Politik

Mehr Einkommen, mehr Nachhilfe Bezahlte Lernhilfe boomt

Jeder dritte bis vierte Schüler hat bis zum Ende seiner Schullaufbahn eine Zeit lang kommerziellen Nachhilfeunterricht in Anspruch genommen. Besonders häufig greifen die Eltern von Gymnasiasten und Realschülern im klassischen Pubertätsalter zwischen 12 und 16 Jahren zu dieser bezahlten Lernhilfe. Die gefragtesten Nachhilfefächer sind Mathematik und Englisch, zum Teil auch Deutsch. Das zeigt eine noch unveröffentlichte Studie des Berliner Bildungsökonomen Dieter Dohmen für das Bundesbildungsministerium.

Akademikerkinder gut verdienender Eltern seien unter den Nachhilfeschülern besonders häufig vertreten - im Westen aber weitaus stärker als in den neuen Bundesländern. Grundsätzlich gelte: "Je besser die Einkommenssituation ist, desto eher wird Nachhilfe beansprucht." Dabei wird nicht nur dann zur Nachhilfe gegriffen, wenn die Versetzung gefährdet ist oder eine Rücküberweisung vom Gymnasium zur Hauptschule. Immer häufiger nutzten ohnehin schon gute Schüler Nachhilfeunterricht, um für die Bewerbung um eine Lehrstelle oder einen Studienplatz den Notenschnitt noch weiter zu steigern.

Das Geschäft bringt über eine Mrd Euro

Den jährlichen Umsatz des wachsenden Nachhilfemarktes beziffert Dohmen zwischen 0,9 bis 1,2 Milliarden Euro jährlich - wobei er wegen des "Graubereichs zwischen Nachbarschaftshilfe und Schwarzarbeit" bei einzelnen privaten Anbietern auch auf höhere Schätzungen verweist. Neben der kaum erfassbaren Zahl von Lehrern, Studenten oder älteren Schülern, die ihre Dienste wie immer schon als "Nebenjob" anbieten, haben sich in Deutschland laut Studie inzwischen gut 3000 kommerzielle Nachhilfeschulen etabliert. Jeweils etwa 1000 davon sind unter dem Dach der beiden Marktführer "Studienkreis" und "Schülerhilfe" organisiert - meist als "Franchise-Filialen" von Privatunternehmern mit Konzession.

Bei vier Stunden pro Woche und einjähriger Beanspruchung von Nachhilfeschulen entstünden den Eltern im Schnitt Kosten zwischen 1200 und 1750 Euro, schreibt Dohmen.

Anbieter genau prüfen

Unter der Überschrift "Zweifelhafte Anbieter am Nachhilfemarkt" verweist die Studie darauf, dass bundesweit etwa 30 Nachhilfeschulen mit der Scientology-Sekte in Verbindung gebracht werden. "Auch die NPD verbreitet in Sachsen unter dem Deckmantel kostenloser Schülernachhilfe ihre Ideologien", heißt es in der Untersuchung.

Kritisiert wird in der Studie, dass zum Betrieb einer Nachhilfeschule lediglich eine Gewerbeanmeldung nötig ist - und kein Qualifikationsnachweis des Betreibers oder der Lehrkräfte. Auch können sich die Schulen leicht von der Umsatzsteuer befreien lassen. Dohmen verweist darauf, dass einige Großunternehmen inzwischen zwar Gütesiegel oder TÜV-Plaketten haben. Bundesweit einheitliche Qualitätsstandards gebe es aber nicht.

Die Vize-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer, forderte eine Qualitätskontrolle der privaten Institute durch die Schulaufsicht des Staates. "Jeder Wirt muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen, bevor er im Lokal Gäste bedienen darf. Auch für Nachhilfeinstitute müssen selbstverständlich verbindliche Qualitätskriterien gelten", sagte sie in einem dpa-Gespräch. Gute Schulpolitik müsse kommerziellen Nachhilfeunterricht auf Dauer überflüssig machen. Die individuelle Förderung des einzelnen jungen Menschen sei am besten in einer "Ganztagsschule für alle Schüler" zu gewährleisten.

Quelle: ntv.de