Politik

Helfer wird zum Täter - 13 Tote Amoklauf setzt USA unter Schock

Ein Militärpsychiater läuft Amok und schießt auf die, denen er eigentlich helfen soll. 13 Menschen sterben, 30 werden verletzt. Das ganze Land rätselt über die Motive, angeblich soll der Täter Angst vor dem Einsatz im Irak gehabt haben. Sein Cousin widerspricht und sagt, er litt unter der Diskriminierung als Moslem.

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Der Schock sitzt tief: Menschen vor dem Tor von Fort Hood, kurz nachdem die Nachricht vom Amoklauf bekannt geworden ist.

(Foto: AP)

Der Tag begann wie immer: Nidal Malik Hasan geht gegen 6.30 Uhr am frühen Morgen in den Seven-Eleven-Supermarkt im texanischen Killeen, um sich wie jeden Tag dort einen Kaffee und etwas zu essen vor seinem Dienstbeginn zu kaufen. Er ist auf dem Weg zum nahe gelegenen Armee-Stützpunkt Fort Hood, wo er als Militärpsychiater arbeitet. Bilder einer Überwachungskamera zeigen den 39-Jährigen in einem weißen Gewand, das traditionell von muslimischen Pilgern getragen wird. Hasan wirkt auf den Ladenbesitzer ganz normal - auf den Videobildern ist ein freundliches Lachen in seinem Gesicht zu erkennen. Nichts deutet darauf hin, dass er sieben Stunden später Amok laufen wird.

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Videobilder zeigen den Täter wenige Stunden vor dem Amoklauf beim Einkaufen.

(Foto: AP)

Gegen 13.30 Uhr Ortszeit (20.30 MEZ) wird Hasan zum Mörder. Der Armeepsychiater beginnt mit zwei Handfeuerwaffen auf die zu schießen, denen er als Arzt eigentlich helfen soll. In einem Gebäude, in dem Soldaten vor und nach Auslandseinsätzen medizinisch untersucht werden, eröffnet er das Feuer. 13 Menschen sterben, mindestens 30 werden verletzt - Hasan kann erst durch mehrere Schüsse gestoppt werden und wird schwer verletzt festgenommen.

Schüsse stoppen Täter

Es hätte noch schlimmer kommen können: Nicht einmal 50 Meter entfernt wollen in einem Auditorium rund 600 Angehörige Soldaten feiern, die gerade ihre College-Ausbildung abgeschlossen haben. Gerade noch rechtzeitig können Soldaten die Türen verrammeln.

Ein Land steht unter Schock. Mit Fort Hood geschah die Tat auf dem größten Militärstützpunkt der USA, einem Ort, der im Gegensatz zu den Kriegsschauplätzen im Irak und Afghanistan als sichere Heimat gilt. "Einige dieser Soldaten gehen in den Irak und überleben. Und dann kommen sie zurück und werden hier auf dem Stützpunkt erschossen. Dabei denkt man, dort sicher zu sein", sagt eine Anwohnerin dem "Houston Chronicle".

"Völlig verängstigt"

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Was hat ihn dazu veranlasst? Hasan auf einem Foto in seiner Uniform.

(Foto: AP)

Unter den Opfern sind Soldaten und Zivilisten. Nach einem Bericht des britischen "Telegraph" sollen einige Soldaten von ihren Vorgesetzten erschossen worden sein, als diese versuchten, Hasan aufzuhalten.

"Es herrschte totales Chaos", beschreibt ein Augenzeuge bei CNN die Situation vor Ort. Maria Treviño, die in Fort Hood im ärztlichen Zentrum arbeitet, telefonierte gerade mit dem Lagezentrum des Stützpunktes, als die ersten Schüsse fielen. "Sie fingen an zu schreien: 'Lasst ihn nicht rein, lasst ihn nicht rein, die schießen auf uns'", erzählt sie. "Ich betete, dass sie nicht verletzt werden. Es war schrecklich. Wir sind noch immer völlig verängstigt."

Arbeit mit traumatisierten Soldaten

Militärexperten bezeichneten die Tat bei CNN als schlimmsten Vorfall dieser Art in der US-Geschichte. Nun beginnt das Rätseln über die Motive des Täters und warum ausgerechnet ein Psychiater zum Amokläufer wurde. Dabei wird über zwei Motive spekuliert: Zum einen seine Arbeit als Militärpsychiater, zum anderen sein Glaube als Moslem.

Nidal Malik Hasan kam in den USA zur Welt, stammt aber aus einer palästinensischen Familie, die aus einer kleinen Stadt bei Jerusalem kommt. Er wuchs in Virginia auf und ging direkt nach seiner Schulzeit zur Armee. Dort besuchte er das College und ließ sich zum Psychiater ausbilden. Lange Zeit arbeitete er als Psychiater im renommierten Walter-Reed-Armee-Hospital in Washington, wo er sich um Soldaten kümmerte, die unter post-traumatischen Schocks leiden. Seit Juli war in Fort Hood stationiert, wo US-Soldaten auf ihre Einsätze in Afghanistan und dem Irak vorbereitet und auch wieder von dort empfangen werden.

Die "Washington Post" zitierte einen langjährigen Kollegen, der sagte, Hasan habe als Einzelgänger mit "ungewöhnlichem" Auftreten gegolten. Viele Kollegen hätten deshalb vermieden, ihm Patienten zu schicken.

