Politik

"Es wird Hass geschürt" Ahmad Mansour: Manche werden von der Türkei mobilisiert

Teilnehmer der Demonstration verschiedener palästinensischer Gruppen gehen durch Neukölln. Foto: Fabian Sommer/dpa/Archivbild

Bei einer Anti-Israel und Pro-Palästina-Demonstration in Berlin-Neukölln eskalierte am Samstag die Gewalt.

(Foto: Fabian Sommer/dpa/Archivbild)

Brennende Israel-Flaggen, Angriffe auf Synagogen und judenfeindliche Parolen: Am Wochenende wurden mehrere deutsche Städte zum Schauplatz von Antisemitismus. Schuld daran sei nicht nur eine versäumte Integrationspolitik, sagt Psychologe Ahmad Mansour im Interview mit ntv.de. Er sieht auch muslimische Verbände als Teil des Problems.

ntv.de: Selten tritt Judenhass in Deutschland so aggressiv und sichtbar in Erscheinung wie bei den Demonstrationen gegen Israel der letzten Tage. Als wie gefährlich stufen Sie diese antisemitischen Taten ein?

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Ahmad Mansour ist Diplom-Psychologe und Autor aus Berlin. Geboren 1976 in Kfar Saba besitzt er die israelische und die deutsche Staatsangehörigkeit. 2015 erschien sein Buch "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen". Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.

(Foto: Heike Steinweg)

Ahmad Mansour: Als sehr gefährlich - aber nicht nur für die Juden, sondern auch für uns als demokratische Gesellschaft, unsere Grundprinzipien und unsere Werte. Das führt zur Polarisierung und zeigt eigentlich, dass wir bei der Integrationsarbeit viel nachzuholen haben. Auf der anderen Seite haben wir in den letzten Jahren auch Terroranschläge gegen Juden in Europa erlebt, wie auf den Koscher-Supermarkt in Paris oder das jüdische Museum in Brüssel. So etwas ist für eine Demokratie unerträglich und führt zur weiterer Radikalisierung, weil die Radikalen das für sich beanspruchen und damit mehr Jugendliche instrumentalisieren und für ihren Nutzen missbrauchen.

Wer sind die Menschen auf den antisemitischen Demonstrationen? Sind es hauptsächlich wütende palästinensische Jugendliche oder kann man noch mehr zu Alter oder Herkunft sagen?

Zunächst einmal ist Antisemitismus herkunftsübergreifend. Dazu kommen Verschwörungstheoretiker und Querdenker mit antisemitischen Einstellungen. Auf die Demos sind viele verschiedene Menschen gekommen. Ich beobachte leider viele Flüchtlinge, Menschen palästinensischer Herkunft sowie türkischstämmige Menschen. Manche von ihnen leben seit Generationen hier und wurden von der Politik in der Türkei teilweise indirekt mobilisiert. Man findet auf den Demos aber auch Linksradikale, die solche Situationen nutzen, um Israel weiter zu dämonisieren. Es ist also eine Ansammlung von unterschiedlichen Gruppierungen.

Rechte Gruppen wird man zwischen den Muslimen wahrscheinlich nicht finden, obwohl die im vergangenen Jahr für die meisten antisemitischen Straftaten verantwortlich waren, oder?

In diesem Fall nicht, obwohl es Israel-Hass natürlich unter Rechten gibt. Der Kampf der Palästinenser gegen Israel wird vor allem unter Neo-Nazis und klassischen Rechten gefeiert und unterstützt. Für die neuen Rechten sind Muslime, die antisemitisch sind, natürlich ein gefundenes Fressen um ihr ideologisches Weltbild bestätigen zu lassen.

Woher kommt der Judenhass bei muslimischen Jugendlichen?

Der hat mehrere Gründe: zum einen die sehr emotionalisierten Bilder, die in Israel-Palästina entstanden sind. Aber auch durch die geopolitische Lage in der Türkei wurden dort Kampagnen gegen Israel in dem Konflikt genutzt. Dazu kommen Moscheen, die eine sehr antisemitische religiöse Haltung verbreiten und diese auch unterstützen. Vor allem aber merkt man das in sozialen Medien: Dort werden Aussagen und Bilder von vermeintlichen Vorbildern unreflektiert weiterverbreitet, Hass geschürt und sehr emotionalisierte Bilder und Halbwahrheiten vermittelt. Die treffen bei Jugendlichen, die schon eine Grundablehnung gegen Israel haben, auf fruchtbaren Boden.

