Politik

Wahlsieg immer noch möglichDarum feiern viele Ungarn Orbán noch immer

28.03.2026, 17:02 Uhr verstlVon Lea Verstl, Budapest
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Orbán auf der Veranstaltung der Patrioten für Europa in Budapest, umjubelt von seinen Anhängern - viele Ungarn sehen in ihm den Garant nationaler Interessen. (Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Orbán muss zittern. In Umfragen machen ihm Magyar und dessen Tisza-Partei Konkurrenz. Ungarns Premier könnte die Wahl am 12. April dennoch für sich entscheiden. Eingefleischte Fans halten ihm die Treue, wie sich bei einer Veranstaltung von Rechtspopulisten in Budapest zeigt.

Bence freut sich darauf, Gleichgesinnte zu treffen. In der linken Hand hält er einen Holzstock, geschmückt mit bunten Stoffstreifen. Auf den Bändern stehen die Namen und die Hochzeitsdaten der Paare, die er getraut hat. Der Stock ist Bences Zeremonienstab. Er arbeitet im ländlichen Raum als traditioneller Hochzeitsmeister, auf Ungarisch Vőfély genannt. Um seinen Filzhut hat der 28-Jährige noch einen Stoffstreifen gebunden, in den Farben der ungarischen Flagge. Bence steht vor den Ganz-Werken, einer ehemaligen Industrieanlage im Westen Budapests, und wartet auf Einlass.

Am Eingang prangt in weißen Lettern auf blauem Untergrund "Registration" und gleich daneben "Patriots". In den früheren Fabrikhallen treffen sich Politiker der Patrioten für Europa, einer rechtspopulistischen Fraktion im Europäischen Parlament, mit ihren Anhängern. Alle namhaften Führungsfiguren der Patrioten sind nach Budapest gekommen für Vorträge, Konferenzen und Bühnenprogramm - unter ihnen Marine Le Pen vom französischen Rassemblement National, der FPÖ-Vorsitzende Herbert Kickl und natürlich der Hauptredner: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán. Der wiederum muss kurz vor den ungarischen Parlamentswahlen am 12. April zittern. Sein Konkurrent Péter Magyar liegt mit seiner konservativen Tisza-Partei in vielen Umfragen um einige Prozentpunkte vor Orbáns Partei Fidesz. Das Rennen wird knapp.

Deshalb steckt wohl auch Wahlkampftaktik hinter dem relativ spontan anberaumten Treffen der selbst ernannten Patrioten. Eine Wahlniederlage Orbáns wäre einen großen Verlust für politische Verbündete in ganz Europa bedeuten. Schließlich ist Orbán nicht nur für europäische Rechtspopulisten ein politisches Vorbild, sondern auch für die amerikanische "Make America Great Again"-Bewegung um US-Präsident Donald Trump. Seit 16 Jahren sitzt Orbán fest im Sattel und hat seitdem jede Wahl gewonnen - obwohl in Ungarn die Korruption grassiert, der Sozialstaat marode ist und die Unabhängigkeit der Justiz faktisch abgeschafft wurde.

Jeder Vierte Ungar ist Fidesz-Stammwähler

In Umfragen einiger ungarischer Institute wie Medián und Závecz liegt Magyars Partei teils deutlich vor der Orbáns, während regierungsnahe Häuser Fidesz auf Platz eins sehen. Langzeit-Analysen wie jene des Republikon Instituts verorten Fidesz' Stammwählerschaft bei etwa einem Viertel. Der Rückhalt für Orbán schwindet allmählich in der Bevölkerung. Beobachter halten einen Wahlsieg des ungarischen Premiers aber noch immer für möglich. Viele Botschaften Orbáns verfangen noch immer bei den Wählern, etwa, wenn er sich als Verteidiger nationaler und familiärer Werte gibt oder als die letzte Bastion vor einem angeblichen Kriegseintritt ungarischer Soldaten in der Ukraine.

Bei dem Patriots-Treffen versammeln sich all jene, die Orbán - oder zumindest Teile seine Politik - regelrecht feiern. Die Veranstaltung ist relativ gut besucht. Hochzeitsmeister Bence wartet schon einige Minuten in der Schlange. Gleich kann er die Eisengitter passieren und sich am Empfang registrieren. Er besucht die Veranstaltung, um Menschen zu treffen, die ähnlich über Ungarn denken wie er. "Ich schätze Viktor Orbán und stimme ihm in vielen Punkten zu, und obwohl er für viele Menschen eine polarisierende Persönlichkeit darstellt, bin ich der Meinung, dass er den Ideen, für die ich eintrete, doch am nächsten steht", sagt Bence.

