Politik

Michail Schischkin im Interview "Die russische Armee kämpft nur ums Überleben"

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Ein Bild, das die Zerrissenheit der russischen Armee offenbart: Beim Abzug aus einem Dorf nahe Charkiw ließen die Russen ihre Toten einfach zurück.

(Foto: AP/Felipe Dana)

Heute ist Michail Schischkin ein gefragter russischer Schriftsteller, der in der Schweiz lebt. In den 80ern diente er als Reserveoffizier in der sowjetischen Armee. Seitdem habe sich die militärische Ausbildung in Russland kaum geändert, sagt Schischkin im Interview mit ntv. Die russische Armee bleibe "eine Schule der Sklaven".

ntv: Michail Schischkin, der russische Angriffskrieg in der Ukraine kommt längst nicht so voran, wie sich der Kreml das wünscht. Woran liegt das?

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Michail Schischkin ist ein russisch-schweizerischer Schriftsteller.

(Foto: IMAGO/Ex-Press)

Die russische Armee kann nicht mehr kämpfen, ohne Moral ist sie nicht mehr kampffähig. Die ukrainischen Soldaten kämpfen, weil sie wissen, warum sie dort sind - sie verteidigen ihre Freiheit. Was verteidigen die Russen dort? Nur ihr eigenes Leben. Sie wollen dort nicht kämpfen. Ich glaube, das Ende des putinschen Regimes beginnt jetzt schon, denn die russischen Soldaten und Offiziere verweigern die Befehle. Und es wird in diese Richtung weiter gehen, bis diese Pyramide zusammenbricht. Die Armee ist die einzige Kraft im heutigen Russland. Wenn sie auseinanderfällt, dem großen Boss nicht mehr zuhört, dann ist es das Ende.

Sie haben selbst als Offizier der Reserve in den 80ern in der sowjetischen Armee gedient, kennen die Kasernen dort - welcher Geist steckt in der militärischen Ausbildung in Russland?

Die russische Armee war schon immer eine Schule der Sklaven. Das war in der Sowjetunion so, das bleibt auch heute so. In dieser Schule wirst du zuerst von anderen Soldaten, die älter sind, zum Sklaven gemacht. Dann machst du die jungen Soldaten zu Sklaven. Diese Brutalität, dieser Hass, diese Unmenschlichkeit trägst du in deinem Herzen, in deiner Seele - und in deine Familie zurück.

Spricht das nicht für eine innere Zerrissenheit des russischen Militärs?

Im Internet kann man Aufnahmen der abgefangenen Telefonate der russischen Soldaten finden. Es ist sehr interessant, was sie über eigene Offiziere sagen. Die Armee muss eigentlich auf Solidarität beruhen, aber die Soldaten berichten davon, dass die Offiziere sie im Stich lassen. Sie sind für die eigenen Generäle einfach nur Fleisch. Auf der Militärparade auf dem Roten Platz hat man diese jungen Soldaten gesehen, wie sie im Stechschritt in den Tod marschieren. Das waren lebendige Leichen. Es tut weh, zu sehen, dass sie diese verbrecherischen Befehle erfüllen.

Wie groß ist denn dann noch der Rückhalt in Russland für Putins Krieg?

Ich habe in einem Telegram-Kanal der russischen patriotischen Opposition eine Meinung gelesen: "Was machen wir in der Ukraine? Sollten uns die Amerikaner oder irgendwelche Feinde angreifen, würde ich als erster in den Krieg ziehen. Wird aber jetzt die Mobilmachung ausgerufen, werde ich mich drücken." Die Leute verstehen nicht, warum sie andere Leute erschießen müssen, warum sie dort ihr Leben opfern müssen. Irgendwann kommt es dazu, dass sich die Menschen zu einem Aufstand erheben werden. Denn das eigene Leben ist doch wichtiger, als die Befehle irgendwelcher Generäle, die in Moskau sitzen.

Kann Russland aus ihrer Sicht so überhaupt den Krieg gewinnen?

Die russische Armee kämpft in diesem Krieg nur ums Überleben. Und der einzige Weg zum Überleben ist, am Krieg gar nicht erst teilzunehmen. So wird dieser Krieg enden.

Wir hören immer wieder von brutaler Gewalt in diesem Krieg, der von der russischen Armee ausgeht. Mögliche Kriegsverbrechen in Butscha etwa. Aber auch Angriffe auf die eigenen Befehlshaber. Ein russischer General soll von den eigenen Soldaten mit einem Panzer überfahren worden sein, er ist an seinen Verletzungen gestorben. Wo kommt diese Rohheit her?

Haben Sie diese Soldaten gesehen, bevor sie in die Armee einberufen worden sind? Sie haben schon zuhause vergewaltigt. Das sind junge Leute, die bereits im Gefängnis waren, wie auch ihre Väter, Großväter und so weiter. Ein Drittel der russischen Bevölkerung hat eine Verbindung zum Gefängnis: Entweder sie selbst waren dort oder die nächsten Verwandten. Was erwarten Sie von Menschen, die sowieso Verbrecher sind?

Aber so kommt doch niemand auf die Welt, so sind ja nicht alle russischen Soldaten. Irgendwo müssen diese Männer diese Taten dennoch vor sich selbst rechtfertigen. Und auch vor den Menschen in Russland. Wie hält sich das System dennoch aufrecht?

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Das ist eine gute Frage. Wissen Sie, das Schlimmste ist, dass die meisten Leute in Russland sehr zombiefiziert sind. Sie glauben, dass sie in einem Kampf gegen den Faschismus sind. Ich habe ein Telefonat eines 19-jährigen russischen Soldaten, der in der Ukraine gefangen genommen wurde, mit seiner Mutter gehört. Er sagt: "Mama, hier gibt es keine Faschisten, man hat uns angelogen. Wir erschießen hier Zivillisten." Und die Mutter kann ihm nicht glauben, sie antwortet: "Nein, sie haben dich geschlagen, damit du sowas sagst. Du bist ein Held, du kämpfst gegen den Faschismus." Für sie ist es die ganze Welt. Sie ist die Mutter eines Helden, der gegen den Faschismus kämpft. Und wenn ihr Sohn selbst ein Faschist ist, dann bricht ihr Weltbild zusammen. Das ist das große Problem in Russland. Wie kann man zur nationalen Schuldanerkennung kommen, wenn die Leute glauben, dass die ukrainischen Soldaten selbst die ukrainischen Zivilisten in Butscha getötet haben?

Mit Michail Schischkin sprach Daniel Spliethoff

Quelle: ntv.de

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