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Der Kriegstag im Überblick Deutschland beginnt Ausbildung ukrainischer Soldaten - Gastransport gedrosselt

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An der Panzerhaubitze 2000 werden ab sofort ukrainische Soldaten, Techniker und Helfer im deutschen Idar-Oberstein ausgebildet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Gefechte zwischen Ukrainern und Russen gehen weiter, um Charkiw, im Donbass und um die Schlangeninsel. Pro-russische Kräfte planen die Region Cherson bald ins russische Staatsgebiet einzugliedern. Derweil arbeitet die EU weiter am Verzicht auf russische Energieträger - Deutschland bekommt direkt einen kleinen Vorgeschmack darauf, da Russland offenbar den Gastransport drosselt. Der 77. Kriegstag im Überblick.

Russland meldet Beschuss hunderter Militärziele

Die russischen Streitkräfte haben nach eigenen Angaben in der Nacht zum Mittwoch jeweils mehr als ein Dutzend Munitionsdepots und Gefechtsstände der Ukraine vernichtet. "Raketenstreitkräfte und Artillerieeinheiten haben 407 Gebiete mit Ansammlungen von Truppen und Militärtechnik beschossen, dabei 13 Gefechtsstände, 4 Stellungen von Raketenwerfern des Typs Ossa-AKM und 14 Munitionsdepots zerstört", sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, in Moskau. Hinzu käme die Zerstörung von zwei Kommandostellen und drei Munitionsdepots durch Heeresflieger und taktische Luftwaffe. Insgesamt hätten russische Luft- und Artillerieschläge in der Nacht 280 ukrainische Soldaten getötet und fast 60 Militärfahrzeuge außer Gefecht gesetzt. Die Angaben ließen sich zunächst nicht unabhängig überprüfen.

USA: Russland hat bis zu 12 Hyperschallraketen abgefeuert

Als große militärische Neuheit hat Russland im Ukraine-Krieg die Kinschal-Rakate präsentiert. Nach US-Zählung wurden insgesamt 10 bis 12 dieser Hyperschallraketen seit Kriegsbeginn eingesetzt. Ein Pentagonvertreter sagte nach Angaben der britischen BBC, die USA hätten keinen vollständigen Überblick, aber auch keinen Hinweis darauf, dass Russland den neuartigen Waffentypus gegen ukrainische Städte eingesetzt habe. Nach russischen Angaben haben Kinschal-Raketen eine Reichweite von bis zu 2000 Kilometern und fliegen dabei schneller als 6000 Stundenkilometer.

Ukraine meldet mehr als 26.000 getötete Russen

Die ukrainischen Streitkräfte beziffern die Zahl am Dienstag getöteter gegnerischer Kämpfer mit 350, die gleiche Zahl wie schon am Montag. Damit steige die Zahl getöteter Russen und anderer Soldaten seit Kriegsbeginn auf 26.350. Die Angaben lassen sich nicht überprüfen und sind auch laut der ukrainischen Armee ein Schätzwert. Zudem wurden gestern auch 17 russische Panzer zerstört. Insgesamt habe Russland schon 1187 Panzer verloren.

Russland gibt Schlangeninsel nicht auf

Die Kämpfe zwischen ukrainischen und russischen Streitkräften um die Schlangeninsel im Schwarzen Meer dauern nach Angaben des britischen Verteidigungsministeriums an. Russland versuche wiederholt, seine Truppen auf der Insel zu verstärken. Wenn Russland seine Position auf der Insel mit strategischer Luftabwehr und Marschflugkörpern zur Küstenverteidigung festige, könnte es das nordwestliche Schwarze Meer beherrschen, twitterte das britische Verteidigungsministerium in einem Lagebericht. Die Ukraine befürchtet, dass es Russland auf die Eroberung der gesamten ukrainischen Schwarzmeerküste einschließlich der Hafenstadt Odessa abgesehen hat.

Cherson soll bald zu Russland gehören

Dazu passt auch, dass die pro-russischen Behörden im besetzten Cherson einem Medienbericht zufolge um die Eingliederung der südukrainischen Region in Russland bitten wollen. Das meldete die russische Nachrichtenagentur Tass unter Berufung auf einen Beamten der Verwaltung von Cherson. Russland hat im April erklärt, es habe die Region Cherson vollständig unter Kontrolle.

Deutschland startet Ausbildung ukrainischer Soldaten

Die Bundeswehr hat mit der Ausbildung ukrainischer Soldaten an der Panzerhaubitze 2000 begonnen. Geplant sei es, bis zu 18 Besatzungen auszubilden, teilte das Verteidigungsministerium mit. Soldaten, Techniker und Helfer aus der Ukraine waren am Vortag in einer Maschine der Bundeswehr aus Polen kommend in Rheinland-Pfalz gelandet. Die Einweisung findet an der Artillerieschule der Bundeswehr in Idar-Oberstein statt. Zur Verteidigung gegen den russischen Angriff wollen Deutschland und die Niederlande der Ukraine insgesamt zwölf Panzerhaubitzen übergeben, davon sieben aus Deutschland.

