Politik

20 Jahre Haft - fürs Erste Abdeslam ist lange noch nicht erledigt

Der letzte noch lebende Attentäter muss 20 Jahre in Haft, allerdings nicht wegen des Anschlags mit 130 Toten. Der Prozess folgt noch – und dürfte vermutlich schwierig werden.

März 2016: Belgien und Frankreich sind im Ausnahmezustand, Tausende Polizisten suchen nach dem mutmaßlichen Terroristen Salah Abdeslam und möglichen Komplizen. 123 Tage zuvor hatten Islamisten in Paris 130 Menschen ermordet. Abdeslam soll beteiligt gewesen sein. Immer wieder kommt es in dieser Zeit zu Hausdurchsuchungen, auch am 15. März 2016 im Brüsseler Stadtteil Forest im Süden der Stadt. Eigentlich gehen die Beamten einer Spezialeinheit der belgischen Polizei davon aus, dass die Wohnung leer steht. Doch als sie sich dem Eingang nähern, schlägt ihnen durch die Haustür ein Kugelhagel entgegen. Drei Polizisten werden verletzt, in der Wohnung stirbt ein Algerier an seinen Schussverletzungen. Mit Sperrfeuer hat er seinen Komplizen zur Flucht über das Dach des Gebäudes verholfen. Einer von ihnen ist Abdeslam.

Seine Rolle beim schwersten Anschlag der französischen Nachkriegsgeschichte ist noch nicht völlig geklärt und wird Gegenstand eines Prozesses in Paris sein. Der wird beginnen, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind, vermutlich im Jahr 2019. Nun wurde Abdeslam zunächst dafür verurteilt, dass auch er am 15. März 2016 durch die Haustür der Brüsseler Wohnung auf Polizisten geschossen haben soll. Das Brüsseler Gericht verurteilte ihn und seinen mutmaßlichen Komplizen Sofien Ayari, der nach der Schießerei mit ihm über das Dach geflohen sein soll, zu 20 Jahren Haft. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass es sich bei den Schüssen durch die Wohnungstür in Brüssel-Forest um ein terroristisches Attentat gehandelt habe. Deswegen die hohe Strafe – obwohl es ja "nur" um einen Mordversuch ging.

Hat Abdeslam in Paris gemordet?

Sollte sich beim Prozess in Paris herausstellen, dass Abdeslam bei den Anschlägen vom Dezember direkt gemordet hat, droht ihm dort zusätzlich eine lebenslange Freiheitsstrafe. In Frankreich bedeutet das: mindestens 18 Jahre Gefängnis, bei schweren Fällen 30 Jahre. Erst dann kann eine Aussetzung zur Bewährung geprüft werden. Im wahrscheinlichen Fall einer Verurteilung in Paris müsste er zunächst seine Strafe in Frankreich absitzen, anschließend die 20-jährige Haft in Belgien.

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Am 18. März nehmen Polizisten Salah Abdeslam im Brüsseler Stadtteil Molenbeek fest. Vier Tage später schlägt die Brüsseler Terrorzelle zu und ermordet 32 Menschen.

(Foto: AP)

Doch die Frage, ob Abdeslam unmittelbar gemordet hat, ist eben noch unklar. Als unbestreitbar gilt, dass Abdeslam die Infrastruktur für die Anschläge bereitgestellt hat. Er soll einen schwarzen VW Polo angemietet haben, der vor der Pariser Konzerthalle Bataclan gesehen wurde, wo mindestens 89 Menschen ermordet wurden. Gut möglich, dass Abdeslam die Attentäter dort hingefahren hat. Außerdem soll er die drei Männer zum Stade de France gefahren haben, die sich dort mit Sprengstoffwesten in die Luft gesprengt haben. Während beider Fahrten wurde aus den Fahrzeugen geschossen, mehrere Menschen kamen durch die Schüsse ums Leben. Ob allerdings auch Abdeslam abgedrückt hat, ist ebenso unklar wie die Frage, ob er auch Sprengstoff und Waffen für das Blutbad beschafft hat.  

Ein Bekannter Abdeslams soll gegenüber der Polizei ausgesagt haben, Abdeslam habe nach dem Anschlag damit geprahlt, Menschen aus dem fahrenden Auto erschossen zu haben. Es gibt außerdem Berichte, wonach Abdeslams Fingerabdrücke auf den Magazinen der Schnellfeuergewehre gefunden wurden, die die Polizei in den beiden Autos sicherstellte. Beides ist bisher jedoch unbestätigt und wird wohl Gegenstand des Prozesses in Paris sein.

Gesprächig "wie ein leerer Aschenbecher"

Wie schnell die Fragen nach Abdeslams Rolle bei den Anschlägen von Paris geklärt werden, hängt auch davon ab, wie kooperativ sich der Islamist im Prozess zeigt. Diesbezüglich war die Verhandlung in Brüssel ausgesprochen zäh. Schon bei der Prozesseröffnung lehnte er es ab, sich zu erheben und kündigte an, die Fragen der Justiz nicht zu beantworten. Wenig später erklärte einer seiner Anwälte, Abdeslam sei gesprächig "wie ein leerer Aschenbecher". Niemand rechnet damit, dass Abdeslam im Pariser Prozess gesprächsfreudiger sein wird. Für die Opfer und Angehörigen der Anschläge von Paris ist Abdeslams Schweigen freilich eine Qual. Seit mehr als zwei Jahren warten sie auf die Aufarbeitung der Geschehnisse vom Dezember 2015.

Mit dem Zugriff am 15. März hat die Spezialeinheit der Polizei das belgisch-französische Terrornetzwerk aufgescheucht. Abdeslam und dem jetzt ebenfalls verurteilten Ayari gelang zwar zunächst über die Dächer die Flucht, doch die Polizei blieb ihnen eng auf den Fersen. Kurz danach telefonierten sie mit einem Komplizen, dessen Handy von der Polizei bereits überwacht wurde. Drei Tage später wurde Abdeslam festgenommen. Einer der Ermittler erinnerte sich beim belgischen Sender BRF rund ein Jahr später: "Nach der Festnahme Abdeslams herrschte ein doppeltes Gefühl bei uns vor. Einerseits waren wir erleichtert. Auf der anderen Seite war jedem bewusst, dass andere Terrorzellen genau jetzt aktiv werden könnten."

Und so kam es dann auch. Nur vier Tage nach der Festnahme, am 22. März 2016 sprengten sich in Brüssel drei Attentäter in die Luft und töteten 32 Menschen, mehr als 300 wurden verletzt. Wie aus Verhörprotokollen hervorgeht, waren die Terroristen in Panik geraten, Abdeslam könne in Haft auspacken. Die eigentlich für die Fußball-EM im Juni in Frankreich geplanten Anschläge werden vorverlegt.

Ausgepackt hat Abdeslam allerdings bis heute nicht.

Quelle: n-tv.de

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