Politik

Al Gore im Interview "Bei Trump lag ich falsch"

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Al Gore lobt Bundeskanzlerin Merkel - und fordert zu Widerstand gegen die Politik von US-Präsident Trump auf.

(Foto: picture alliance / Mark R. Crist)

Die USA verlassen unter Präsident Donald Trump den Pariser Klimapakt. Der Klimaaktivist Al Gore hatte noch gehofft, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. "Doch da lag ich falsch", sagt er im Gespräch mit n-tv.de. Nun hält er Widerstand gegen Trumps Politik für wichtig. Im Interview spricht der ehemalige US-Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger zudem über Kanzlerin Angela Merkel, die er für die Führerin der freien Welt hält, über Elektroautos, Veganismus und die deutsche Wurstindustrie. Und über seine neue Dokumentation "Immer noch eine unbequeme Wahrheit", die nun in den Kinos startet.

n-tv.de: Die USA haben kürzlich den Ausstieg aus dem Pariser Klimavertrag offiziell gemacht. Das muss frustrierend für Sie sein, schließlich geht es in Ihrem neuen Film vor allem um den sorgsam ausgehandelten Kompromiss von 2015.

Al Gore: Der offizielle Austritt aus dem Pariser Klimavertrag war ja nur eine Formalität. Ich habe mir mehr Gedanken gemacht, als Donald Trump am 1. Juni seine Entscheidung dazu verkündete. Ich hatte Angst, dass andere Staaten dies als Ausrede benutzen würden, ebenfalls auszutreten. Es hat mich sehr glücklich gemacht, als am Tag darauf der Rest der Welt, angeführt von Kanzlerin Merkel, verkündete, zu dem Abkommen zu stehen. In den USA sagten die größten Bundesstaaten, viele Städte und Wirtschaftsvertreter, dass sie zum Klimavertrag halten würden. Es sieht so aus, als ob die USA ihre in dem Abkommen vorgegebenen Ziele erreichen könnten - trotz Donald Trump. Laut Vertragstext können die USA ohnehin erst im November 2020 austreten - einen Tag nach der nächsten Präsidentschaftswahl.

Glauben Sie, dass das Thema Klimawandel dann eine große Rolle im Wahlkampf spielen wird?

Ja.

Sie haben Trump nach seinem Wahlsieg getroffen, noch vor der Amtseinführung.

Ja, und die Gespräche gingen weiter, nachdem er ins Weiße Haus eingezogen war. Ich versuchte, ihn zu überzeugen, dem Pariser Klimaabkommen treu zu bleiben. Ich dachte, es gäbe eine Chance, dass er zur Vernunft kommen würde. Aber da lag ich falsch.

Dabei ist unklar, wie Trump tatsächlich zum Klimawandel steht. Wissen Sie das?

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Für die Dokumentation besuchte Al Gore auch Grönland - und seine schmelzenden Gletscher.

(Foto: Paramount Pictures)

Ein paar Jahre, bevor er als Präsidentschaftskandidat antrat, unterzeichnete er eine ganzseitige Anzeige in der "New York Times". Darin wurde gefordert, dass Präsident Barack Obama mehr gegen den Klimawandel tun solle. Ich bin mir nicht sicher, was er wirklich denkt. Aber es ist ziemlich klar, was er vorhat. Deshalb ist der Widerstand gegen seine Politik so wichtig. Es gibt eine Chance, den Schaden zu begrenzen, den er anrichtet.

Im Film sagen Sie, dass die Demokratie "gehackt" wurde. Wie meinen Sie das?

Sie wurde bereits vom Großkapital und Lobbyisten gehackt, bevor Russlands Präsident Wladimir Putin unsere Wahl gehackt hat. Als das Fernsehen die Zeitungen als wichtigstes Medium in der Politik ersetzte, wurden Kandidaten viel abhängiger davon, viel Geld einzusammeln, um Werbezeiten im Fernsehen zu kaufen. Das hat sie angreifbarer gemacht für Lobbyisten, für die Interessen jener Industrien, die die Umwelt belasten. Diese haben jetzt einen ungesund hohen Grad an Einfluss auf die amerikanische Demokratie.

Auf der anderen Seite bilden Sie in Seminaren Menschen aus, sich gegen den Klimawandel einzusetzen.

Der Druck von unten ist der einzige Weg, um den Einfluss der Lobbyisten zu überwinden.

Man könnte sagen, Sie rennen offene Türen ein. Denn wer sich Ihren Film anschaut, dürfte bereits vom Klimaproblem überzeugt sein. Wird es schwerer, Menschen mit Fakten zu überzeugen in Zeiten von "Fake News" und "alternativen Fakten"?

