Politik

Adolf Sauerland droht die Abwahl Aus für den Unsichtbaren?

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Sauerland wird im Oktober 2010 Opfer einer Ketchup-Attacke.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Adolf Sauerland muss weg!", fordert eine Bürgerinitiative, die nach dem verheerenden Unglück der Loveparade darum kämpft, dass die Duisburger ihren Oberbürgermeister abwählen. Bei vielen kommt das Bündnis gut an, sie wollen sich von der Lähmung nach der Katastrophe befreien.

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Die Bürgerinitiative macht seit Monaten "Abwahlkampf".

(Foto: Maike Rellecke / n-tv.de)

Adolf Sauerland ist wieder da – und mit ihm die Buh-Rufe. In der Schlange vor dem Stadion werden die Stimmen gegen den Mann erhoben, der drinnen als Ehrengast begrüßt wird. Duisburgs erster Bürger ist lange Zeit schon der bekannteste, aber unsichtbare Oberbürgermeister der Bundesrepublik. Viele Duisburger wollen ihn loswerden - und mit ihm den Makel des unseligen Loveparade-Unglücks. Per Bürgerbegehren haben sie ein Abwahl-Verfahren durchgesetzt. Im Wahlkampfgetöse muss nun auch der OB die Trommel für sich schlagen. Er stellt sich dem Votum der Bürger an diesem Sonntag. "Wir geben nicht auf, weil wir glauben, bewiesen zu haben, dass wir hier in Duisburg eine ehrliche und erfolgreiche Politik machen können!", gibt er sich kämpferisch.

Kämpfen muss er – schon seit eineinhalb Jahren. Gegen abschätzende Blicke beim Philharmonie-Konzert, gegen Pfiffe und Schmähungen beim Fußball-Stadtpokal, dessen Schirmherr er ist. Da wo der Oberbürgermeister seine CDU hinter sich versammelt, sammelt das "Duisburger Bündnis Abwahl" die Stimmen der aufgebrachten Bürger – in der Fußgängerzone, in jedem Stadtbezirk, im Internet. "Unmoralisch" findet Theo Steegmann Sauerlands Verhalten. Der Sprecher des Abwahlbündnisses ist "fassungslos, wie die CDU zum Schaden der Stadt einfach weiterregieren kann." Von einem "Scherbenhaufen" und "Gewürge" spricht er im Bezug auf die politische Lage Duisburgs. "Erst mal muss Sauerland weg!", fordert Steegmann mit lauter werdender Stimme.

Immer noch Kerzen

Still ist es dagegen bei der Gedenkstätte für die Loveparade-Opfer. Der Klang der vorbeifahrenden Autos verschwindet vor der einsamen Kulisse in den Hintergrund. Am Eingang der Brache, die für die Abschlussveranstaltung der Loveparade ausgesucht wurde, entzünden Angehörige noch immer Kerzen, Salz soll die Kondolierenden vor dem leise fallenden Schnee schützen. Die Bilder der Opfer, die Plastikblumen, die Steine mit dem Versprechen "Wir werden dich nie vergessen", scheinen wie eingefroren in der Zeit. Auch die vermeintliche Schuld von Sauerland an dem Unglück haben viele an den Wänden des Karl-Lehr-Tunnels verewigt. Der Ort, an dem die gestaute Masse 21 Loveparade-Besucher zu Tode quetschte, ist heute leergefegt.

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Die Gedenkstätte in diesen Tagen: "Wir werden dich nie vergessen."

(Foto: Maike Rellecke / n-tv.de)

"Adolf Sauerland ist einer der authentischsten Lokalpolitiker, den ich je getroffen habe", bescheinigt Politikwissenschaftler Jan Treibel dem Oberbürgermeister. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität in Duisburg interessiert sich auch aus professioneller Sicht für das lokalpolitische Geschehen in seiner Stadt. "Sauerland hat weite Teile der Bevölkerung mobilisiert. Er konnte den Bürgern salopp gesagt auf's Maul schauen. Seine direkte Ansprache war seine große Stärke." Seit dem Unglück am 24. Juli 2010 könne er diese Stärke nicht mehr umsetzen. "Gerade für eine Stadt wie Duisburg, die zurzeit nur noch durch negative Schlagzeilen auffällt, angefangen mit der Loveparade, den sogenannten Mafia-Morden und den Auseinandersetzungen der Rockerbanden, finden viele Bürger es nicht mehr tragbar, von jemandem wie ihm repräsentiert zu werden", so Treibel.