EU-Staaten für Gesetz zu Gasreserven

Die EU-Länder unterstützen ein geplantes Gesetz für verpflichtende Gasreserven in der EU, um die Energieversorgung im kommenden Winter zu sichern. In ihrem Verhandlungsmandat legten Vertreter der Staaten fest, dass die Verpflichtung 2026 auslaufen soll, heißt es in einer Mitteilung. Das Gesetz sieht vor, dass die Gasreserven dieses Jahr bis zum 1. November zu 80 Prozent gefüllt sein sollen, und in den nächsten Jahren zu dem gleichen Stichtag zu 90 Prozent. Die EU-Kommission hatte das Gesetz im März vorgeschlagen, um die Gasversorgung zu sichern und Preisausschläge eindämmen. Die EU hat sich vorgenommen, so schnell wie möglich von russischen Energie-Lieferungen loszukommen.

Argentinien bietet Deutschland Gaslieferungen an

Angesichts zunehmender Unsicherheiten bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Energie wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine bringt sich Argentinien als Alternative ins Spiel. "Wir haben viel anzubieten", sagte der argentinische Präsident Alberto Fernández nach einem Treffen mit Bundeskanzler Olaf Scholz. "Argentinien ist ein großer Produzent von Lebensmitteln und Energie." Sein Land verfüge über das zweitgrößte Vorkommen an nicht-konventionellem Gas, das in Form von Flüssiggas weltweit vertrieben werden könne. Fernández zufolge treibt Argentinien eine Reihe von Projekten zur Gewinnung von grünem und blauem Wasserstoff voran. "Das sind alles Chancen, um Energie in andere Teile der Welt zu liefern", sagte der Staatschef.

Energieboykott: Lawrow sieht größeren Schaden beim Westen

Russland hat dagegen nach den Worten von Außenminister Sergej Lawrow ausreichend andere Kunden, sollte der Westen die Einfuhr von Energieträgern einstellen. "Lass den Westen mehr bezahlen als er es an Russland getan hat, und lasst ihn dann seiner Bevölkerung erklären, warum sie ärmer wird", sagte Lawrow bei einer Pressekonferenz in der omanischen Hauptstadt Maskat. Lawrow ist der Ansicht, dass ein Boykott russischer Energie durch die EU den Europäern mehr schaden würde als Russland.

Russland drosselt offenbar Gastransport nach Deutschland

Als kleinen Vorgeschmack auf geringere Gasmengen aus Russland, sind laut Bundesregierung direkt einmal 25 Prozent weniger Gas aus Russland nach Deutschland geströmt. Die Ukraine machte Russland für den Stopp des Gastransits über einen wichtigen Knotenpunkt im Osten des Landes verantwortlich. Der russische Energiekonzern Gazprom habe die Gaslieferungen über die Schlüsselroute Sochraniwka "gestoppt", teilte der ukrainische Gasnetzbetreiber GTSOU mit. Russland habe für den Transit durch die Ukraine bestimmte Gaslieferungen in die von pro-russischen Separatisten kontrollierte Ostukraine umgeleitet, heißt es weiter. Das für Westeuropa bestimmte Gas werde nun über den Knotenpunkt Sudscha umgeleitet, um die Transit-Verpflichtungen zu erfüllen.

Ungarn weiterhin gegen europäisches Ölembargo

Die europäische Union will künftig auch kein Öl mehr aus Russland importieren. Dagegen sträubt sich aktuell vor allem Ungarn. Sollte die Europäische Union die Importe von russischem Öl stoppen, würde dies die ungarische Wirtschaft zerstören, sagte Außenminister Peter Szijjarto. Die EU-Kommission biete keine Lösungen an, um diesem Problem zu begegnen. In einem Video-Beitrag auf Facebook bekräftigte er, es ginge nur, wenn Importe über Pipelines von dem Embargo ausgenommen würden.

Ukraine verliert jeden dritten Arbeitsplatz

Während europäische Staaten über mögliche wirtschaftliche Konsequenzen infolge von Energie-Boykotts sinnieren, hat die Ukraine seit Kriegsbeginn jeden dritten Arbeitsplatz verloren. Das entspricht laut Internationaler Arbeitsorganisation ILO rund 4,8 Millionen Jobs. Gründe seien die "wirtschaftlichen Umbrüche" im Land, Vertreibungen und "Flüchtlingsströme". Im Fall einer militärischen Eskalation werde sich die Entwicklung noch verstärken: Bis zu sieben Millionen Arbeitsplätze würden dann vernichtet, das wären 43,5 Prozent.

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Quelle: ntv.de, als/dpa/AFP/rts

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