Dann zählt Bence die drei Werte auf, die ihm bei Orbáns Politik am wichtigsten sind: der Schutz der ungarischen Grenzen, die christliche Weltanschauung und das Prinzip "Der Vater ist Mann, die Mutter ist Frau".

Soziale Sonderleistung macht Orbán beliebt

Bences Angaben stehen exemplarisch für die Meinungen vieler anderer Anhänger Orbáns. In Umfragen - insbesondere von regierungsnahen Instituten wie Nézőpont oder Századvég - nennen Fidesz-Wähler wirtschaftliche Sicherheit, soziale Sonderleistungen sowie Orbáns Rolle als Garant der nationalen Interessen und des Grenzschutzes als Gründe für ihre Unterstützung. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung vom Juni 2025, die nicht nur Orbán-Fans, sondern die Allgemeinbevölkerung befragte. Als größte Erfolge von Orbáns Regierung während ihrer gesamten Amtszeit werden von dem Ungarn vor allem drei Sozialleistungen genannt: die Wiedereinführung der 13. Rentenauszahlung, die Unterstützung von Familien mit Kindern und die staatliche Bezuschussung von Wohnnebenkosten. Auf Platz vier landet Orbáns restriktive Migrationspolitik, dicht gefolgt von der "Verhinderung, in den Russland-Ukraine-Krieg hineingezogen zu werden".

Die noch unentschiedenen Wähler auf seine Seite zu ziehen, wird für Orbán entscheidend sein. Der Anteil der Unentschlossenen variiert stark je nach Institut, sie könnten zwischen einem Drittel und unter zehn Prozent ausmachen. Im Wahlkampf versucht Orbán momentan nicht zuvorderst mit den Erfolgen von Fidesz zu punkten. Zu offensichtlich sind die Folgen der massiven Korruption für die Entwicklung der Wirtschaft und Infrastruktur sowie des Gesundheits- und Bildungswesens. Orbán hat sich deshalb vor allem auf negative campaigning gegen Brüssel und Kiew versteift. Er behauptet, die EU bezahle angeblich seinen Kontrahenten Magyar, um an der Seite der Ukraine gegen Russland in den Krieg zu ziehen. Orbán bedient angesichts der Invasion also dieselbe Täter-Opfer-Umkehr wie die russische Propaganda.

Einige Ungarn haben tatsächlich Angst, gegen ihren Willen am Krieg in der Ukraine beteiligt zu werden. Auch Rita macht sich Sorgen. Die 51-jährige Personalmanagerin steht ebenfalls Schlange, um die Patriot-Veranstaltung in den einstigen Fabrikhallen zu besuchen. "Ich habe das Gefühl, dass es sich hier wirklich nicht nur um Worte handelt, die Orbán verkündet - Sicherheit und Frieden -, sondern dass er das auch wirklich ernst meint", sagt Rita. Orbán halte Ungarn aus gewalttätigen Konflikten heraus und vertrete ihre Werte: "Nation, Familie, Heimat".

Schmutzkampagnen gegen Magyar mit KI-Videos

Völlig anders bewertet Rita die Politik Magyars und der Tisza-Partei, vor allem im EU-Kontext. Sie teilt das Narrativ, das Orbán im Wahlkampf verbreitet: "Die Europäische Volkspartei, der Péter Magyar angehört, vertritt die Meinung - das haben sie ja mehrfach erklärt -, dass es ihr Traum ist, dass Soldaten der Europäischen Union gemeinsam in den Krieg gehen." Falls seine "Vorgesetzten" in der Europäischen Union Magyar sagten, er solle in den Krieg gehen, werde er dies tun, so Ritas Überzeugung. Unklar bleibt dabei, wer diese "Vorgesetzten" sein sollen - für Magyar als Vorsitzenden der Tisza-Partei im Europäischen Parlament.

Die pro-europäische Ausrichtung seiner Partei spielt in Magyars Wahlkampf eine große Rolle. Wie Ritas Beispiel zeigt, fällt die Taktik nicht überall auf fruchtbaren Boden - die Skepsis gegen die Technokraten in Brüssel, befeuert durch Orbáns Propaganda, bleibt. Dennoch hält Magyar daran fest, sich als Anti-Orbán zu positionieren, nicht nur durch das Versprechen, die eingefrorenen Fördergelder der EU wiederzubekommen. Magyar stellt den Ungarn auch in Aussicht, den desolaten Sozialstaat zu sanieren, die Korruption zu bekämpfen, für bessere Löhne zu sorgen und den Rechtsstaat wiederherzustellen.