Die antisemitischen Demos entflammen gerade wieder eine Debatte darüber, ob man in der Integrations- und Migrationspolitik stärker auf deutsche Werte eingehen müsste. Wurde da bei der Integrationspolitik etwas versäumt?

Ja, definitiv. Beim letzten Gazakrieg 2014 habe ich viele Interviews gegeben, als es ebenfalls in Deutschland zu massiven antisemitischen Demonstrationen gekommen ist. Danach gab es sehr viele Politiker, die ganz deutlich gesagt haben, dass das in Deutschland nichts zu suchen hat. Aber seitdem ist an Konzepten, Integrations- und Bildungsarbeit, die genau solche Themen behandeln, nicht viel passiert.

Nun sind es wieder die Politiker, die genau das fordern. Ist es naiv zu denken, dass sich muslimische Einwanderer stärker der deutschen Vergangenheit und der Beziehung zu Israel und Jüdinnen und Juden bewusst werden sollten?

Es geht nicht um die Vergangenheit. Es geht um die Gegenwart und die Zukunft. Wer Teil dieser Gesellschaft sein will, muss nicht Israel kritiklos gegenüberstehen oder akzeptieren, was die Politik macht. Ich bin arabischer Israeli und Deutscher, ich kritisiere die Politik auch viel, aber ich bin in der Lage, auch Hamas als Terrororganisation zu kritisieren. Was ich erwarte ist, wer zu dieser Wertegemeinschaft gehören will, muss natürlich die Existenz Israels akzeptieren und seine antisemitischen Bilder aufgeben, um als integriert zu gelten. Das hat mit der Last der Vergangenheit nichts zu tun, sondern mit der Mitgestaltung einer Zukunft in Deutschland. Das trifft genauso die Jugendlichen, die nicht Teil des Zweiten Weltkriegs waren und auch sagen, sie haben keine Verantwortung zu tragen. Man hat nicht mitgemacht, aber man trägt trotzdem eine Verantwortung für die Zukunft.

Der Ex-Präsident des BND, Gerhard Schindler, sagt, dass man dem Problem mit mehr Abschiebungen begegnen müsste. Auch Politiker wie Ralph Brinkhaus sagen, wer jüdisches Leben in Deutschland nicht schützt, hat sein Gastrecht hier verloren. Glauben Sie, dass Abschiebungen Teil der Lösung sind?

Leider haben wir immer eine Debatte, die diese eindimensionalen Lösungen anbietet. Man denkt, damit sei alles getan. Ich finde es richtig zu sagen, wer antisemitische Einstellungen hat und sie in der Öffentlichkeit so deutlich vertritt, muss mit Konsequenzen rechnen - meinetwegen auch mit Abschiebung. Aber damit werden wir das Problem nicht lösen.

Sondern?

Es gibt genug deutsche Staatsbürger, die eine antisemitische Einstellung haben, aber es nicht so deutlich in der Öffentlichkeit zeigen. Und diese Menschen müssen wir erreichen. Wir müssen alles dafür tun, das in unser Bildungssystem und Integrationskurse zu integrieren, um die Menschen zu gewinnen - denn wir haben was anzubieten. Die Menschen sind von Hass und Hetze zu uns gekommen, um hier eine bessere Zukunft zu haben. Da müssen wir gut pädagogisch vermitteln, dass, wenn wir hier in Frieden leben wollen, Antisemitismus nicht geduldet wird.

Sollten muslimische Institutionen und Moscheen in Deutschland mehr Verantwortung übernehmen und sich mehr gegen Judenhass positionieren?

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Sie haben noch nie Verantwortung übernommen, nicht beim Thema Radikalisierung und auch nicht beim Thema Antisemitismus. Da spreche ich vor allem von den politischen Verbänden. Die Moscheen könnten nächste Woche etwas Großartiges tun, wenn sie das Thema wirklich ernst nehmen, beispielsweise das Thema Israels Existenzrecht ansprechen: Man darf Israel kritisieren, aber man muss das akzeptieren. Das wird nicht getan und deswegen sehe ich Moscheen als Teil des Problems und nicht als Teil der Lösung.

Mit Ahmad Mansour sprach Vivian Micks

Quelle: ntv.de

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