Sorge ums Geld

Gegen sein Karriereende stemmte sich Sauerland bislang mit aller Kraft – wohl aus finanziellen Erwägungen. Weil das Landesbeamtengesetz in Nordrhein-Westfalen einen Rücktritt aus politischen Gründen für Stadtoberhäupter nicht vorsieht, müsste er einen Antrag auf Entlassung stellen, was den vierfachen Familienvater in finanzielle Schwierigkeiten bringen könnte. Er verlöre seinen Anspruch auf die Beamten-Pension, die er sich schon vor seiner OB-Zeit als Oberstudienrat in Krefeld erworben hat. Als dann normal gesetzlicher Rentenversicherter sei das ein herber finanzieller Verlust für ihn, hat der Steuerzahlerbund NRW ausgerechnet.

Dafür werden Sauerland und seine CDU auf politischer Ebene ins Abseits gedrängt. Dem "Duisburger Bündnis Abwahl" gehören SPD, Grüne, die großen Gewerkschaften Verdi und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) an. Sogar die kleine Fraktion der FDP gibt sich verhalten gegen den OB. Drei ehemalige Duisburger Polit-Schwergewichte sägen am Stuhl des Oberbürgermeisters: Die Ex-Oberstadtdirektoren haben sich zusammengeschlossen und in einer Zeitungsanzeige zur Abwahl von Sauerland aufgerufen. Aus vielen Gesprächen mit Mitarbeitern der Stadtverwaltung sei "Frustration, Demotivierung und Verunsicherung" erkennbar, erläutern die drei Politiker, die zusammen von 1978 bis 1997 hauptamtliche Leiter der Duisburger Stadtverwaltung waren.

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Ja oder Nein - das entscheiden die Duisburger.

(Foto: dpa)

Die CDU schießt zurück: "Die Fraktionen der anderen Parteien blockieren wichtige Entscheidungen im Rat – etwa wenn es um die Abstimmung über den Haushalt geht. Alles mit dem Verweis auf die Zeit nach der möglichen Abwahl unseres Oberbürgermeisters. Dabei sollten sie sich auf die wichtigen Probleme der Stadt konzentrieren, wie etwa dringende Investitionen", so ein Sprecher der CDU-Fraktion. "Die Abwahl-Initiative ist es, die die Stadt lähmt."

Politikwissenschaftler Treibel schätzt die Situation anders ein: "Ich nehme in der Stadt einen großen Zuspruch für die Abwahl von Herrn Sauerland wahr. Das Bündes zur Abwahl ist in allen Stadtteilen sehr präsent. Die Mitglieder an den Ständen erhalten viel Zuspruch von Passanten." Wenn am 12. Februar der Tag der Entscheidung gekommen ist, wird die Initiative fast fünf Monate Wahlkampf hinter sich haben. "Über 25 Prozent der wahlberechtigten Duisburger müssen für die Abwahl von Adolf Sauerland gestimmt haben, damit sie gültig ist", erklärt Alexander Slonka, Geschäftsführer des NRW-Landesverbandes "Mehr Demokratie". Er zeigt sich beeindruckt vom Engagement der Bündnismitglieder. "Um das Abwahlverfahren einzuleiten, mussten sie erst mal 70.000 Stimmen sammeln. Das ist eine echte Ochsentour." Nur dadurch konnte dem Abwahlverfahren, das in Nordrhein-Westfalen erstmals durch ein Bürgerbegehren initiiert wurde, stattgegeben werden. Slonka rechnet mit einer hohen Wahlbeteiligung. "Der Abwahlkampf wird sehr emotional geführt. Viele fühlen sich angesprochen."

Nicht nur im Fußballstadion kochen die Emotionen schnell hoch. Auch in der Fußgängerzone wird es laut, wenn die Abwahl-Initiatoren zum Mikrofon greifen. Schnell sammeln sich die Menschen, spenden Beifall für Forderungen wie "Die Eltern der Opfer müssen mit den Konsequenzen der Loveparade leben. Warum nicht Herr Sauerland?" Im Vorbeigehen ruft ein Passant: "Lass doch den Mann in Ruhe!" Aber das hört die klatschende Menge nicht.

Dass sich viele Duisburger von der Lähmung nach dem Unglück befreien wollen, ist auch beim Oberbürgermeister angekommen. Er versucht, Perspektiven und Zuversicht zu stiften. Der Sonntag könnte für ihn zum Befreiungsschlag werden. So oder so. Als Sieger könnte er zu seiner alten Stärke zurückfinden, als Verlierer endlich ablassen vom zermürbenden Kampf gegen Anfeindungen und Hohn. Duisburg hingegen wird sich mit Sauerland nicht der Schmach entledigen können, als abgehängte Stadt am Rande des Ruhrgebiets gesehen zu werden. Als die Stadt, die mit der Loveparade so viel wollte – und dabei so viel verlor.

Quelle: n-tv.de