeitung.

Die Folgen jenes Dienstagmorgens im Spätsommer und der anschließenden Kriegsspirale mit unzähligen Toten, Verletzten und Schicksalen - sie sind noch immer nicht komplett absehbar und werden lange, wohl für immer, spürbar sein. Die Flammen des 11. Septembers lodern noch immer.

Quelle: ntv.de

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