Politik

Zwischenruf China: Jadehase mit Ritterrüstung

Der Start einer chinesischen Rakete in Richtung Mond stellt einen weiteren Schritt bei der Festigung der Macht des Landes dar. Eine militärische Konfrontation oder eine ernsthafte innenpolitische Krise hätte weltweit Auswirkungen.

Mit dem Start einer Trägerrakete mit Raumschiff und Sonde an Bord in Richtung Mond macht China einen weiteren, großen Schritt in Richtung Weltmacht. Allein die Namen der Raumkörper widerspiegeln den Bezug auf mystisch-historische und sino-kommunistische Traditionen: Die Trägerrakete "Langer Marsch" erinnert an den erfolgreichen Ausbruch der Partisanenarmee unter Mao Tse-tung aus der Umklammerung durch die später unterlegene Kuomintang-Streitkräfte des Chiang Kai-shek; Chang'e, der Name des Raumschiff s und Yutu, wie die Sonde heißt, gehen auf die Legende über den Mann zurück, der mit seiner Frau Yutu – Jadehase - auf den Mond flog.

So will Peking sich verstanden wissen: Das kolonial und semikolonial gedemütigte Land soll auf höherer Stufe zu einstiger Größe zurückgeführt werden. Unermesslicher Reichtum einer Handvoll von Bonzen gehört ebenso dazu wie der zum Teil erfolgreiche Versuch, die Bevölkerung aus der Armut herauszuführen. Zwar löst die Aktion weder in den USA noch bei Russland oder Indien einen zweiten Sputnik-Schock: Unmittelbare strategische Vorteile erwachsen daraus nicht. Doch die Fähigkeit, eine Rakete – erfolgreich? – auf den Erdtrabanten zu schießen, sagt auch etwas über die Präzision militärischer Technik aus. Ziemlich unverblümt verweist China darauf, dass die Mission auch die Erkundung von Rohstofflagern zum Ziel hat.

Die Aktion Jadehase erfolgt in einer Zeit, in der China ebenso unverblümt seinem Anspruch auf strategische Vorherrschaft in Südostasien Nachdruck verleiht. Die Errichtung einer "Air Defense Identification Zone" ist an und für sich nicht ungewöhnlich und wird auch von anderen Staaten praktiziert. Freilich zielt die Eskalation im Zusammenhang mit dem Streit um den Diaoyu/Senkaku-Archipel im Ostchinesischen Meer zielt darauf, in dem jahrhundertealten Konflikt mit Japan die eigene Überlegenheit zu beweisen. Offizielle chinesische Experten fordern, dass sich beide Seiten an den Verhandlungstisch setzen. Möge aber niemand glauben, dass die Bordwaffen der chinesischen Kampfflugzeuge schweigen, wenn es hart auf hart kommt. Schon 2001 zögerte die Volksbefreiungsarmee nicht, eine US-Militärmaschine, die über der Insel Hainan in den Luftraum Chinas eingedrungen war, zur Notlandung zu zwingen. Kurz zuvor konnte der Abschuss eines US-Spionageflugzeuges in allerletzter Minute verhindert werden.

US-Verteidigungsminister Chuck Hagel meint, das Säbelrasseln im Ostchinesischen Meer solle von der schwächelnden Wirtschaft ablenken. Er liegt haargenau daneben. Der Säbel ist ebenso wie der Jadehase Teil der Gesamtstrategie eines Landes, das führende Handelsnation und mit Abstand wichtigster Industriestandort der Welt ist. Aus diesem Bewusstsein speist sich auch die Selbstsicherheit der Volksrepublik: Eine innenpolitische Destabilisierung wegen Tibet oder der Uiguren-Region Xinjiang würde ebenso wie eine ernsthafte militärische Konfrontation mit einem Drittstaat die Weltwirtschaft schlussendlich aus den Angeln heben. Ein – möglichst satter - Jadehase mit Ritterrüstung erscheint aus chinesischer Sicht immer noch als sicherster Schutzschild.

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Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 das politische Geschehen für n-tv. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Manfred Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

Quelle: ntv.de