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Ist Norbert Lammert der nächste Plagiator? Der schreckliche Verdacht

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Bei den Bundestagsabgeordneten vor allem wegen seines Humors beliebt: Norbert Lammert.

(Foto: REUTERS)

Am Anfang galt immer die Unschuldsvermutung – sowohl bei Karl-Theodor zu Guttenberg als auch bei Silvana Koch-Mehrin oder Annette Schavan. Doch am Ende stolperten sie alle über eine Plagiatsaffäre. Nun gibt es neue Vorwürfe – ausgerechnet gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert.

Auf dem Paradeplatz des Bendlerblocks wird es rührig. Karl-Theodor zu Guttenberg ist eingerahmt von Fackelträgern. Über Berlin ist längst die Dunkelheit eingebrochen, als das Stabsmusikkorps der Bundeswehr "Smoke on the Water" von Deep Purple anstimmt. Zwei Parteikollegen fehlen beim Großen Zapfenstreich für den zurückgetretenen Bundesverteidigungsminister: Annette Schavan und Norbert Lammert.

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(Foto: picture alliance / dpa)

Beide hatten Anfang 2011 zu den größten innerparteilichen Kritikern Guttenbergs gehört. Schavan sagte damals, dass sie sich angesichts der Plagiatsvorwürfe "nicht nur heimlich schäme". Bundestagspräsident Lammert warf dem Kabinettskollegen "Schlampigkeit" vor und bezeichnete die Affäre und ihre Umstände als "Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie".

Doch im Februar 2013 stolpert auch Schavan über eine Plagiatsaffäre. Wegen "vorsätzlicher Täuschung" entzog die Universität Düsseldorf der Bildungsministerin ihren Doktortitel. Kurze Zeit später trat sie zurück. Die Klage gegen die Aberkennung ihres Titels ist noch nicht entschieden. Ein halbes Jahr später richten sich die Vorwürfe nun gegen Lammert. Unter dem Pseudonym "Robert Schmidt" wirft ein Blogger ihm vor, in seiner Doktorarbeit erheblich getäuscht zu haben.

Lammert: Nach bestem Gewissen

Im Oktober 1976 hatte Lammert seine Arbeit an der Ruhr-Universität Bochum eingereicht, Titel: "Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung – Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbands im Ruhrgebiet". Schmidt will in seiner ersten Prüfung auf 42 der insgesamt über 200 Seiten "Unregelmäßigkeiten" festgestellt haben. Es gebe damit "genug problematische Belegstellen", die eine offizielle Untersuchung rechtfertigten. Dabei handele es sich überwiegend um Plagiate.

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Lammerts Dissertation ist inzwischen online abrufbar.

(Foto: picture alliance / dpa)

Lammert habe die Literatur nicht in der Weise eingearbeitet, wie er dies angegeben habe. Einen erheblichen Teil habe er, so schreibt der Autor auf der Internetseite lammertplag.wordpress.com, sogar "ganz offenbar nicht gelesen". Darauf weise auch die Übernahme zahlreicher charakteristischer Fehler aus der Sekundärliteratur hin. Lammert weist die Vorwürfe zurück. "Ich habe meine Doktorarbeit nach bestem Wissen und Gewissen angefertigt", sagt der 64-Jährige. Daher sei er "von ihrer wissenschaftlichen Qualität überzeugt".

Am Montag kontaktierte der gebürtige Bochumer den Ruhr-Uni-Rektor Elmar Weiler und bat um Prüfung seiner fast 40 Jahre alten Dissertation. Die Universität, an der der CDU-Politiker seit 2008 eine Honorarprofessur inne hat, will sich erst zu dem Fall äußern, wenn die Überprüfung abgeschlossen ist. Lammert selbst stellte seine Doktorarbeit inzwischen ins Netz.

Positives Zeugnis für Schmidt

Nicht nur Parteikollegen, auch Politiker aus der Opposition wie SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück reagieren zurückhaltend auf die Vorwürfe und warnen vor einer Vorverurteilung. "Es gilt die Unschuldsvermutung. Ich warne davor, wieder in eine Kommentarlage zu verfallen, die die Reputation und Integrität des Bundestagspräsidenten beschädigen kann", so Steinbrück.

  • geboren am 16.11.1948 in Bochum
  • Studium der Politikwissenschaft/Soziologie
  • seit 1966 Mitglied der CDU
  • seit 1980 Mitglied des Deutschen Bundestags
  • seit 2005 Bundestagspräsident

Aber wer ist eigentlich dieser Robert Schmidt? Unter demselben Pseudonym hatte ein unbekannter Autor im Frühjahr 2012 als erster auf Fehler in Schavans Doktorarbeit hingewiesen. Ob er die Beschuldigungen gegen Lammert absichtlich sieben Wochen vor der Wahl lanciert hat? Eine Antwort gibt Schmidt nicht. Über seinen Internetblog ist er nicht erreichbar, er will seine Identität nicht preisgeben.

Ein Kollege von ihm schon: Martin Heidingsfelder ist ebenfalls Plagiatsjäger. Auf der Seite VroniPlag Wiki hatte er in der Vergangenheit unter anderem Vorwürfe gegen die Politiker Silvana Koch-Mehrin und Jorgo Chatzimarkakis erhoben, denen später der Doktortitel aberkannt wurde. Auch am Sturz Schavans hatte er seinen Anteil. Der 48-Jährige lobt Schmidt, obwohl dieser ihn in seinem Blog als "notorischen Nürnberger Kaufmann" bezeichnet.

"Hohe Fähigkeit, Dinge zu erkennen"

Heidingsfelder attestiert Schmidt, mit dem er in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe, eine "hohe Fähigkeit, Dinge zu erkennen". Schon im Fall Schavan habe er "exzellent dokumentiert". Und bei Lammert? "Schmidt hat wieder gute Arbeit geleistet. Was er gemacht hat, sieht sehr ordentlich und sauber aus", sagt Heidingsfelder n-tv.de. Sein Urteil: "Ich gehe davon aus, dass Lammert seinen Doktortitel verlieren kann und seine persönliche Konsequenzen ziehen wird."

Der Bundestagspräsident genießt in seinem Amt einen herausragenden Status. Formal steht er in der politischen Hierarchie der Republik gleich hinter dem Bundespräsidenten und sogar vor der Kanzlerin. Als parteiübergeordnete Autorität leitet er die Sitzungen des Parlaments. Bekannt ist Lammert vor allem für seinen ironischen Humor.

"Ich freue mich über die erkennbar gute Laune und bin gespannt, wie lange sie anhält", sagte er in der vorletzten Bundestagssitzung vor der Sommerpause mit Blick auf den Wahlkampf flapsig. Zu welchem Urteil die Bochumer Uni auch kommen mag: Die Heiterkeit dürfte Lammert nun wohl erst einmal vergangen sein.

Quelle: n-tv.de

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