Politik

Historisch langer WahlzettelDiese Rekordwahl könnte für Farage zur Falle werden

13.08.2026, 07:32 Uhr MarkusVon Markus Lippold
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Wahlwerbung für Nigel Farage und Reform UK - das Riesenrad verweist auf das Clacton Pier. (Foto: REUTERS)

Die Wahl wird Nigel Farage voraussichtlich gewinnen. Sein ärgster Konkurrent, der mit dem Mülleimer über dem Kopf, ist laut einer Umfrage weit abgeschlagen. Und doch könnte der Polit-Stunt Farage mehr kosten als ihm lieb ist. Denn eine weitere Nachwahl könnte nötig werden und ihn in Erklärungsnot bringen.

Die weltweite Aufmerksamkeit ist dieser Wahl gewiss. Das liegt aber weniger an Nigel Farage und seinen rechtspopulistischen Forderungen, sondern an seinem größten Herausforderer: Count Binface, der Figur, hinter der Oxford-Absolvent und Autor Jon Harvey steckt. Er gibt sich als intergalaktischer Weltraumkrieger aus und trägt dazu eine an "Star Wars"-Bösewicht Darth Vader erinnernde Uniform samt Mülleimer auf dem Kopf. Seit er seine Gegenkandidatur erklärte, berichten Medien auf der ganzen Welt über ihn, sogar ein (nicht autorisierter) Comic mit ihm als Superhelden ist jüngst erschienen. Und ein Pilot zeichnete zu Ehren von Binface die Umrisse eines Mülleimers an den Himmel vor Clacton, wo am Donnerstag neu über den Parlamentssitz abgestimmt wird.

Zum Wahlsieg wird es trotzdem nicht reichen. Laut der einzigen Wahlkreis-Umfrage vor dem Urnengang kommt Farage mit seiner Partei Reform UK auf sichere 73 Prozent der Stimmen, Binface auf 20. Weitere 2 Prozent erhält die Rechtsaußenpartei Reclaim mit Kandidat Laurence Fox, einem ehemaligen Schauspieler. Weitere 5 Prozent entfallen auf alle übrigen Kandidaten.

Überraschend ist Farages Vorsprung nicht. Der Wahlkreis hatte sich 2016 auch deutlich für den Brexit ausgesprochen, für den Farage wie kaum ein anderer Politiker steht. Und hier wurde er 2024 mit 46 Prozent erstmals ins Unterhaus gewählt. Die Unzufriedenheit ist groß in Clacton in der Grafschaft Essex, nordöstlich von London. Die Stadt gehört zu den ärmsten Gebieten Großbritanniens. Es ist eines jener britischen Seebäder, deren Glanzzeit längst vorbei ist, trotz eines noch bestehenden Piers samt Riesenrad, das im Sommer von Touristen besucht wird. Fast die Hälfte der Menschen über 16 Jahren hat keine Arbeit - das meint Rentner und Schwerkranke, aber auch Arbeitslose. Und 20 Prozent hatten noch nie einen Job. Die Gegend weist eine höhere Kriminalitätsrate, geringere verfügbare Einkommen und schlechtere Gesundheitsindikatoren auf als andere Gebiete der Region.

Doch nun genießt Clacton unverhofft weltweite Aufmerksamkeit. Alle schauen auf das Duell zwischen Farage und Binface. Dabei stehen noch 32 weitere Kandidaten auf dem Stimmzettel. Das Feld ist so groß wie noch nie bei einer Nachwahl zum Unterhaus (die vorherige Rekordzahl lag bei 26). Noch ein Rekord: Der Wahlzettel ist mit 90 Zentimetern laut BBC so lang wie noch nie bei einer britischen Wahl. Die Kosten für den Druck haben sich demnach vervierfacht. Für den Bezirk war es zudem ein hoher organisatorischer Aufwand, weil die Auszähl-Tische zu kurz sind.

Farage sieht die Wahl als Plebiszit

Dabei boykottieren die großen Parteien die Wahl. Das liegt an Farage: Der Populist trat am 7. Juli von seinem Abgeordnetenmandat zurück. Er und seine Partei mussten sich zuletzt zwei Untersuchungen wegen Millionenzahlungen stellen. Die hat Farage nicht ordnungsgemäß beim Parlament gemeldet. Der drohenden Suspendierung kam er durch den Rücktritt zuvor. Doch er tritt wieder an, denn sein Ziel, Premier zu werden, kann er aber nur erreichen, wenn er im Unterhaus sitzt.

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Das Clacton Pier - ihre Glanzzeit hat die Küstenstadt hinter sich. (Foto: REUTERS)

Nach Farages Darstellung soll nicht das Parlament, sondern die Wähler darüber entscheiden, ob er sich falsch verhalten hat - er bezeichnete sie als "Richter über meine Handlungen". Er stellt die Nachwahl als Kampf des Volkes gegen das politische Establishment dar. Schließlich seien "es ja doch die Leute von Clacton, nicht die alten Westminster-Parteien und ihre Pressesprachrohre, die unseren Wahlkreisabgeordneten aussuchen", zitiert die FAZ aus einem Flugblatt im Wahlkampf. Plebiszit statt rechtsstaatlicher Untersuchung also.

