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Vom Manager zum Politiker Das sind Henkels Pläne mit der AfD

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Professor, Manager, Publizist und nun auch Politiker: Hans-Olaf Henkel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Bei seiner Vorstellung stiehlt Hans-Olaf Henkel sogar Bernd Lucke die Show. Doch einen Rivalen muss der AfD-Chef nicht fürchten. Dafür hat er einen neuen Scharfmacher. Zum Einstand spricht Henkel den Deutschen gleich die Reife ab.

Dass an diesem Tag irgendetwas anders ist, merkt Bernd Lucke spätestens um kurz nach halb vier. Hans-Olaf Henkel hat gerade ausführlich über das Thema Bankenrettung gesprochen, da fragt der AfD-Chef: "Darf ich auch noch was sagen?". Doch die Pressesprecherin bleibt eisern: "Wir haben noch so viele Fragen, nur ganz kurz bitte!". Lucke schaut verblüfft.

Eine halbe Stunde vorher war Henkel, der spektakuläre Neuzugang, als erster in den Raum gekommen und von einem Blitzlichtgewitter in Empfang genommen worden. Lucke folgte einige Minuten später. An diesem Tag ist nicht er die Hauptfigur. Für den Parteichef ist das ungewohnt. Ging es um die AfD, war ihm bisher die volle Aufmerksamkeit gewiss. Nun hat die Partei einen neuen Star. Mit Henkels Beitritt ist den Eurokritikern ein überraschender Coup gelungen. Nur: Warum tut er sich das überhaupt an?

Eine Woche nachdem der Parteibeitritt bekannt wurde, äußert sich Henkel nun erstmals zu seiner Mitgliedschaft. Zeit seines Lebens stand er auf Seite der Wirtschaft. Er war Manager von IBM und Chef des Bundesverbands der Deutschen Industrie. Politisch galt er immer als Liberaler, agierte bisher jedoch immer nur vom Spielfeldrand. Ein Angebot von der SPD lehnte er ab, von der FDP distanzierte er sich spätestens nach dem Scheitern der parteiinternen Abstimmung gegen den ESM. Daraufhin wandte sich Henkel zunächst den Freien Wählern zu, seit Frühjahr letzten Jahres unterstützt er die AfD. Während viele Beobachter über ein aktives Engagement spekulierten, schien er den Wechsel auf das Spielfeld lange zu scheuen.

Alle Ämter niedergelegt

Doch kurz vor Weihnachten trat Henkel plötzlich bei. In der AfD wähnt er "die einzige Alternative zur Einheits-Euro-Politik" der etablierten Parteien. In Anspielung auf Ex-Kanzleramtschef Ronald Pofalla betont er fast genüsslich, nun einer der wenigen zu sein, der von der Wirtschaft in die Politik wechselt. "Ich habe mich entschlossen, als Geisterfahrer in die andere Richtung zu fahren", sagt Henkel. Der Schnitt ist vollzogen: Um Interessenskonflikte zu vermeiden, hat er, der zuletzt unter anderem Berater für die Bank of America war, und im Aufsichtsrat für die Continentale saß, sämtliche Ämter aufgegeben.

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Henkel mit Parteichef Lucke

(Foto: picture alliance / dpa)

Während Henkels Vortrag blickt der neben ihm sitzende Lucke fast wie ein Gast auf seiner eigenen Veranstaltung. Mit leicht herunter hängenden Mundwinkeln sitzt er da, anders als sonst ist er heute vor allem zum Zuhören verdammt. Doch Henkel lässt keinen Zweifel: Als Konkurrent für Lucke bringt er sich nicht in Stellung. An der Spitze der Partei seien "keine Hasardeure, sondern Ehren-Frauen und Ehren-Männer tätig". Dabei nennt er den AfD-Chef sogar als Hauptgrund für seinen Beitritt. "Der frische, unkomplizierte und unbestechliche Charme des Vorsitzenden hat mich besonders beeindruckt", schwärmt Henkel. So eine "sämtliche Klischees über den Haufen werfende Person" habe es bisher in der deutschen Politik noch nicht gegeben. Lucke sieht jetzt schon etwas zufriedener aus.

Über die mögliche Rolle Henkels ist viel spekuliert worden. Ein Parteiamt komme für ihn nicht infrage, versichert er, wohl aber eine tragende Rolle während des Europawahlkampfs. Als ein Journalist ihn auf eine mögliche Spitzenkandidatur anspricht, reagiert Lucke scharf. "Das ist eine Entscheidung unserer Versammlung. Wir stellen die Liste demokratisch auf, da wird vorher nicht ausgekungelt", stellt er klar. Und Henkel? Der 73-Jährige "wünscht" sich, dass der erste Platz an Lucke geht. Er selbst kann sich vorstellen, für Platz zwei oder drei zu kandidieren. Ein großes Risiko für ihn wäre das nicht: Durch die neue Drei-Prozent-Hürde reicht der AfD im Mai ein Wahlergebnis von fünf Prozent für fünf Sitze im EU-Parlament.

"Mut zur Wahrheit"

Inhaltlich bringt sich Henkel, das "ganz normale AfD-Mitglied", schon voll ein. Mit anderen Mitgliedern arbeitet er an der Ausarbeitung eines Europawahlprogramms, über das die Delegierten auf dem Bundesparteitag am 25. Januar in Aschaffenburg abstimmen. "Wir", wie er betont, "sind für ein besseres und nicht gegen Europa", für "ein Europa souveräner Staaten" und gegen dem "verhängnisvollen Trend zu Zentralisierung, Gleichmacherei und Sozialisierung". Für ihn gibt es drei Alternativen zum Eurokurs der Bundesregierung: den Ausschluss chronischer Defizitsünder, den freiwilligen Austritt von Überschussländern wie Deutschland und notfalls die Rückkehr zu nationalen Währungen. "Leicht ist keine der drei Optionen, aber jede ist besser als das, was heute läuft", sagt er.

Auf eine Portion Populismus mag der Neu-Politiker zum Einstand nicht verzichten. Henkel spricht den meisten Deutschen noch die Reife ab, "sich offen zur AfD zu bekennen". In anderen EU-Ländern könnten Menschen unbefangen über Alternativen zum Euro diskutieren, "ohne in eine rechte Ecke gestellt zu werden". In Deutschland scheuten sich jedoch viele, eurokritische Positionen nicht nur hinter vorgehaltener Hand, sondern auch in der Öffentlichkeit vorzutragen. Es gebe "eine Selbstzensur durch selbst auferlegte Tabus".

Henkels Kritik an der hiesigen Meinungsfreiheit ist ein klares Statement und ein Vorgeschmack. Er nimmt jenen "Mut zur Wahrheit" für sich in Anspruch, den seine Partei für sich so gern proklamiert. Henkel und die AfD - auf den ersten Blick passt das also ganz gut zusammen. Bernd Lucke jedenfalls schaut jetzt so, als hätte er das nicht viel besser sagen können. Bei dem redegewandten Parteichef mag das schon was heißen.

Quelle: n-tv.de

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