Wir hatten dieses Problem für einige Zeit. Denn die großen Umweltverschmutzer nutzten dieselben PR-Techniken, die zuvor die Tabakindustrie angewandt hatte. Sie haben mehr als eine Milliarde Dollar ausgegeben, um irreführende, pseudo-wissenschaftliche Studien zum Klimawandel herauszugeben. Aber aus zwei Gründen wird es leichter, Menschen zu überzeugen: Erstens sind mit dem Klimawandel zusammenhängende Extremwetter heute viel alltäglicher und zerstörerischer. Und das sehen und erleben die Menschen am eigenen Leib. Zweitens sinken die Kosten für alternative Energieformen wie Solar- und Windenergie sehr schnell. Deshalb verbreiten sie sich rapide.

Das ist eines der zentralen Themen Ihres Films.

Da geht es ja auch um eine sehr konservative Stadt in Texas, in der die Republikaner regieren und die mehrheitlich für Trump stimmte. Aber der Bürgermeister ist Buchhalter und er hat es durchgerechnet: Sie haben sich komplett auf erneuerbare Energien umgestellt und die Stromrechnungen sind gesunken. Sie erfreuen sich an saubererer Luft und nebenbei sichern sie auch noch die Zukunft der Menschheit.

Haben diese Städte und Bundesstaaten eine Chance gegen Lobbyisten und Politiker wie Trump?

Es ist ein Kampf. Aber die Regierungen der Bundesstaaten und Städte haben große Macht, denn sie entscheiden über ihre Energieversorgung. Und da die Kosten für Solar- und Windenergie weiterhin sinken, wenden sich immer mehr von ihnen von fossilen Brennstoffen ab.

Sprechen wir über Deutschland. Kanzlerin Merkel war als "Klimakanzlerin" bekannt. Aber die Reduzierung der CO2-Emmissionen in Deutschland stagniert seit Jahren. Was wäre Ihr Rat an Merkel?

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Gore mit Merkel im Jahr 2007.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Ich bewundere Kanzlerin Merkel und schätze sehr ihre Führung, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Auf vielfache Weise ist sie jetzt die Führerin der freien Welt. Ihre Vorgehensweise beim G20-Treffen oder beim G19+1-Treffen war sehr beeindruckend. Nach dem Atomunfall in Fukushima kam eine Energiewende, deshalb ist Deutschland derzeit in einer Übergangsphase. An einem Tag im Frühjahr wurden 86 Prozent der Energie in Deutschland von erneuerbaren Energien erzeugt. Der durchschnittliche Anteil dieser Energien wird weiter steigen. Der derzeitige Neubau von Offshore-Windanlagen in der Nordsee ist nur ein Teil vieler guter Entwicklungen in Deutschland.

Allerdings ist auch die deutsche Autoindustrie derzeit ein großes Thema. Sie scheint den Anschluss bei der Entwicklung von Elektroautos verloren zu haben.

Es ist eine Zeit des Übergangs. Alle großen Autobauer weltweit arbeiten am Übergang zur Elektromobilität, auch in Deutschland. Sie sehen das kommen. Es dauert noch etwas mehr Zeit, aber es gewinnt an Schwung.

Es gibt auch Ideen, ab 2030 keine neuen Verbrennungsmotoren mehr zuzulassen. Ist das realistisch?

Frankreich und Großbritannien haben angekündigt, ab 2040 nur noch E-Autos zuzulassen. Indien hat angekündigt, dass ab 2030 alle Neuwagen E-Autos sein müssen. Jedes Land wird da seine eigene Entscheidung fällen. Auch in Deutschland, dem Geburtsland der Autoindustrie, bereiten sich die Autobauer darauf vor, mehr und mehr E-Autos einzuführen. Diese Entwicklung wird weitergehen. Ich denke, der Übergang zu Elektroautos wird viel einfacher, als es derzeit aussieht.

Bereits in "Eine unbequeme Wahrheit" sprechen Sie dabei über eine Diskrepanz zwischen Wirtschaft und Umwelt, die es eigentlich nicht geben sollte.

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2007 erhielt Al Gore zusammen mit Rajendra Pachauri vom Weltklimarat den Friedensnobelpreis.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Schaut man auf den größeren Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Klima, dann gibt es das größte Jobwachstum in der Solar- und Windindustrie. In den USA wachsen die Jobs im Solarbereich 17 Mal so schnell wie in allen anderen Bereichen der Wirtschaft. Das zweitgrößte Jobwachstum gibt es in der Windindustrie. Fasst man den Bereich der Nachhaltigkeits-Revolution weiter, inklusive Batterieherstellung, Elektroautos und der Steigerung von Effizienz, ist es weltweit der am schnellsten wachsende Teil des Arbeitsmarkts.

Diese neuen Technologien sind aber nur eine Seite der Medaille. Die andere ist das Verhalten der Menschen im Alltag. Ist das eine Hürde für mehr Nachhaltigkeit?