Nur: Die anderen großen Parteien wollen sich für diese Polit-Show nicht einspannen lassen. Sowohl die Konservativen als auch Labour-Partei, Grüne und Liberaldemokraten treten nicht an, sie sprechen von einem Ablenkungsmanöver. In diese Lücke stoßen etliche unabhängige Kandidaten, Leute vom äußeren politischen Rand, aber auch Spaßkandidaten (Englisch: novelty candidates), die den Stimmzettel anwachsen lassen. Dass nun Binface im Zentrum der Berichterstattung steht, liegt einerseits an seiner besonders auffallenden Kleidung, andererseits aber an seinem Timing: Er erklärte als erster, gegen Farage antreten zu wollen - so wie er schon gegen Premiers und Londons Bürgermeister angetreten war, mit sehr mäßigem Erfolg. Andere Spaßkandidaten zogen nach, allein für die Satirepartei Monster Raving Loony gehen drei Leute ins Rennen.

Eine weitere Nachwahl könnte nötig werden

Für Farage sind die höheren Kosten durch das Heer an Kandidaten ein Problem. Schon kurz nach Farages Rücktritt verwiesen Kritiker darauf, dass sein Polit-Stunt vor allem Geld verbrenne. Der "Independent" schätzte die Kosten der Nachwahl im Juli auf 275.046 Pfund (etwa 322.014 Euro), die von der britischen Regierung bezahlt werden. Das Angebot von Reform UK, die Kosten zu übernehmen, wurden mit Verweis auf die gebotene Unabhängigkeit der Finanzierung abgelehnt.

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Sollte Farage die Nachwahl gewinnen und dann doch vom Parlament suspendiert werden, könnte ein weiterer Urnengang nötig werden. Count Binface macht mit diesem teuren Szenario Wahlwerbung. (Foto: IMAGO/ZUMA Press)

Also müssen die Steuerzahler blechen. Doch wird Farage wie erwartet wiedergewählt, geht die parlamentarische Untersuchung gegen ihn weiter - und könnte Konsequenzen bis zum Ausschluss aus dem Parlament nach sich ziehen. Dann wäre eine weitere Nachwahl nötig. Farage müsste dann nicht nur die erhaltenen Zahlungen erklären, sondern sich auch ernsthaften Kandidaten stellen, die größere Chancen als Count Binface haben.

Der Politikwissenschaftler Tim Bale von der Queen-Mary-Universität in London sprach angesichts von Farages Rücktritt bereits im Juli bei tagesschau.de von einem "Ablenkungsmanöver im Stil von Donald Trump". Farage habe parlamentarische Regeln gebrochen, wolle aber als Opfer einer Verschwörung des Establishments gesehen werden.

Gegenkandidaten wie Count Binface geht es deshalb auch darum, zu zeigen, dass Farage mit seinen nicht deklarierten Millionenzahlungen und hohen Nebeneinnahmen etwa aus Reden sehr wohl zum Establishment gehört. Und dass er sich wenig um seinen Wahlkreis kümmert. Er greift im Wahlkampf Farage zwar nicht direkt an. Aber in Anspielung auf den Populisten erklärte Binface, er werde keine Geschenke in Höhe von fünf Millionen Pfund von "Krypto-Milliardären (auf der Erde)" annehmen. Auch sein Versprechen, er werde mehr Zeit in Clacton verbringen als in Washington D.C. ist auf Farage gemünzt, der häufig seinen Verbündeten US-Präsident Donald Trump besucht, sich in seinem Wahlkreis aber eher selten blicken lässt. Wie zum Beweis postete Binface ein Video von einer Sehenswürdigkeit in Clacton.

Nicht zuletzt will Binface verbieten, dass Abgeordnete, die mitten in der Legislaturperiode zurücktreten, bei der Nachwahl erneut antreten dürfen. Aus Farages Partei Reform UK hieß es dagegen, Kandidaten wie Count Binface seien Teil des Establishments und sollten Farages Ruf untergraben. Den großen Parteien wurde vorgeworfen, sie hätten Angst vor Farage.

Labour überholt wieder Reform UK

Doch der sitzt nicht so fest im Sattel, wie es lange den Anschein hatte. In Umfragen lag seine Partei Reform UK mehr als ein Jahr lang klar in Führung. Doch Ende Juli geschah das unglaubliche: Laut einer aggregierten Übersicht wurden die Rechtspopulisten (24 Prozent) wieder von der regierenden Labour-Partei (25 Prozent) überholt. Die oppositionellen Konservativen kommen demnach auf 19 Prozent. Auch wenn das wegen des reinen Mehrheitswahlrechts in Großbritannien nicht direkt etwas über die Zusammensetzung des Unterhauses aussagt, zeigt es doch eine Stimmung auf.

Einerseits bekommt Farage mittlerweile Gegenwind von Rechtsaußen. Dort wird ihm vorgeworfen, zu soft zu agieren. Andererseits geht der Labour-Aufschwung auf den neuen Premier Andy Burnham zurück, der den glücklosen Keir Starmer im Juli abgelöst hat. Wie lange die Erfolgswelle Burnhams, der davor als Bürgermeister von Greater Manchester zu großer Beliebtheit gelangte, anhält, ist unklar. Er hat aber zumindest bereits Bekanntschaft mit Count Binface gemacht: Bei der Nachwahl, die Burnham ins Unterhaus und in Downing Street 10 brachte, trat auch Binface an. Er holte 0,2 Prozent, Burnham setzte sich mit klaren 54,8 Prozent durch, vor dem Reform-UK-Kandidaten, der 34,5 Prozent erhielt.

Quelle: ntv.de

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