Wer mit wem in Magdeburg?Das sagt der Koalitionsrechner zur Wahl in Sachsen-Anhalt

Gebannt blickt Deutschland nach Sachsen-Anhalt. Welche Folgen ergeben sich aus der Landtagswahl? Das Wahlergebnis schafft schwierige Mehrheitsverhältnisse im Magdeburger Landesparlament. Welche Koalitionen sind rein rechnerisch möglich?
Sachsen-Anhalt hat gewählt, die AfD fährt laut vorläufigem amtlichen Auszählungsergebnis einen klaren Wahlsieg ein. In dem Bundesland mit seinen rund 2,1 Millionen Einwohnern zeichnet sich eine komplizierte Regierungsbildung ab. Wie lassen sich unter den neuen Bedingungen stabile Mehrheiten bilden?
Die CDU muss in Sachsen-Anhalt herbe Verluste verkraften. Die SPD wird knapp vor den Grünen und noch vor der Linkspartei neue drittstärkste Kraft. Die FDP scheitert am Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde. Dem Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) gelingt der dagegen erstmals der Einzug ins Landesparlament. Welche Koalitionsoptionen stehen in Sachsen-Anhalt theoretisch offen?
Hinweis: Alle Daten und Infografiken zur Landtagswahl 2026 werden laufend aktualisiert.
Großer Verlierer der Wahl ist die CDU: Der erst seit Januar amtierende Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Sven Schulze, konnte bereits angesichts der Umfragewerte im Vorfeld des Wahltermins kaum darauf hoffen, die bisher regierende Koalition aus CDU, SPD und FDP ohne Anpassungen fortzusetzen. In den Daten der Meinungsforscher hatten sich in den Wochen vor dem Wahltermin bereits kräftige Einbußen für Schulzes CDU abgezeichnet. Vor allem die FDP entwickelt sich in Schulzes Koalitionsplanungen zum Sorgenkind. Das Auszählungsergebnis bestätigte die Aussichten: Der Wiedereinzug in den Landtag ist für die Liberalen gescheitert.
Eine Neuauflage der bisher in Sachsen-Anhalt regierenden Koalition aus CDU, SPD und FDP ist damit ausgeschlossen. Die AfD kann als Wahlgewinner den Auftrag zur Regierungsbildung für sich beanspruchen: Der kräftige Vorsprung der Rechten lässt sich für den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen in eine tragfähige Grundlage übersetzen. Bei der Sitzverteilung reicht es für die Rechtspopulisten nicht bis zur absoluten Mehrheit aus eigener Kraft. Siegmund muss sich mindestens einen Koalitionspartner suchen - oder auf die Regierungsverantwortung verzichten.
"Im Notfall wird es halt Neuwahlen geben"
Bisher waren im Magdeburger Landtag mit CDU, AfD, Linken, SPD, FDP und Grünen insgesamt sechs Fraktionen vertreten. Nach der Wahl verringert sich die Anzahl der Parteien im Landesparlament nicht: Anstatt der Liberalen kann Wagenknechts BSW Abgeordnete in den Landtag schicken. Aufgrund der neuen Mehrheitsverhältnisse bietet sich allerdings kein leichter Weg zur Regierungsbildung ab.
Dem Bündnis Sahra Wagenknecht könnte eine entscheidende Rolle zukommen: Die aus einer Abspaltung von der Linkspartei hervorgegangene Partei signalisierte der AfD bereits im Vorfeld ihre Bereitschaft zu einer Zusammenarbeit. Um den Sprung in den Landtag mussten die BSW-Anhänger lange bangen: Am Wahlabend bewegten sich die Hochrechnungen für das BSW über weite Strecken nah an der entscheidenden Fünf-Prozent-Marke. Bei der Sitzverteilung rückte die absolute Mehrheit für die AfD durch den Einzug des BSW in den Landtag außer Reichweite.
Aus den nun feststehenden Mehrheitsverhältnissen ergeben sich in Sachsen-Anhalt schwierige politische Perspektiven. Die absolute Mehrheit hat die AfD knapp nicht erreicht. Mit dem Koalitionsrechner lassen sich nun verschiedene mögliche Szenarien skizzieren: Mit dem BSW im Landtag käme die AfD in Sachsen-Anhalt auf eine knappe Mehrheit der Sitze - falls es zu einer Koalition der AfD mit dem BSW kommt. Ohne das BSW fehlen den Rechten mindestens drei Mandate. Die entscheidende Schwelle liegt bei 42 des künftig 83 Sitze umfassenden Landtags.
Ein einfacher Weg ins Amt des Ministerpräsident wäre es jedoch selbst mit BSW-Schützenhilfe nicht: AfD-Spitzenkandidat Siegmund müsste im Fall eines Wahlerfolgs des BSW eine schwer berechenbare Links-Rechts-Koalition mit starkem Einfluss der BSW-Führungsfigur Wagenknecht eingehen. Eine solche Kooperation ist selbst innerhalb der Rechtspartei umstritten.
