Politik

Heute vor 30 Jahren Als der Eiserne Vorhang löchrig wurde

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Die Außenminister Österreichs und Ungarns, Alois Mock (l.) und Gyula Horn, durchtrennen am 27. Juni 1989 in einem symbolischer Akt ein Stück des Eisernen Vorhangs. Bilder vom 2. Mai 1989 liegen leider nicht vor.

(Foto: picture alliance / dpa)

Am 2. Mai 1989 beginnt Ungarn mit dem Abbau seiner Anlagen an der Grenze zu Österreich. Für viele DDR-Bürger hat diese Maßnahme eine Signalwirkung - sie kehren ihrem Staat den Rücken. Das SED-Regime steht dieser Situation ohnmächtig gegenüber.

Franz Vranitzky gibt sich noch im Nachhinein überrascht: Er habe im Mai 1989 nicht erwartet, dass ein paar Monate später der Ostblock zusammenbricht, sagt der ehemalige österreichische Bundeskanzler rückblickend auf die Ereignisse in dieser Zeit. Dabei wird gerade im Wonnemonat vor 30 Jahren ein wichtiger Grundstein für eine dramatische politische Wende in Europa gelegt. Es wird nämlich damit begonnen, ein wichtiges Hindernis, das Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges trennt, einzureißen.

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Franz Vranitzky war von 1986 bis 1997 österreichischer Bundeskanzler.

(Foto: imago/Eibner Europa)

Am 2. Mai beginnt das damals noch zum sowjetischen Machtbereich gehörende Ungarn mit dem Abbau der Anlagen an der Grenze zu Österreich. Eigentlich war das gar nicht geplant, denn diese sollte saniert werden, weil das 1965 installierte sowjetische Sicherheitssystem sich zunehmend als anfällig erwies. Doch knapp ein Vierteljahrhundert später gibt es vom "großen Bruder" keine Ersatzteile mehr für das anfällige Signalsystem, das bei jeder Bewegung von Wildtieren anspringt und die ungarischen Grenzeinheiten permanent in Alarmbereitschaft versetzt.

Also muss eine große Lösung her, und die ist teuer - zu teuer für die leere ungarische Staatskasse. Zudem sind in Budapest politisch die Weichen in Richtung Reformen gestellt, der geplante wirtschaftliche Umbruch und die damit verbundene soziale Abfederung kosten Unsummen. Also lässt die Regierung des jungen Ministerpräsidenten Miklos Nemeth die Grenzanlagen kurzerhand abreißen. Er spart damit Geld und für die Ungarn, die zu diesem Zeitpunkt bereits Reisefreiheit genießen, ist eine geschlossene Grenze zu Österreich ohnehin nicht mehr notwendig. Gleichzeitig kann die reformkommunistische Regierung Nemeth mit dieser Geste der Entspannung auf größere finanzielle Hilfe aus dem Westen hoffen.

Die ersten DDR-Bürger fliehen

Das Ende des Ostblocks

Die Jahre 1989 und 1990 stehen für den politischen Umbruch in Osteuropa. Wichtige Ergebnisse sind das Ende des Kalten Krieges sowie der Teilung Deutschlands und Europas. In einer losen Reihe beleuchtet n-tv.de die Ereignisse von vor 30 Jahren.

Von der Öffentlichkeit damals kaum zur Kenntnis genommen, wird bereits am 18. April 1989 in der Nähe von Györ ein kleines Stück aus dem Eisernen Vorhang entfernt. Für Österreichs Kanzler Vranitzky kommt diese Maßnahme nicht unerwartet, denn der Sozialdemokrat ist von Nemeth bereits im Februar 1989 auf die bevorstehenden Änderungen an der gemeinsamen Grenze vorbereitet worden.

Doch für viele DDR-Bürger, die in Ungarn Urlaub machen, haben die Berichte über das Ereignis vom 2. Mai eine große Signalwirkung. Die ersten von ihnen ergreifen die Gelegenheit zur Flucht. Wenig später sind es mehr als 100 Ostdeutsche, die täglich ihrem Staat auf diese Weise den Rücken kehren. Allerdings haben die ungarischen Grenzeinheiten zu diesem Zeitpunkt noch die Weisung, Flüchtlinge festzusetzen. Sie werden zurück in die DDR geschickt. Viele von ihnen landen in ihrer Heimat im Gefängnis.