Aber eingefleischte Orbán-Anhänger wollen von Magyar und seinen Versprechen nichts wissen. Viele von ihnen unterstützen auch die breit angelegte Schmutzkampagne, die Orbán gegen Magyar fährt. Die Verleumdungsmethoden reichen von KI Videos über PR-Kampagnen bekannter Influencern bis hin zu umstrittenen Strafverfahren. Maygyars Politik wird so als Teil einer von außen gesteuerten Kampagne gegen Ungarn dargestellt.

Sex-Video bringt Orbán-Anhänger gegen Magyar auf

Auch Katalin regt sich über Magyar auf, als sie in der Schlange vor dem Eingang der "Patriots" steht. Die 69-jährige Rentnerin bezeichnet sich selbst als "Orbán-Fan". Magyar ist für sie hingegen ein "Clown" und ein "psychisch kranker" Mensch. "Ich will ihn gar nicht groß analysieren, denn es gibt Fachärzte, die sein Verhalten und alles andere untersuchen sollten", sagt die ehemalige Standesbeamtin. Magyar schüre Hass gegen Orbán. Katalin will nicht mit "solchen verblendeten Linksextremen diskutieren, denn sie wissen angeblich nur eines: dass sie [Fidesz] stehlen".

Teil der Verleumdungskampagne gegen Maygar ist ein Video, das angeblich existiert und den Tisza-Vorsitzenden beim Sex mit seiner Ex-Freundin zeigt. Auf einer anonymen Webseite wird die Veröffentlichung des Videos angekündigt, es ist aber nicht online. Magyar spricht von Erpressung mit einer heimlich aufgenommenen, vielleicht sogar manipulierten Aufnahme mit einer Ex-Partnerin.

Die Vorwürfe passen in die Welt der Fidesz-Propaganda, die sich auf einen Vorfall aus dem Janaur 2023 stützt. Damals nahm Magyar ein privates Gespräch mit seiner einstigen Ehefrau, der damaligen Justizministerin Judit Varga, auf. Darin spricht Varga, die Fidesz-Mitglied ist, von beeinflussten Korruptionsermittlungen wegen eines Bestechungsskandals im Umfeld des Justizministeriums. Mehr als ein Jahr später veröffentlichte Magyar diesen Audiomitschnitt als Beleg dafür, wie Órbans Regierung Ermittlungsakten manipuliere.

Daraufhin bestätigte Varga, das Gespräch sei echt gewesen. Sie erklärte jedoch, sie habe damals gesprochen, weil ihr Mann sie psychisch und teils physisch unter Druck gesetzt habe. Seither bestreitet sie, dass ihre Aussagen ein Beleg für systematische Korruption sind. Fidesz-Politiker und regierungsnahe Medien rücken nun die moralische Frage der heimlichen Aufnahme und Veröffentlichung eines intimen Gespräches in den Vordergrund. Sie bezeichnen Magyar als illoyalen Ex-Mann ohne Anstand.

Ferenc findet, es sei eine "bodenlose Frechheit", dass Magyar ein heimlich aufgenommenes Gespräch seiner Ex-Frau veröffentlicht habe. Er hält es auch für möglich, dass ein Sex-Video von Magyar und dessen Ex-Freundin existiert. Der junge Ungar, der momentan in Hamburg lebt und sich beruflich weiterbildet, ist nach Budapest gereist, um die Initiative der Patriots "persönlich zu unterstützen". Ferenc ist Stolz auf die Herkunft und die Identität wichtig. Er steht bereits am Eisentor, lässt aber andere Leute in der Schlange vor, weil er noch über Magyar und den Mitschnitt vom Gespräch mit Varga sprechen will: "Wenn Magyar heimlich eine sehr nahestehende Vertrauensperson aufnimmt und das ein Jahr später veröffentlicht, wo ist bei ihm dann die Grenze?" Warum er Orbán unterstütze, sei eine komplexe Frage, sagt Ferenc. Aber immerhin verbringe Orbán keine "Sex-Abende mit ihm bekannten oder auch unbekannten Menschen".

Ferenc sagt noch, er werde hoffentlich reingelassen, obwohl er die digitale Registrierung am Vorabend versäumt habe. Dann verschwindet er hinter den Eisengittern. Die Schlange hinter ihm wird wieder länger. Die Stimmung ist recht ausgelassen. Einige haben sich in Orbán-Merchandise gekleidet, um den ungarischen Premier gebührend zu feiern - etwa mit Kappen, auf denen steht: "Make Hungary Great Again".

Quelle: ntv.de

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