AfD-Politiker Siegmund lehnt BSW-Angebot ab
Und: AfD-Politiker Siegmund hat bereits angekündigt, dass er keine Kompromisse für eine Koalition eingehen will. Das Angebot des BSW für einen überparteilichen Ministerpräsidenten nannte Siegmund am Wahlabend "Gewurschtel". Die AfD wolle ihre Werte und Ziele nicht "für irgendwelche Machtspielchen" aufgeben, meinte er.
Eine Zusammenarbeit könne es nur mit denen geben, die den AfD-Anspruch eines klaren Politikwandels mittragen würden - "ob es durch eine Fraktion oder durch einzelne Abgeordnete passiert", sagte Siegmund. Auf die Frage, was geschehe, wenn dies nicht möglich sei, sagte er: "Im Notfall wird es halt Neuwahlen geben." Dann, so gab er sich zuversichtlich, werde die AfD "50 oder 55 Prozent" erzielen.
Rechnerisch möglich sind eine ganze Reihe andere Konstellationen: Die AfD könnte theoretisch mit jeder anderen im Landtag vertretenen Partei Koalitionsgespräche führen, um sich die für das Amt des Ministerpräsidenten erforderliche Mehrheit zu sichern. Realistisch erscheinen solche Versuche jedoch nicht: Abgesehen vom BSW zeigen die übrigen Parteien keinerlei Bereitschaft, mit den Rechten ein Regierungsbündnis einzugehen, um Siegmund den Weg an die Macht zu ebnen.
Sachsen-Anhalt könnte politisch in eine Art Pattsituation geraten: Selbst Überlegungen, dass CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze an der AfD vorbei ein neues Regierungsbündnis schmieden könnte, scheinen unter den nun feststehenden Mehrheitsverhältnissen schwierig. Schulze kommt selbst mit SPD, Grünen und Linken nur auf 39 der 83 Sitze - und damit auf keine erforderliche Mehrheit. Schluze sieht seine Partei vorerst nicht am Zug. "Wir haben als CDU keinen Regierungsauftrag mehr. Wir sind Opposition", sagte er nach den CDU-Gremiensitzungen am Morgen nach der Wahl.
Die Linkspartei rechnet unterdessen mit einem AfD-Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei enorm groß, sagte die Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern. Parteichefin Ines Schwerdtner ergänzte, es bleibe das Ziel, die AfD von der Macht fernzuhalten und Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen.
Eine unkomplizierte Lösung ist nicht in Sicht. Sollte Schulze mit der CDU eine Fortführung der Regierungsarbeit und das Amt des Ministerpräsidenten anstreben, müsste er sich dazu - in einem Landtag mit den insgesamt sechs vertretenen Parteien - neben der SPD noch drei weitere Koalitionspartner suchen - oder zumindest deren Zustimmung bei der Wahl des künftigen Ministerpräsidenten sichern. Für eine Zusammenarbeit mit dem BSW müsste Schulze zudem parteipoplitisches Neuland betreten - gegen den ausdrücklichen Wunsch der Bundes-CDU - und anschließend womöglich eine schwer kalkulierbare Fünfer-Koalition führen.
Unter Umständen bleibt im Magdeburger Landtag nur die Option über eine CDU-geführte Minderheitsregierung offen. Eine solche Konstellation wurde im Vorfeld als "Mehrheit für die Parteien der Mitte" besprochen, gemeint waren damit CDU, SPD und Grüne - die nach der Wahl allerdings über keine Mehrheit verfügen. Eine solche Minderheitsregierung wäre allerdings auch auf die Unterstützung von Linken und BSW angewiesen. Das Problem: Die CDU lehnt für sich in einem Parteitagsbeschluss eine Koalition und "ähnliche Formen der Zusammenarbeit" mit den Linken bisher ebenso ab wie mit der AfD.
Minderheitsregierung - geduldet vom BSW?
Denkbar wäre nach diesem Muster auch eine Minderheitsregierung unter Regie der AfD, falls etwa sich das BSW bereit erklärt, die erforderlichen Stimmen zur Wahl eines ersten AfD-Ministerpräsidenten beizusteuern. "Natürlich ist ein Regierungs-Szenario mit dem BSW für uns als AfD sehr interessant", meinte AfD-Chefin Alice Weidel am Wahlabend. Ebenso sei eine Minderheitsregierung "eine relevante Option für die AfD in Sachsen-Anhalt".
Über Sachsen-Anhalt hinaus wird das Ergebnis dieser Landtagswahl Deutschland wohl noch länger beschäftigen. Nach der Veröffentlichung des vorläufigen amtlichen Endergebnisses durch Landeswahlleiterin Christa Dieckmann ist zumindest geklärt, wie der Wählerwille aussieht und wie sich die Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt entschieden haben. Am Tag nach dem Votum vom 6. September müssen Landespolitiker in Abstimmung mit ihren Parteizentralen in Berlin klären, wie es in dem Bundesland zwischen Harz und Elbe weitergehen kann.