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Miklos Nemeth und Helmut Kohl im Dezember 1989 in einem Budapester Café.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Während die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl auf die Veränderungen des österreichisch-ungarischen Grenzregimes vorbereitet ist - laut Vranitzky gab es eine enge Abstimmung zwischen Budapest, Wien und Bonn - trifft die DDR-Führung die Maßnahme des Verbündeten unvorbereitet. Bei allem politischen Starrsinn erkennt Staats- und SED-Chef Erich Honecker frühzeitig, dass die DDR in Gefahr ist, beruht doch die Existenz des zweiten deutschen Staates auf dem Vorhandensein des Eisernen Vorhangs.

Moskau unternimmt nichts

Entsprechend hektisch versuchen die Machthaber in Ost-Berlin, die Sowjetunion dafür zu gewinnen, die ungarische Führung in die Schranken zu weisen. Doch anders als beim ungarischen Volksaufstand 1956 unternimmt Moskau diesmal nichts. KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow hat Mühe, sein eigenes Land zusammenzuhalten. Und die Budapester Verantwortlichen um Nemeth, Parteichef Károly Grósz, Außenminister Gyula Horn und Politbüromitglied Imre Poszgay machen nichts anderes, als dem Russen in ihrem Land auf seinem Reformweg zu folgen. Sie gehen sogar weiter. Am 22. März lassen sie einen "Runden Tisch der Opposition" zu, um den sich Sozialdemokraten, Liberale, Konservative, Nationalisten und andere versammeln.

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Michail Gorbatschow: "Das sind gute Leute."

(Foto: imago/Rainer Unkel)

Die sowjetische Führung um Gorbatschow weiß, dass Ungarn durch seinen jahrelangen konsumorientierten "Gulaschkommunismus", der auf Pump finanziert wurde, finanziell am Ende ist. Bereits Anfang der 1980er-Jahre war das Land praktisch bankrott, nur westliche Kredite hielten es am Leben. Mit ihrer Reformpolitik, die eine Abkehr von der rigiden Planwirtschaft hin zur Marktwirtschaft vorsieht, will die Regierung Nemeth noch mehr westliche Devisen nach Ungarn holen.

Gorbatschow hegt Sympathie für die ungarischen Reformkommunisten. Helmut Kohl sagte einmal in einem TV-Gespräch, dass er im Frühjahr 1989 mit dem Kremlchef über die ungarische Führung gesprochen habe. Gorbatschow habe dem Bundeskanzler gesagt: "Das sind gute Leute." Gorbatschow trägt sich - anders als seine Vorgänger im Kreml - nicht mit dem Gedanken, oppositionelle Bewegungen in den europäischen Satellitenstaaten mit militärischen Mitteln zu unterdrücken. Die reformunwillige SED-Spitze blitzt also mit ihrem Ansinnen, die Ungarn zu disziplinieren, in Moskau ab.

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DDR-Bürger bei ihrer Ankunft in Österreich.

(Foto: picture alliance / dpa)

So stehen die SED-Granden auf verlorenem Posten. Die Ungarn gehen sogar noch weiter: Am 27. Juni 1989 trennt Außenminister Horn gemeinsam mit seinem österreichischen Kollegen Alois Mock vor laufenden Kameras bei Sopron ein Stück aus dem Grenzzaun heraus. Mock spricht von einem "Fenster für die Zukunft". Ab jetzt reisen immer mehr DDR-Bürger in das Land von Puszta und Plattensee. Ab Ende Juli 1989 schickt Ungarn gefasste DDR-Bürger auch nicht mehr zurück, weil es nun Mitglied der Genfer Flüchtlingskonvention ist. Im August 1989 öffnen die Verantwortlichen in Budapest auch das Sperrgebiet an der Grenze. Spätestens ab diesem Zeitpunkt setzt der Sterbeprozess der DDR ein.

Quelle: n-tv.de