Ich denke, da ändert sich gerade sehr viel. Aber die Wahrheit ist: So wichtig der Austausch etwa von Glühbirnen auch ist, es ist noch wichtiger, die Gesetze zu ändern. Für die Zivilisation als Ganzes ist der Übergang zu neuen Technologien im Energiesektor, zu neuen Technologien im Transport, zu neuen Ansätzen in Land- und Forstwirtschaft sehr wichtig. Denn damit wird jeder einzelne Mensch befähigt, sich zu verändern, um die Luftverschmutzung deutlich zu verringern.

Sie selbst sind vor einigen Jahren Veganer geworden.

Vor fünf Jahren, ja.

Gibt es da einen Zusammenhang zu Ihrem Engagement gegen den Klimawandel?

Al Gore

Al Gore wurde 1948 als Sohn eines Senators in Washington D.C. geboren. Er war Abgeordneter im Repräsentantenhaus, dann im Senat. 1993 bis 2001 war er Vizepräsident von Bill Clinton. 2000 unterlag er bei der umstrittenen Präsidentschaftswahl George W. Bush. Seit den 70er Jahren engagiert er sich für den Umweltschutz. Aus seiner Präsentation zum Thema entstand der Oscar-gekrönte Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit", der nun fortgesetzt wird. 2007 erhielt er für sein Engagement den Friedensnobelpreis.

Ich wurde Veganer, weil ich es ausprobieren wollte. Ich wollte es 30 Tage lang schaffen. Danach fühlte ich mich besser, also habe ich weitergemacht. Ich versuche aber nicht, anderen zu erklären, wie sie sich ernähren sollten. Das ist eine persönliche Entscheidung. Aber ich würde jedem empfehlen, sich mal mit seinem Kardiologen darüber zu unterhalten, was es bringt, weniger Fleisch zu essen. Ich werde mich allerdings nicht mit der deutschen Wurstindustrie anlegen.

"Eine unbequeme Wahrheit" kam vor etwa zehn Jahren in die Kinos. Welche Entwicklung seitdem macht Sie besonders optimistisch?

Vor zehn Jahren begann gerade erst die Entwicklung der Solar- und Windenergie. Seitdem hat sie einen Wendepunkt erreicht und hebt jetzt erst richtig ab. Im vergangenen Jahr kamen in den USA zwei Drittel der neu hinzukommenden Stromproduktion von Solar und Wind. Und das passiert in immer mehr Ländern. Elektroautos sind mittlerweile für fast jeden erschwinglich, alle Autobauer führen E-Autos ein, die Kosten für Batterien sind dramatisch gesunken. Die Kombination aus erschwinglicher Batteriespeicherung und erneuerbarer Energie beginnt, den Energiesektor zu revolutionieren.

Batterien sind aber auch noch ein Problem. Sie haben eine kurze Lebensdauer und erzeugen viel Sondermüll.

Im Bereich der Batterietechnologie gibt es ein paar spannende Weiterentwicklungen. Da geht es um längere Speicherzeiten bei geringeren Kosten, um das Recycling von Materialien und neue chemische Elemente, die giftige Komponenten ersetzen sollen.

Daran sieht man, wie vielfältig das Thema Klimawandel ist, es reicht von Luftverschmutzung bis zu neuen Technologien. Wie behalten Sie da den Überblick?

Ich arbeite jeden Tag an diesem Thema. Und ich habe sehr kompetente Mitarbeiter. Sie helfen mir, das Internet nach Nachrichten über neue Entwicklungen zu durchsuchen, nach neuen Technologien, nach Naturkatastrophen im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Diese Extreme, die mit dem Klimawandel zusammenhängen, überzeugen übrigens täglich Millionen Menschen davon, dass wir das Problem lösen müssen.

Der "Guardian" hat geschrieben: "Al Gore ist für den Klimawandel das, was Donald Trump für die Leugnung des Klimawandels ist." Das ist zugespitzt, aber würden Sie dem zustimmen?

Ich bin mir nicht sicher, was das bedeuten soll.

Dass es einen Kampf zwischen Klimaaktivisten und Leugnern des Klimawandels gibt.

Aber wir werden gewinnen. Zwei Drittel der US-Amerikaner stimmen zu, dass der Klimawandel ernst ist, vom Menschen gemacht und dass das Problem gelöst werden muss. Dem stimmt auch eine Mehrheit der Wähler der Republikaner zu - und selbst eine Mehrheit der Trump-Wähler. Wir gewinnen diesen Kampf. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das an Klimaaktivisten wie mir liegt. Ich denke, die überzeugendste Stimme gehört Mutter Natur, denn die Extremwetter, die mit dem Klimawandel zusammenhängen, sind so viel alltäglicher und zerstörerischer geworden. Sogar Leute, die den Begriff "Erderwärmung" nicht benutzen wollen, sehen das jetzt und sagen: "Wir müssen uns ändern."

Mit Al Gore sprach Markus Lippold.

"Immer noch eine unbequeme Wahrheit - Unsere Zeit läuft" startet am 7. September in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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