Politik
Montag, 11. Januar 2010

Deutschland verliert Ansehen: Afghanen wieder optimistisch

Eine große Mehrheit der Afghanen blickt erstmals seit Jahren wieder positiv in die Zukunft: 70 Prozent sehen ihr Land derzeit auf dem richtigen Weg. Zudem schwindet der Rückhalt für die Gewalt der Taliban auf ein Rekordtief. Allerdings sinkt das Ansehen Deutschlands seit dem umstrittenen Luftangriff deutlich.

Hoffnung steigt: Eine Mehrheit glaubt, dass es nächstes Jahr noch besser wird.
Hoffnung steigt: Eine Mehrheit glaubt, dass es nächstes Jahr noch besser wird.(Foto: REUTERS)

Das Ansehen Deutschlands in Afghanistan hat sich nach dem von der Bundeswehr angeordneten Luftangriff bei Kundus mit zahlreichen zivilen Opfern spürbar verschlechtert. Dies geht aus einer repräsentativen Umfrage unter 1554 Afghanen hervor, die vom WDR und der ARD in Zusammenarbeit mit dem US-Sender ABC und der britischen BBC erhoben wurde. In den Provinzen des Nordens und Nordostens, wo die Einsatzgebiete der Bundeswehr liegen, sank der Anteil derer, die ein positives Bild von Deutschland haben, demnach um elf Punkte auf 63 Prozent. Der Anteil der Afghanen mit einem negativen Bild von Deutschland stieg um 17 Punkte auf 31 Prozent.

Eine Kriegspartei unter vielen: Die Bundeswehr hat ihre Sodnerrole verloren.
Eine Kriegspartei unter vielen: Die Bundeswehr hat ihre Sodnerrole verloren.(Foto: picture alliance / dpa)

Insgesamt aber blickt eine große Mehrheit der Afghanen trotz anhaltender Gewalt, Armut und anderer drängender Probleme erstmals seit Jahren wieder optimistisch in die Zukunft. 70 Prozent der Menschen sehen der Umfrage zufolge ihr Land auf dem richtigen Weg. Das ist ein Anstieg um 30 Punkte gegenüber einer Untersuchung vor einem Jahr. Zudem sind ebenso viele Afghanen sind überzeugt, dass es ihnen im nächsten Jahr besser gehen wird. Mit Blick auf die langfristige Zukunft glauben 61 Prozent der Befragten (plus 14 Punkte), dass es ihre Kinder einmal besser haben werden.

Sicherheit im Norden nimmt ab

"Deutschland wird zunehmend als ganz normaler Teil der Kriegsrealität wahrgenommen", sagte der stellvertretende WDR-Auslandschef Arnd Henze. Er führte den Ansehensverlust Deutschlands auf die "innerafghanische Debatte um die zivilen Opfer bei dem Luftangriff auf die beiden Tanklastzüge in Kundus" Anfang September zurück.

40 Prozent der Befragten im Verantwortungsbereich der Bundeswehr gaben an, das Bemühen der NATO-geführten Internationalen Schutztruppe ISAF, zivile Opfer zu vermeiden, habe abgenommen. Die zunehmend angespannte Sicherheitslage in der Provinz Kundus spiegelt sich auch in der Erhebung wieder: Beschrieben vor einem Jahr noch 72 Prozent in den nordöstlichen Provinzen ihre Sicherheitslage als positiv, so sank der Wert inzwischen auf 43 Prozent (minus 29 Punkte). Er liegt damit erstmals unter dem Landesdurchschnitt.

Rückhalt für Karsai

Überraschenderweise sind drei Viertel der Befragten trotz der Unregelmäßigkeiten bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen August mit der Wiederwahl von Präsident Hamid Karsai zufrieden. Ebenso groß ist der Anteil der Afghanen, die eine starke Präsenz ausländischer Hilfsorganisationen am Hindukusch wünschen.

"Der Gewalt überdrüssig": Afghanische Frauen in Kabul.
"Der Gewalt überdrüssig": Afghanische Frauen in Kabul.(Foto: REUTERS)

Kaum noch Rückhalt gibt es für die vor allem von den radikalislamischen Taliban verübten Anschläge auf ausländische Soldaten. Hielt noch vor einem Jahr jeder Vierte solche Anschläge für gerechtfertigt, so sank der Wert in der aktuellen Umfrage auf acht Prozent. "Die Afghanen sind der Gewalt in ihrem Lande überdrüssig", sagte Henze. Sie seien "entschlossen, den Kreislauf von Gewalt und Vergeltung für zivile Opfer zu durchbrechen." Der Plan von US-Präsident Barack Obama, die Truppenpräsenz befristet aufzustocken, wird von rund 60 Prozent der Befragten unterstützt.

Probleme bleiben

Allerdings sehen die Afghanen in vielen Einzelbereichen noch erhebliche Probleme, insbesondere bei der medizinischen Versorgung (52 Prozent) und beim Zugang zu sauberem Wasser (64 Prozent).

Mit Blick auf die Afghanistan-Konferenz in London am 28. Januar sagte WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn: "Die Konferenz sollte nicht unter der falschen Annahme stattfinden, dass sich in Afghanistan eh nichts zum Besseren wenden kann und es nur noch darum geht, schnell herauszukommen."

Die Umfragewerte wurden bei ausführlichen Interviews mit fast einhundert Fragen durch das Afghan Center for Socio-Economic and Opinion Research (ACSOR) in Kabul ermittelt.

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Quelle: n-tv.de

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