Cousin drückt Trauer aus

Hasan war bislang nie selbst im Auslandseinsatz, doch durch seine Arbeit mit traumatisierten Soldaten bekam er hautnah mit, was es heißt, im Irak oder Afghanistan im Krieg zu sein. Und nun sollte er selbst nach Afghanistan versetzt werden. Diese Vorstellung, nun selbst in den Krieg geschickt zu werden, soll ihn zutiefst verängstigt haben. Der "New York Times" zufolge soll er alles unternommen haben, um seinen Einsatz zu verhindern.

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Mindestens 30 Menschen wurden verletzt, offenbar auch einige durch "Friendly Fire".

(Foto: AP)

Dem widerspricht allerdings sein Cousin Nadar Hasan. "Ich glaube nicht, dass er jemals vom Militärdienst desillusioniert war", sagte er dem Sender Fox News. Er sprach zugleich das Bedauern der Familie über die schreckliche Tat aus. Sie seien "schockiert und tief betrübt" über die Tat. "Wir sind voller Trauer für die Familien der Opfer", sagte er laut CNN.

Als Moslem diskriminiert?

Der Cousin glaubt vielmehr, dass Hasan unter Diskriminierungen als Moslem litt. Die "Washington Post" berichtete, er sei ein gläubiger Mensch gewesen und habe früher täglich gebetet. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 sei er wegen seines Glaubens immer wieder schikaniert worden. Hasan habe deshalb sogar versucht, seinen Militärdienst zu beenden: "Er nahm sich einen Militäranwalt, um das Problem zu lösen. Er wollte die Armee verlassen. Er hat alles versucht und wusste nicht mehr weiter", sagte sein Cousin bei CNN. Allerdings sei er mit seinen Bemühungen gescheitert und habe irgendwann aufgegeben.

Die Polizei versucht nun Licht in das Dunkel der Motive zu bringen und hat mit der Durchsuchung von Hasans Wohnung begonnen, um Hinweise auf seine Tat zu finden. Zudem untersucht die Bundespolizei FBI einen Blogeintrag im Internet, das möglicherweise von dem Täter stammt. Darin debattiert ein Mann, der sich Nidal Hasan nennt, über Selbstmordanschläge und vergleicht sie mit dem Heldentum eines Soldaten, der sich auf eine Granate wirft, um seine Kameraden zu schützen. "Wenn ein Selbstmordattentäter 100 gegnerische Soldaten umbringen kann, kann das als strategischer Sieg gelten", schreibt der Blogger unter anderem dort.

USA unter Schock

US-Präsident Barack Obama sprach von einem "schrecklichen Gewaltausbruch" und drückte den Angehörigen sein Beileid aus. Es sei schwierig genug, dass US-Soldaten bei Kämpfen im Ausland ums Leben kämen. "Es ist schrecklich, dass sie hier auf einem Stützpunkt auf amerikanischem Boden unter Beschuss kommen", sagte Obama und ließ die Flaggen am Weißen Haus und allen Bundesgebäuden im ganzen Land auf Halbmast setzen.

Dies sei eine "bescheidene Würdigung jener, die ihr Leben verloren haben", sagte der Präsident. "Und es ist zugleich eine Anerkennung für jene Männer und Frauen, die jeden Tag ihr Leben aufs Spiel setzen, um unsere Sicherheit zu schützen und unsere Werte zu bewahren."

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"Schrecklicher Gewaltausbruch": US-Präsident Obama sucht nach Worten.

(Foto: REUTERS)

Verteidigungsminister Robert Gates sagte: "Es gibt wenig, das wir zu diesem Zeitpunkt sagen können, um den Schmerz zu lindern oder die vielen Fragen zu beantworten, die dier Vorfall aufwirft. Aber ich kann versprechen, dass das Verteidigungsministerium alles in seiner Kraft Stehende tun wird, um der Fort-Hood-Gemeinde durch diese schwierigen Zeiten zu helfen."

Der US-Kongress legte eine Schweigeminute ein. Die islamische Vereinigung CAIR verurteilte die Bluttat scharf. Sie zeigte sich gleichzeitig in Sorge vor möglichen Vergeltungsaktionen gegen Muslime in den USA.

Erinnerung an Amoklauf

Fort Hood ist der größte Stützpunkt der US-Armee. Er umfasst mit 880 Quadratkilometern ein Gebiet von der Größe New Yorks. Etwa 40.000 Soldaten und tausende Zivilisten leben auf dem Stützpunkt im Herzen von Texas. Bislang galt er als absolut sicher. In Fort Hood sind das 3. Armeecorps, die 4. Infanteriedivision und die 1. Kavalleriedivision der US-Armee stationiert. Diese Einheiten werden regelmäßig zu Einsätzen in den Irak entsandt.

Der Stützpunkt befindet sich in der Nähe der texanischen Stadt Killeen. Dort fand nach Angaben von CNN vor 18 Jahren auch einer der schlimmsten Amokläufe der amerikanischen Geschichte statt. Damals war ein Mann mit einem Laster in ein Café gerast und eröffnete das Feuer - 23 Menschen starben, 20 weitere wurden verletzt.

Quelle: ntv.de, mit Material von dpa und AFP

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