Politik

PR-Truppe statt Putins Krieger? Das Rätsel um Kadyrows abgetauchte "Bluthunde"

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Ramsan Kadyrow wollte die Invasion der Ukraine als Gelegenheit nutzen, sowohl seine Macht in der Heimat als auch sein Profil zu stärken.

(Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

Im Krieg in der Ukraine setzt die russische Regierung auf die Unterstützung tschetschenischer Söldner. In den ersten Tagen sind die Männer von Ramsan Kadyrow in Kampfhandlungen verstrickt, doch nach schweren Verlusten sollen sie sich mittlerweile auf den Medienkrieg beschränken.

Ramsan Kadyrow nimmt im Krieg in der Ukraine eine prominente Rolle an der Seite der russischen Invasoren ein. Der tschetschenische Regionaldiktator inszeniert sich dabei gerne als "Bluthund" von Präsident Wladimir Putin. Der 45-Jährige gilt als Mann fürs Grobe, seine Privatarmee hat sich den Ruf äußerster Brutalität erarbeitet, geht unter anderem in der Heimat gnadenlos gegen Aufständische, Andersdenkende und auch gegen Homosexuelle vor. Seine Söldner werden verdächtigt, mehrere Auftragsmorde begangen zu haben, etwa gegen russische Oppositionelle.

Welche Rolle Kadyrow und seine Kämpfer in der Ukraine genau einnehmen, ist auch vier Wochen nach Beginn des russischen Überfalls noch unklar. In den ersten Tagen sollen sie in Kampfhandlungen involviert gewesen sein. Vor allem bei den heftigen Gefechten am Flughafen Hostomel, nordwestlich der Hauptstadt Kiew. Dort allerdings sollen die "Kadyrowzy", unter anderem einem Bericht des "Guardian" zufolge, schwere Verluste erlitten haben. Ein Sprecher der ukrainischen Spionageabwehr sagte Radio Svoboda, dass mehrere Hundert Tschetschenen getötet wurden, darunter ein hochrangiger Kommandeur.

Seither gibt es kaum noch Berichte über weitere Angriffe der "Bluthunde". In Mariupol sollen Einheiten die Russen bei der Belagerung der Hafenstadt unterstützen. Laut dem Portal "ukrinform" fallen die Tschetschenen derzeit vor allem mit Belästigungen von Ukrainern auf - und mit ihren Aktivitäten in den sozialen Netzwerken. "Sie waren zu Beginn des Konflikts sehr präsent, haben seither aber nicht mehr an Feuergefechten teilgenommen", sagt Ruslan Lewiew, ein Sicherheitsexperte und Gründer der Investigativplattform Conflict Intelligence Team, dem Portal currenttime.tv. "Wir nennen sie mittlerweile PR-Truppen, sie machen viele Videos und Fotos, zeigen sich mit Gewehren und dabei, wie sie Haushalte überfallen und angeblich humanitäre Hilfe verteilen."

Kadyrows Ankündigungen verhallen

Das Vorgehen der "Kadyrowzy" widerspricht all den Ankündigungen, die ihr Anführer in den ersten Tagen des Kriegs gemacht hatte. Er sprach davon, dass seine Truppen die Ukraine in nur zwei Tagen "säubern" würden. Kadyrow bat Putin sogar darum, seinen Söldnern einen entsprechenden Befehl zu erteilen, "damit sie mit den Nazis und natürlich mit den Terroristen fertig werden, die unsere Frauen, die Alten, getötet haben, und Kinder in der Republik Tschetschenien". Mehreren Berichten zufolge wurden die Spezialeinheiten auch rekrutiert, um Attentate auf wichtige ukrainische Führer in den ersten 48 Stunden der Invasion durchzuführen. Unter anderem auf Präsident Wolodymyr Selenskyj. Die Attentate sind gescheitert.

Ein Bericht des "Guardian" legt nun offen, dass es innerhalb der tschetschenischen Truppen schwere Konflikte gibt. Viele Kämpfer sollen sich demnach aufgrund der schlechten Planung des Kriegs in den ersten Tagen als "Kanonenfutter" gefühlt und von der Front zurückgezogen haben. Die Zeitung schreibt, dass die "Kadyrowzy" mittlerweile mehr einen Medienkrieg denn einen tatsächlichen Kampf führen würden. Die Art der Darstellung dürfte zu Problemen mit dem Kreml führen. Die Tschetschenen nennen den Konflikt "Krieg" - und ignorieren die Propagandaentscheidung von Putin, die Invasion als "Spezialoperation" zu bezeichnen. Sie spotten dabei offenbar auch wiederholt über die russischen Kommandeure (mit weiblichen Bezeichnungen).

In dem Medienkrieg geht es vor allem darum, neue Rekruten aufzutreiben. Doch das gestaltet sich schwierig. 1000 US-Dollar pro Monat plus Zuschläge für erfolgreiche Operationen sollen den Kämpfern geboten werden. Die Zeitung beruft sich dabei auf entsprechende Textnachrichten eines Vermittlers. Aber sowohl angesprochene Kampfsporttrainer als auch junge Rekruten seien nicht in großer Zahl auf die Angebote eingegangen.

Zweites großes PR-Desaster

Aleksandre Kvakhadze, wissenschaftlicher Mitarbeiter der georgischen Stiftung für strategische und internationale Studien, sagte im "Guardian" über die Anwerbungsversuche: "Sie geben sich große Mühe, Freiwillige zu mobilisieren, bieten eine großzügige finanzielle Belohnung für die Teilnahme an, aber Telegram und Lecks deuten darauf hin, dass dies nicht erfolgreich ist." Das Filmmaterial und die Metadaten würden zeigen, dass die meisten tschetschenischen Streitkräfte mindestens 20 Kilometer von der Front entfernt sind

"Kadyrow scheint vom Ausmaß des ukrainischen Widerstands schockiert gewesen zu sein, und es scheint, dass Dutzende, wenn nicht Hunderte seiner Leute getötet wurden. Er hat viele Leute, ungefähr 12.000, aber um in der Heimat an der Macht zu bleiben, braucht er diese Kämpfer", sagte Emil Solomon Aslan vom Institut für politische Studien der Karls-Universität in Prag dem "Guardian". Wenn sie in der Ukraine zu viele schwere Schäden erleiden, könne das für Kadyrow nach hinten losgehen. "Dies könnte die Gerüchte erklären, dass er einige seiner Streitkräfte zurückgezogen hat." Für Kadyrow sind solche Gerüchte (die sich nicht unabhängig überprüfen lassen) das zweite große PR-Desaster innerhalb weniger Tage. Vergangene Woche war der Anführer von ukrainischen Medien der "Kiew-Lüge" überführt worden. Ein Video aus der Nähe der Hauptstadt soll stattdessen in der Heimat Tschetschenien entstanden sein.

Kadyrow hat die Invasion der Ukraine offenbar als Gelegenheit gesehen, sowohl seine Macht in der Heimat als auch sein Profil zu stärken. Welche Folgen die Ereignisse auf dieses Ziel haben, lässt sich kaum abschätzen, Experte Aslan sagt: "Er will sich als knallharter Anführer dieser knallharten, aufopferungsbereiten Kämpfer zeigen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie bereit sind, ihr Leben für ihn aufzugeben."

Quelle: ntv.de, tno

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