Politik

Kurden gegen Salafisten Der Bürgerkrieg spiegelt sich in Deutschland

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Nach einer Straßenschlacht trennt die Polizei Kurden und Salafisten.

(Foto: Verwendung weltweit)

Der Kampf um Kobane hat Auswirkungen auf deutschen Straßen. Das BKA fürchtet, dass die Ausschreitungen in Hamburg und Celle erst der Anfang sind. Wer kämpft hier eigentlich gegen wen?

Es ist eine verworrene Situation, in der eine ganze Reihe von Organisationen einander bekämpfen – im Nahen Osten wie auf deutschen Straßen. In den Krieg in Syrien und im Nordirak sind Islamisten, Kurden, Jesiden und viele weitere involviert. All diese Gruppen existieren auch in Deutschland, was dazu führte, dass in Hamburg und Celle Menschen mit Messern und Eisenstangen aufeinander losgingen. In Celle waren es Dienstagnacht einige Hundert Menschen, in Hamburg spricht die Polizei von 800.

Die Ausschreitungen könnten erst der Anfang gewesen sein. Das Bundeskriminalamt verfolgt derzeit die Geschehnisse im nordsyrischen Städtchen Kobane, das von Kämpfern des Islamischen Staates umstellt ist. Denn sollten die Islamisten den Ort einnehmen, befürchtet das BKA weitere Gewalt in Deutschland. Die Einnahme Kobanes und die dann wahrscheinlich folgenden Massaker an den dort lebenden Kurden würden in Deutschland eine neue Stufe der Eskalation auslösen, vermutet das BKA. Von dieser Einschätzung berichtet "Spiegel Online" unter Berufung auf ein internes Papier.

Gewalt durch Bilder aus Kobane

Ein Grund dafür, dass gerade der Kampf um Kobane in Europa so intensiv wahrgenommen wird, ist die Medienpräsenz im türkischen Suruc, das nur wenige Kilometer von Kobane entfernt liegt. Dadurch entsteht ein viel genaueres Bild der Lage, als das sonst in umkämpften Gebieten der Fall ist. Ein zweiter Grund ist, dass dieses Massaker schon seit Wochen erwartet wird, und die Reaktion dennoch halbherzig ist: Die US-geführte Allianz gegen den IS konzentrierte sich auf andere Felder, die Türkei hinderte zeitweise sogar Kurden daran, aus der Türkei nach Kobane zu fahren, um die Stadt zu verteidigen.

Zwar hat die IS-Miliz zuletzt Rückschläge erlitten, doch weiterhin erscheint es wahrscheinlich, dass Kobane fallen wird. Die zu erwartenden Bilder der Gräueltaten könnten massive Reaktionen bei der kurdischen Szene in Deutschland auslösen, heißt es beim BKA. Ohnehin bestehe eine Gewaltbereitschaft bei jungen PKK-Anhängern, die sich dann entladen könne.

800.000 Kurden in Deutschland

Die PKK ist die Arbeiterpartei Kurdistans, die in Deutschland wie in der Türkei weiterhin als Terrororganisation gilt und verboten ist. Die Partei kämpfte jahrzehntelang mit Anschlägen und politischen Morden gegen die Türkei, die damals die Kurden weit stärker unterdrückte, als sie es heute tut. Die syrische Schwesterpartei der PKK, die PYD, verfügt über eine der wenigen Milizen, die dem IS derzeit etwas entgegenzusetzen haben. Auch Kobane wird von der PYD verteidigt. In Deutschland hat die PKK laut Verfassungsschutzbericht 13.000 Anhänger. Insgesamt leben hierzulande 800.000 Kurden und 50.000 bis 90.000 Jesiden, die ethnisch gesehen auch Kurden sind. Wie die Kurden leiden auch die Jesiden im Irak unter dem Terror des IS.

Kurdische Demonstranten bildeten die eine Seite der gewalttätigen Auseinandersetzungen der vergangenen Tage. In Hamburg blockierten Kurden die Gleise des Hauptbahnhofs und sollen dabei von Salafisten mit Messern provoziert worden sein. Als die Salafisten danach in einen islamischen Imbiss flüchteten, warfen die Kurden dessen Scheiben ein. Später versuchten rund 50 Salafisten, einen kurdischen Kulturverein zu stürmen, was ihnen aber nicht gelang. Das Hin und Her gipfelte in einer Auseinandersetzung von je 400 Demonstranten auf jeder Seite, wovon einige bewaffnet waren. Die Polizei konnte die Gruppen nicht immer voneinander trennen, 14 Menschen wurden verletzt, 4 davon schwer.

Zwei schwierige Aufgaben für die Polizei

Die Salafisten sollen sich gezielt in der Nähe der Kurden-Veranstaltungen versammelt haben. Nach Angaben der Stadt Celle hat der Prediger Pierre Vogel dazu aufgerufen, nach Celle zu fahren. Vogel ist ein deutscher Konvertit, der auf viele junge Muslime Einfluss hat. Inspiriert durch seine Auftritte sollen sich schon einige Männer dem Islamischen Staat angeschlossen haben. Vogel distanziert sich nicht deutlich von der Terror-Armee. Der Verfassungsschutz spricht von 5500 Salafisten in Deutschland.

Salafisten streben eine Gesellschaftsform an, die so sein soll wie zu den Tagen des Propheten Mohammed – und mit demokratischen Vorstellungen nicht vereinbar ist. Viele von ihnen sympathisieren wohl auch mit dem Terrorregime des Islamischen Staats. Die Umtriebe dieser Salafisten gelten in Deutschland schon länger als Problem. Zum Beispiel versuchten sie im vergangenen Jahr einen Anschlag auf den rechtsextremen Politiker Markus Beisicht und legten 2012 eine Bombe am Bonner Hauptbahnhof. In die aktuellen Auseinandersetzungen waren auch Islamisten aus Tschetschenien involviert.

Sollten sich die Befürchtungen des Bundeskriminalamtes bestätigen, hat die Polizei damit zwei Aufgaben, die nicht immer leicht zu vereinbaren sein werden: Sie muss Gewalt von Kurden gegen türkische Einrichtungen verhindern und gleichzeitig Salafisten davon abhalten, kurdische Kundgebungen anzugreifen.

Quelle: ntv.de

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